Posts Tagged ‘Vater’

Zeugen Jehovas.

21. September 2013

Gerade standen Zeugen Jehovas vor meiner Wohnungstür. Ein Junge, vielleicht 12 oder 13, und vermutlich sein Vater. Der Junge war mitten im Stimmbruch, hatte viele Pickel und Sommersprossen und war noch ziemlich klein. Der Junge sagte, während sein Vater ein paar Schritte hinter ihm auf der Treppe stand: „Ich bin zu Ihnen gekommen, um Ihnen ein Heft über das Leid in der Welt zu schenken.“ Der Junge versuchte auf eine schrullige, fast schon niedliche Art selbstbewusst zu wirken. Ich bat um einen Moment und suchte meine Brille; wunderte mich dabei über den Satz des Jungen. Wieder an der Tür nahm ich das Heft dankend an mich, der Junge lächelte. Dann sind die beiden Zeugen gegangen.

Auch wenn das Heft jetzt ungelesen im Müll liegt, wollte ich den Jungen nicht vor seinem Vater blamieren oder mit Fragen verunsichern, die sich zwischen Tür und Angel nicht klären lassen; mit irgendwelchen Sätzen und Meinungen, die man als Uninteressierter in Momenten wie diesen parat hat. Ich wollte keine Diskussion anzetteln oder unhöflich werden, nur weil ein anderer Mensch andere Ansichten hat. Der Junge sah stolz aus, dass er sein Heft los geworden ist, und nichts schien mir in diesem Moment wichtiger als ein Lächeln auf seinem Gesicht zu sehen.

Wenig später habe ich einer Freundin von diesem Ereignis erzählt. Sie sagte, dass sie früher als Jugendliche auch bei den Zeugen Jehovas gewesen und von Tür zu Tür gegangen war. Sie fand es ganz schrecklich. „Dich hätte ich sofort in meine Wohnung gelassen!“, sagte ich und wir lachten. „Wir hätten Kaffee getrunken und Musik gehört, wären bestimmt Freunde geworden.“

Und genau das wünsche ich dem Jungen. Dass er sich treu bleibt und viel liest und an seiner emotionalen Reife arbeitet, dann findet bestimmt auch er jemanden, der ihn zu sich lässt. Ich hoffe, er glaubt an sich und nicht an Dinge, die ihm auferlegt werden. Denn mich wiederum verunsicherte die Vaterfigur; der Mann, der hinter ihm stand, der den Jungen genau beobachtete.

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Unangekündigter Besuch.

28. Mai 2013

Ich war gerade bei Daniel, als mich mein Vater anrief. Er grüßte mich und fragte, ob „Grüß Gott“ über dem Eingang des Hauses stünde, in dem ich wohne. Ich bestätigte das verwirrt und fragte ihn, weshalb er das wissen wolle. Mein Vater antwortete, dass er seit drei Uhr nachmittags dem Haus sei und gerne einen Kaffee mit mir trinken wolle. Dann fragte er, ob ich denn nie das Haus verlasse, er warte schon seit fünf Stunden auf mich. Ich war entsetzt, denn es war acht Uhr abends und ich hatte kurz nach drei mit Daniel das Haus verlassen. (Ob er uns verfolgt hatte?) Ich war genervt — er hatte weder geschrieben, noch angerufen — und erfreut zugleich. Ich sagte ihm, dass ich in zehn Minuten zu Hause sei.

Da stand er wirklich, an sein Auto gelehnt. Auf dem Heimweg dachte ich, dass er mich auf den Arm nehmen möchte, aber er war tatsächlich da. Ich umarmte ihn und wir gingen in’s Haus. Ich hatte mir seinen ersten Besuch in meiner Wohnung anders vorgestellt, doch nun war es wie es war. Ich schloss Haus- und Wohnungstür auf und hieß ihn willkommen in meinem Zuhause. In der Küche war mein Mitbewohner mit seiner Freundin am Kochen und ich grüßte sie mit dem Satz: Wir haben Überraschungsbesuch! Die Verwunderung stand ihnen buchstäblich in’s Gesicht geschrieben, als sie meinen Vater sahen. Ich stellte meinen Vater vor und sie gaben ihm die Hand. Dann folgte eine kleine Führung durch die Wohnung: Küche, Bad, Flur, Philipps Bereich bestehend aus Wohn- und Schlafzimmer, und zu guter Letzt mein Zimmer. Es war etwas chaotisch. Überall lagen Schulsachen und Ordner und auf dem Boden türmte sich ein Berg Wäsche, den ich eigentlich an dem Abend in die Maschine stecken wollte. Er sah sich die Bilder, Poster und Gemälde an den Wänden an, begutachtete die Möbel und Raumnutzung. Mein Zimmer gefiel ihm, das freute mich. Dennoch war ich wütend darüber, dass er ohne Ankündigung auf der Matte stand und ich nicht einmal Kuchen zu bieten hatte; alle Bäcker unterwegs hatten bereits geschlossen.

Wir saßen auf dem Balkon, tranken Kaffee und aßen Kekse, im Garten wehte die Wäsche an den Wäscheleinen, die Abendsonne schien direkt auf uns. Ich erzählte ihm, was ich an dem Tag alles unternommen hatte, und fragte ihn, weshalb er sich denn nicht eher gemeldet hatte. Wir hätten den Tag sinnvoll nutzen können und er hätte nicht fünf Stunden warten müssen. (Oder mich verfolgen?) Einerseits war es unglaublich, dass er mehr als 300 km hergefahren war um mich zu sehen, andererseits fühlte es sich wie Kontrolle an. Ich war wütend, aber es wäre nicht richtig gewesen, meine Wut auf ihn zu richten; schließlich war er mein Gast, wenn auch unangekündigt. Also sparte ich mir das.

Wir sprachen viel und lange über alles Mögliche und irgendwann kam er zu seinem Punkt und sagte er, er sei gekommen um mir in’s Gesicht zu sagen, dass er meine Art zu leben nicht richtig fände. (Also dass ich auf Männer stehe, an Wohnung, beruflicher Planung und auch sonst an nichts Anderem hatte er nichts auszusetzen.) Das war nichts Neues für mich, ich sagte meine zwei, drei Sätze dazu. Er fragte mich, ob ich glücklich sei. Ich antwortete deutlich mit einem Ja. Er sagte, dass könne nicht stimmen. Und siehe da: Aussage gegen Aussage. Ich zog die Geschworenen heran und bot ihm an: Papa, hinter dieser Glasscheibe in der Küche sind zwei Menschen am Werkeln, die mich bestens kennen, weil sie mit mir zusammen wohnen. Wenn du magst, kannst du sie fragen, ob ich glücklich bin.

Er wollte sie nicht fragen. Nun, dann halt eben nicht. Er wünschte mir, dass ich den richtigen Weg finde. Ich lächelte, denn an dem Wunsch gibt nichts auszusetzen, und bedankte mich.

Wir tranken noch eine Tasse Kaffee und dann wollte er auch schon wieder fortfahren. Ich sah mir die Situation von oben an und musste lächeln, denn wir saßen in einem Paradies, das in Grün und in Ruhe gelegen war und in dem es alles außer Kuchen zum Kaffee gab, und er sagte mir, er fände meine Art zu leben falsch. Das ist doch lustig! Ist das nicht lustig? würde jetzt der kleine Junge in mir fragen.

Ich wollte ihn nicht einfach gehen lassen, also fuhr ich mit ihm auf die Wilhelmshöhe. Wir standen über der Stadt unter dem Herkules und sahen der Sonne beim Untergehen zu. Er sollte sehen, wie schön es in Kassel ist und wie lebenswert. Dann fuhr er mich nach Hause und machte sich auf den Weg.

Wieder in der Wohnung sprach ich mit Philipp und seiner Freundin über dieses Geschehnis. Wir fanden es skurril, aber gut, denn es zeigte deutlich, dass mein Vater sich für mein Leben interessiert und dass da Potenzial ist. Und nun hat er auch die Gewissheit, dass ich nicht unter einer Brücke bei drogenabhängigen Homosexuellen im HIV-Endstadium wohne.

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Das war an einem Freitag. Am Dienstag darauf wurde ich von Oma, Opa und Onkel, Vater, Mutter und Bruder heimgesucht.

Immerhin angekündigt. Ich konnte aufräumen und alles in Glanz erstrahlen lassen. Es gab wieder eine kleine Führung durch die Wohnung, ein paar Einblicke auf meinen grünen Daumen (die Tomaten!) und kalte Getränke. Als Gastgebergeschenk wurde ich mit Paprikapflanzen und Petersilie, einer Packung „Merci“ und etwa einer Tonne an selbst gemachten Backwaren und Gekochtem beehrt.

Kritik gab es fast nur positive, meiner Oma z.B. gefielen vor allem die funktionellen Aspekte (erster Stock, Balkon, Garten), die sonnige Lage und die hohen Decken der Wohnung. (Okay, Oma wollte wissen, wo Mekka ist, damit sie gen Mekka beten kann, aber ich wusste das nicht.) Lediglich meine Mutter sagte etwas, das ich als negativ empfand, und zwar: In der Wohnung sähe es sehr studentisch aus. Ich habe es heruntergeschluckt und habe kein Wort dazu gesagt, denn es gibt einen entscheidenden Grund, weshalb es hier „studentisch“ aussieht. Erster Teil: Philipp legt sein Geld in Weltreisen an. Zweiter Teil: Ich wurde finanziell nicht von meinen Eltern unterstützt und musste mir Geld von Freunden leihen, um überhaupt ein Bett, ein Regal und einen Kleiderschrank zu haben. Die Schulden mussten abbezahlt werden, allein schon aus Gewissensgründen, und bei meinem Gehalt als Freiwilligendienstleistender bzw. Auszubildender hat es entsprechend lange gedauert. Seit diesem Monat bin ich endlich schuldenfrei; ich habe eineinhalb Jahre gebraucht. Es war nicht einfach für mich. Aber egal, ich möchte nicht weiter darüber aufregen.

Als wir gerade dabei waren, das Haus zu verlassen und in die Aue zu gehen, kam die Nachbarin mit Philipps Hund vom Gassi gehen zurück. Sie war erstaunt, dass so viele Menschen im Wohnungsflur unterkommen konnten. Ich stellte die Familie der Nachbarin vor und sie sagte: „Sie haben einen sehr freundlichen jungen Mann erzogen, so sollten alle Nachbarn sein. Er ist neben mir der einzige Mensch in diesem Haus, der die Treppen kehrt, und er schaut auch nach mir, ob ich denn tot in der Wohnung liege. Immer freundlich, immer zuvorkommend. Sie können stolz auf ihn sein!“ Diese Worte haben den Zorn in mir gelindert und in den Ohren der Familie Vieles bewirkt.

In der Aue waren wir etwa eine Stunde, dann gab es Kaffee und Kuchen in der Orangerie. (Traumhaft für Gäste!) Zum Schluss fuhren wir allesamt zum Herkules. Die Stadt unter uns, zu Füßen quasi; Eindruck vorprogrammiert. Das war’s auch schon, sie fuhren fort.

Dieser Besuch ist sehr gut verlaufen. Ich habe ihnen mein Leben vorgestellt und sie haben es angenommen. Ihnen hat gefallen, was sie gesehen haben, und letztlich haben sich ihre Sorgen und Bedenken aufgelöst. (Wobei man wissen muss, dass nur mein Vater und meine Mutter wissen, dass ich schwul bin, und dass alle Anderen denken, ich sei irre und deshalb aus dem Schoß der Eltern abgehauen.) Ich führe ein anständiges Leben in einer sauberen, grünen und sonnigen Stadt. So können sie mich in Erinnerung behalten. Das finde ich gut.

Kein Verrückter, nein.

1. Januar 2012

Ich weiß nicht, was sie meiner Großmutter erzählt haben, aber es macht mich wütend, dass Oma schluchzend zum Abschied sagte, sie trauere um mich. Ich sei doch gar kein Verrückter, nein. Ein anständiger Sohn sei ich, schon immer gewesen, einer der guten Menschen, der richtigen und guten.

Wäre in diesem Moment nicht mein Onkel gekommen, hätte er nicht gesagt Weshalb sollte der Junge wieder kommen, wenn ihr ihn jedes Mal so verabschiedet?, hätte auch ich geweint. Nicht, weil ich traurig bin oder etwas bereue, vielmehr aus Wut und Verzweiflung; weil ich nicht weiß, wie ich die Tränen all jener verhindern kann, die mir etwas bedeuten. Dabei kenne ich das Problem, ich weiß, dass jeder in der Kultur meiner Familie, der seinen eigenen Weg gehen möchte, als verrückt oder bösartig abgestempelt wird. Letztendlich, nach all den Monaten meines Outings, bin ich wie zuvor der Verlierer, der fremde und schlechte Sohn, weil ich mache, was ich möchte. Weil ich mich keinen Regeln unterwerfe, die andere entworfen und für richtig erklärt haben, und weil ich die Erwartungen nicht erfülle. Ich gehe meinen eigenen Weg, mache also das, was sich im Grunde alle Eltern von ihren Kindern wünschen, und dennoch werde ich dafür verurteilt.

Tatsächlich frage ich mich, ob ich noch einmal zu meiner Oma fahren möchte, wenn das Ende immer gleich ist, so schön die zwei Tage dort auch waren. Mit meinen Eltern ist es ja nicht anders, nur dass ich dort schon während meines Aufenthalts mit unerfüllten Erwartungen, Krankheit und Selbstsucht beschuldigt werde. Ich frage mich, ob es gut für mich ist, dass ich auf dem Rückweg immer traurig bin und nicht weiß, wie ich das unterbinden kann.

Als ich zuletzt bei meinen Eltern war, gab es einen kleinen Autounfall. Ich war abends mit meiner Mutter in der Stadt, und auf dem Rückweg ist sie gegen einen Leitpfosten gefahren. Viel ist nicht passiert, lediglich der linke Seitenspiegel wurde abgerissen. Meine Mutter ist entweder eingenickt oder ihr Blutdruck ist in den Keller gefallen, jedenfalls hat sie sich enorm erschrocken und war wie gelähmt, als das Auto zum Stehen gekommen ist. Ich bin ausgestiegen und habe auf der Wiese die Teile des Seitenspiegels zusammengesucht und den Pfosten an seine ursprüngliche Stelle gelegt, dann sind wir nach Hause gefahren. Und zu Hause sagte mein Vater, dass dieser Unfall meine Schuld sei, wie es auch alle anderen zukünftigen Unfälle und Pannen sein werden. Und obwohl ich genau weiß, dass das Schwachsinn und purer Nonsens ist, gibt mir das zu denken. Es lässt mich nicht mehr los, dass ich der Sündenbock und an allem Schuld bin. Das ist auch der Grund, weshalb ich nicht vorhabe, meine Eltern zu besuchen, solange es nicht nötig ist. Das letzte Mal war ich dort, weil ich meine Aufenthaltserlaubnis verlängern lassen musste. Ich möchte nicht jedes Mal geknickt zurückkehren, und solange ich die Rolle des Sündenbocks habe, will ich nicht in der Nähe meiner Familie sein.

Was ich will, ist einfach nur als der Sohn geliebt werden, der ich bin. Ich will keine Bedingungen erfüllen müssen und als das angenommen werden, was ich bin. Ich will mich nicht länger verstellen müssen, weil man es so von mir erwartet. Und falls das nicht ehrenwert ist, dieser schlichte Wunsch, falls das nicht für mich spricht, bleibt mir nichts anderes übrig, als lebenslang der schlechte Sohn zu sein, weil ich mich nicht der Familie annähere.

Mein Vater und die eine Sache.

4. November 2011

Ich frage meinen Vater, ob er stolz auf mich sein könnte und sich auch nur einmal für mich freuen würde, wenn ich der herzensbeste Mensch auf der Welt wäre, doch seine einzige Antwort auf diese Frage, bei deren Aussprache mir das Blut in den Adern gefriert, ist: „Nein, denn dann hätte ich ja immer noch einen schwulen Sohn.“

Stunden vorher wirft er mir vor, dass ich nur deshalb so weit weg von der Familie ziehen würde, damit ich mich in den Arsch ficken lassen und primitiver als jedes Tier und somit vollkommen menschenunwürdig leben kann. Ich frage, ob nur DAS seine einzige Sorge, seine eine große Angst ist und sage ihm, dass ich keinen Gefallen an Analverkehr finde und nicht DAS der Grund für meinen Wegzug ist. Ich sage, dass er sich zu sehr auf diese eine Sache beschränkt und nicht in der Lage ist, etwas anderes zu sehen. Dass er blind ist, es immer war. Dass er nicht um mich, sondern um die Idealversion seines Sohnes trauert. Dass er um all die Träume und Vorstellungen trauert, die niemals sein werden, wie er sie sich ausgemalt hat. Ich sage, dass mit meinem Outing die vorherigen Probleme nicht verschwunden sind, sondern noch viel mehr an Wucht dazu gewonnen haben. Dass es für mich ebenfalls nicht einfach und vor allem schmerzhaft ist. Und dass ich jetzt nicht mehr nur um Anerkennung und Wertschätzung, sondern auch dafür kämpfen muss, meiner Familie klar zu machen, dass ich weder krank, noch wahnsinnig oder verrückt bin. Dass ich keine Gehirnwäsche hinter mir habe, sondern immer noch derselbe Sohn bin wie zuvor, mit demselben Herzen in der Brust und denselben Augen im Kopf. Dass ich nur bin, wie ich bin und sein möchte.

Meine Eltern glauben ja, dass das alles eine vorübergehende Phase und ein Test Gottes ist. Ein Verhaltenstest, den sie meistern müssen, indem sie mir auf die „richtige Seite“, „zur Gesundheit“ und „zu Verstand“ helfen.

Es deprimiert mich in einer nicht enden wollenden Weise, dass ich ein Leben vor mir habe, in welchem ich meine Eltern nicht werde zufrieden stellen können. Und gleichzeitig verspüre ich das gewaltige Verlangen, ihnen und allen, die an mir zweifeln, mit aller Wucht, Macht und Energie zu beweisen, dass ich sehr wohl bei Verstand und ganz bestimmt ein guter Mensch bin.

Zwei Tage im neuen Leben.

1. August 2011

In der ersten Nacht weine ich an seiner Brust, wie ich noch nie zuvor in meinem Leben geweint habe. Am nächsten Tag sagt er mir in einem passenden Moment, dass das kein Weinen, sondern vielmehr Rotz und Wasser heulen gewesen ist. Er sagt, dass es nicht stimmt, was ich in dieser Nacht sagte. Es stimmt nicht, dass du „zurück“ musst, denn du warst niemals wirklich dort. Niemand wird dich aufhalten können, du bist schon längst gegangen. Und damit hat er Recht, denn das Elternhaus war niemals mein Zuhause, niemals ein Ort, an dem ich mich wohl und geborgen gefühlt habe. Er hingegen ist genau das für mich: ein Zuhause, ein Ort, an dem es mir gut geht, an welchem ich mich lebendig und vor Allem glücklich fühle.

Am Tag meiner Abreise bin ich zuversichtlich, und von Trauer oder Trübsinn ist nicht die leiseste Spur zu erkennen. Er kauft mir ein Ticket in die nächste Stadt, von wo aus ich per Mitfahrgelegenheit zurück fahren werde. Der Zug hält an, ich laufe zur Tür und spüre kurz seinen Blick an mir haften. Ich steige in den Zug und sehe ihn dort stehen, zwei Meter von mir entfernt. Er ist gerade dabei, zwei älteren Menschen den Weg zu weisen, und als er fertig damit ist, treffen sich unsere Blicke wieder. In seinem Blick liegt etwas sehr Zärtliches und Vertrautes, etwas, das mich sehr berührt. Ich lege meine rechte Hand an die Glasscheibe und sage mir, dass ich nicht traurig werden darf, dass es keinen rationalen Grund dafür gibt, ausgerechnet jetzt zu weinen. Doch als der Zug in’s Rollen kommt und losfährt, unsere Blicke sich unweigerlich voneinander trennen, empfinde ich dasselbe Gefühl, das ich bei unserem ersten Abschied im Juni verspürt habe: ich fühle mich, als wäre ich erschossen worden. Mitten in’s Herz, genau dort hin, wo es so sehr schmerzt, dass ich aufschreien könnte. Doch ich schlucke die Tränen, den Schmerz herunter, und beiße mir auf die Lippen. Nicht jetzt, jetzt nicht!

Kurz nach sechzehn Uhr ruft mein Vater an. Ich sage ihm, dass wir gerade losgefahren sind, ich und meine Freunde, und dass wir bald zu Hause sein würden. Und während ich das sage, merke ich, wie dumm das gewesen ist. Denn die Fahrt würde etwa vier Stunden dauern, die Haustüre würde ich also erst gehen zweiundzwanzig Uhr aufschließen. Sechs Stunden, die ich nachher rechtfertigen muss. Und ich denke mir, dass es schon irgendwie gut werden würde, ich klug genug bin, um mir eine passende und glaubhafte Ausrede einfallen zu lassen.

Um zwanzig Uhr klingelt das Handy nochmals und ich gehe ‚ran und sage, dass ich bald da bin, wir gerade an einer Tankstelle in der Nähe sind und ich deshalb nicht die viermal zuvor an’s Telefon gegangen bin, weil es auf lautlos geschaltet war. Und wieder bewundere ich meine Dummheit, und hasse mich dafür. Der nächste Bus in’s Dorf fährt erst in einer Stunde, also überlege ich mir, zu sagen, dass ich mit zu den Freunden gefahren bin, sie mich eingeladen haben. Ich gehe in eine Dönerbude am Bahnhof und warte dort auf den Bus, lese eines der beiden Bücher weiter, die mir mein Held ausgeliegen hat. Schon ein Drittel habe ich hinter mir, als mich ein Besucher des Ladens fragt, ob ich die restlichen Stücke seiner Pizza essen würde, er sei schon satt. Ich freue mich und sage zu, bedanke mich und esse die beiden Pizzastücke. Ich glaube, dass das die beste Pizza ist, die ich je gegessen habe.

Der Bus ist da, ich steige ein und fahre in Richtung Wohnort. Während der Fahrt klingelt immer wieder mein Handy; es ist mein Vater, ich schalte auf lautlos und hebe nicht ab. Er würde hören, dass ich im Bus sitze. Doch er lässt nicht locker, ruft jede Minute an, wieder und wieder. Macht mich wahnsinnig. Natürlich, sein Sohn ist immer noch nicht da, doch ich habe ihm vor einer Stunde gesagt, dass ich bald da sein würde. Ich rede mir ein, dass ich ihn damit konditionieren könnte, indem ich nicht abhebe. Doch nichts Dergleichen.

Kurz vor dem Wohnort meiner Eltern schreibt mir Marie, eine meiner Freunde, mit denen ich — so sagten wir es jedenfalls zu meinen Eltern — über’s Wochenende nach Hessen verreist bin, eine SMS, in der steht, dass mein Bruder und mein Vater sie angerufen haben und sie ihnen sagte, dass ich schon unterwegs nach Hause bin. Scheiße, denke ich. Du bist aufgeflogen.

Im Wohnort sehe ich mich um; könnte ja sein, dass mein Vater irgendwo steht und nur darauf wartet, dass ich mich selbst verrate. Ich glaube niemanden zu sehen und steige aus dem Bus, und mein Bruder, der sich hinter einem Baum versteckt hat, rennt los nach Hause. Er hat mich erkannt. Ich werde gleich tot sein. Ich laufe nach Hause und versuche währenddessen eine Ausrede, einen Ausweg zu finden, doch das Denken ist mir nicht möglich. Er wird mich schlagen, er wird mich schlagen. Und da steht er schon an der Tür, auf mich wartend, wütend das Gesicht, die Körperhaltung aggressiv.

Ich sage: Was ist denn los? Vater sagt: Komm‘ erst einmal in’s Haus! Ich streife meine Schuhe ab und lasse meinen Rucksack auf der Treppe zurück, gehe in’s Wohnzimmer und ziehe meine Jacke aus, setze mich, wie es mir befohlen wurde. Ich fühle mich, als sei dieser Moment die letzte Stunde meines Lebens, das erste und letzte Gericht, vor dem ich mich verantworten müsste.

Sie sagen mir, dass sie mich durchschaut haben, mich und meine Lügen, dass sie Bescheid wissen. Mir stockt der Atem. Sie sagen, dass ich gar nicht mit Marie nach Hause gefahren bin, sondern mit der Bahn, denn Marie habe ihnen am Telefon gesagt, dass ich schon unterwegs sei. Sie sagen, dass sie wissen, dass Marie noch dort geblieben sei, aber nicht, dass Marie das gesagt hat. Und das hat sie auch nicht, denn sie schrieb mir, was sie sagte. Und plötzlich reimen sich meine Eltern eine Ausrede zurecht und ich stimme und gebe zu, dass ich gelogen habe. Weil ihr mir eh wieder vorwerfen würdet, dass meine Freunde mich nur ausnutzen und stehen lassen! Lügen, alles, durch und durch.

Nach langer Diskussion glaube ich mich aus der Misere gerettet zu haben, doch dann verlangt Vater nach meinem Handy. Erst weigere ich mich, doch dann beuge ich mich, als er mir Schläge androht, mich sehr fest am Arm packt. Ich beuge mich, um nicht zu zerbrechen und händige mein iPhone aus, das einzige Etwas in meinem alten Leben, mit dessen Hilfe ich mit meinem neuen Leben, mit meinem Helden kommunizieren kann. Er verlangt nach dem Sicherheitscode und ich sage ihn auf, weil ich ihn selbst nicht eintippen darf. Er öffnet meine SMS-App und ich sehe schon mein Blut an seinen Händen kleben, doch glücklicherweise sind nur die Nachrichten von Marie zu sehen. Er hätte nur auf Zurück tippen müssen, um die Nachrichten an meinen Freund zu lesen. Bevor es soweit kommt, schlage ich vor, Marie zu schreiben, dass ich jetzt zu Hause bin und alles okay ist, sie sich keine Sorgen zu machen braucht. Ich schreibe ihr die SMS, wieder eine Lüge, und zeige sie meinem Vater, schalte dann das Handy aus und gebe es ihm, sage, dass ich jetzt endlich auf’s Klo muss und gehe die Treppen hinauf und wecke den Computer aus dem Ruhezustand auf, gebe die Fernlöschung aller Daten meines iPhones in Auftrag und gehe dann sofort auf’s Klo, denn mein Vater kommt die Treppen hochgestürmt. Er fragt mich durch die Klotüre hindurch, wie meine PIN lautet, ich sage sie ihm und weiß, dass er mit der Eingabe dieser mein iPhone löscht. Und so geschieht es, ohne dass er es merkt. Alles ist fort, mein Handy ist ein Backstein in seinen Händen.

Im Wohnzimmer sagt mir mein Vater wieder einmal, dass er mir und nicht an mich glaubt, und dass aus mir nie etwas werden wird, ich scheitern werde. Er sagt, ich sei dazu verdammt, und nichts Anderes käme für mich in Frage. Du wirst versagen!

Zwei Wochen lang wird er mir den einzigen Gegenstand vorenthalten, ohne den es mir wirklich schwer fällt, das Real Life zu durchleben. Das ist eine harte Strafe, aber dennoch um Welten milder als die, die ich bekommen hätte, wäre die Wahrheit an’s Tageslicht gekommen. Hätte er nur den vorletzten Nachrichtverlauf gelesen, die Mail-App gestartet oder in das Kontaktbuch gesehen, wäre meine Welt in tausend Teile zersplittert. Ich wäre dann nur noch ein Trümmerhaufen, jämmerlich und ausgebrannt.

Ich habe mich wieder einmal gebeugt, um nicht zu zerbrechen, und ich bin es müde und so sehr leid. Diesen Text habe ich wie in Trance niedergeschrieben und bevor dieser Absatz entstand, habe ich sehr heftig geweint, wieder im Elternhaus, wieder zürück sein zu müssen. Dieser Vorfall kann niemals das Wochenende, das voller Freude und Lächeln gewesen ist, überschatten, trotzdem überwiegt im Moment der Schmerz, der daraus geboren wurde. Ich habe an die vielen und wahren Worte meines Helden gedacht und mir dennoch gewünscht, niemals in den Zug und zur Mitfahrgelegenheit gestiegen zu sein. Ich habe mir zum ersten Mal gewünscht, tot zu sein, damit ich endlich leben und in Frieden ruhen kann.

Der Leichnam eines Sohnes.

6. Mai 2011

Bald ist der Wall hoch, groß und echt genug, um mich allumfassend schützen zu können, und bald bin ich stark, mutig und klug genug, um den Fortschritt zu wagen. Und wenn dieses Bald dann ist, wird von mir nur noch der Wall zurück bleiben, denn ich werde fort gehen und hinter mir lassen, was mich schmerzt.

Treppenstufen.

30. April 2011

Ich stehe früh auf und gehe zur Mathenachhilfe, lerne drei Stunden für mich und laufe wieder nach Hause, wecke meinen Vater und schmiere mir und meinem Bruder Brote. Ich schreibe ein wenig an meiner Abschlussarbeit weiter und werde dann mit in die Moschee geschleift, Gott sei wichtiger.

Ich sitze zwischen knapp tausend Gläubigen und lausche der Predigt. Muhammed sei ein Spiegel, und wenn man selbst ein richtiger Muslim sei, so könne man sich selbst in diesem Spiegel erkennen. Erfülle man nicht die Pflichten eines Muslims, so könne man sich in Mohammed nicht wieder erkennen. Es sei die Pflicht eines jeden Muslims, ehrlich, aufrichtig und herzlich, für den Frieden und gegen alles Schlechte zu sein, das Schlechte zu vermeiden und es zu verhindern, indem man gut handle und ein gutes Verhältnis zu Mitmenschen und Umwelt habe, Ehre und Stolz bewahre, den Weg Gottes gehe. Es sei eine unverzeihliche Todsünde, die Existenz Gottes zu bezweifeln, und wer von dessen Wegen abkomme, der sei für immer verdammt, habe einen ewigen Platz in den ewigen Gluten des ewigen Feuers.

Mittlerweile schmerzt mich der Gedanke an dieses Feuer nicht mal mehr, mittlerweile gibt es nämlich kein Feuer in meinen Gedanken, in dessen Flammen ich bis in alle Ewigkeiten leiden muss.
Ich frage mich, weshalb mir schon mehrere Leute sagten, die Menschen in den vorderen Reihen der Moschee würden mehr „Punkte“ für ihre Hingabe erhalten. Ich frage mich, welcher Gott nach so einem Punktesystem seine Jünger bewerten und welchen Sinn das haben könnte. Das Hungern am Tage während des Ramadans halte ich für ziemlich sinnlos, da man sich von abends bis morgens zuspachtelt bis der Bauch zu platzen droht. Wie soll man da nachvollziehen können, wie sich jemand fühlen muss, der keine Möglichkeiten hat, drei Malzeiten am Tag und mal hier und mal da etwas zu essen; wie es für jemanden sein muss, zu dursten? Zumal in keinem Monat des Jahres so viel und gut gekocht wird, in fast schon perversen Mengen, von denen genau nichts übrig bleibt. Wäre es nicht „menschlicher“, seine Nahrung, diese fast verschwenderischen Massen, mit Fremden und Hilfebedürftigen zu teilen, als „Punkte“ zu sammeln, die man gegen das so genannte Paradies einlösen kann? Wäre man nicht ein besserer „Muslim“, wenn man sich nicht für Gott, sondern für sich, seine Mitmenschen und die Welt um einen herum bemüht?

Ich frage mich meine Fragen und gehe meinen Gedanken nach, während ich mich von Außen betrachtet für Gott bemühe, wie es sich in den Augen derer gehört, zu denen sich meine Familie zugehörig sieht.

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Zu Hause angekommen, muss ich erst die Reste der von den Wänden heruntergerissenen Tapeten in blaue Säcke räumen und die Treppen grob fegen, damit mein Vater gründlich saugen kann und bevor ich an meiner Abschlussarbeit weiterschreiben darf. Als der Müll in den Müllsäcken und die Treppe schon zur Hälfte gefegt ist, sagt mein Vater von oben herab, dass ich schneller machen solle. Ich sage, dass ich doch gleich fertig bin und er brüllt mich an, ich solle auf meine Antworten achten. Ich sage nichts und fege weiter. Später bin ich fast fertig und fege nochmals vom oberen Stockwerk zum unteren herunter und stolpere über eine Treppenstufe, um dann gleich zu hören, ich solle langsam machen. Du brauchst mir nicht zu sagen, dass ich schneller oder langsamer machen soll. Ich kann das ganz gut alleine und brauche niemanden, der mir sagt, was ich tun soll!, sage ich und er brüllt: Achte auf deine Worte! Was ist das eigentlich für ein Zustand, den du in letzter Zeit an den Tag legst? Gefällt mir gar nicht. Sei endlich ein Mensch! Ich schweige, schweige, schweige.

Damit er nicht sagen kann, ich hätte meine Aufgabe nicht gründlich erledigt, frage ich ihn nach dem Staubsauger. Ich mach‘ das schon, du kannst das eh nicht gründlich. ORR!, denke ich mir und sage: Natürlich kann ich das! Warum glaubst du denn nicht, dass ich es kann? Ich werd’s dir zeigen! Er nickt mit dem Kopf, als wolle er mich abschütteln, sieht nicht mich, sondern seinen Bildschirm an und sagt: Jaja, jetzt geh‘ und mach‘ einfach.

Und als ich die gefegten Treppen mit dem Staubsauger hochsteige, steigen mir Tränen in die Augen. Warum glaubt er nicht einmal an mich? Ich nehme den Staubsaugerdeckel ab und lasse im Bad kaltes Wasser hineinlaufen. Auch ein paar Tränen fallen in den Behälter. Ich werd’s ihm beweisen!

Ich sauge so gründlich ich nur kann, steigere mich so richtig in meine Aufgabe und spreche im Kopf mit meinem Vater.

Ich bin dein Sohn, wider Gott und homosexuell, all das, was für dich die Definition des Schlechten ist. „Vom Teufel besessen…!“, so würde mich der Prediger von heut‘ Mittag beschreiben. Aber weißt du, ich BIN ein MENSCH und ich HABE ein HERZ. Und ich bin mir sicher, dass mein Herz gut ist, dass ich gut bin. Du kannst dir aber nicht vorstellen, wie sehr es mich schmerzt, dass ich in deinem Weltbild „schlecht“ bin.

Mir laufen viele Tränen über das Gesicht, so wütend und verzweifelt bin ich. Du wirst schon sehen! Und weil Staubsaugen nicht gründlich genug ist, nehme ich mir einen Eimer Wasser mit Allzweckreiniger zur Hand und putze den Boden, die Treppen und das Geländer. Ich möchte kein Ich bin stolz auf dich! hören, sondern ein Hast du gut gemacht!, Prima! oder Ui, ist das sauber hier!. Nein, nicht einmal das will ich. Ein Lächeln für mich, das würde mir schon reichen.

Und als ich fertig bin, bin ich ziemlich stolz auf mich, weil Flur und Treppen sauber und rein und glänzend sind. Gut gemacht!, sage ich mir und räume den Eimer weg und leere den Staubsauger aus.

Ich lege mich auf mein Bett und warte darauf, dass mein Vater die Stille im Flur bemerkt und nach mir ruft. Wie schlecht geht es mir denn wirklich, dass ich nach Anerkennung kreischen muss?, denke ich gerade, als mein Vater im Flur herum werkelt und mich wenig später ruft.

Ich gehe die Stufen herunter und alles, was er sagt, ist: Hier, fünf Euro, geh‘ mir Kippen holen.

Dunkle Stunden.

24. April 2011

Er fragt sie nach ihrem Handy, sie sagt, es liegt in ihrer Handtasche. Er greift nach der Tasche, sucht das Handy und findet es, speichert seine Nummer ein und geht in die SMS-Anwendung, tut so, als ob er ihre Nachrichten lesen würde. Sie bemerkt das und es gefällt ihr nicht, sie versucht ihm das Handy zu entnehmen, er gibt sich stark und sie schwächelt, und als er aufsteht, um in das nächste Stockwerk zu flüchten, folgt sie ihm, schließlich will sie ihr Handy wieder haben.

Eine Stunde später mischen sich die Beiden wieder unter die Menge. Außer mir ist keinem der fünfzehn Partygäste das Fehlen der Beiden aufgefallen — jeder scheint mit sich selbst beschäftigt; mit sich, dem Alkohol und den Hormonen, deren Auslöser das jeweils andere Geschlecht ist.

Ich verspüre weder Hormone, noch beschäftige ich mich mit mir oder dem Alkohol. Ich verbringe den Abend damit, meine Freunde und die Freunde des gastgebenden Freundes zu beobachten.

Kurz vor Zwölf verlasse ich das Haus des gastgebenden Freundes und gehe in den Wald, um dort Frieden zu finden. Ich fühle mich frei und glücklich in der Orientierungslosigkeit, kann tief ein- und ausatmen, Ruhe genießen. Die Nacht ist sternenklar und das Laub unter meinen Schuhen knistert leise. Im Wald, da rauscht und raschelt es, doch Angst empfinde ich erst, als das niederschmetternde Gefühl der Realität meine Lungenflügel eindrückt und ich mich verloren und einsam fühle.

Die Lichter auf den Straßen und in den Häusern sind schon längst erloschen, als ich müde in’s Bett falle.

Gegen drei Uhr morgens schleicht sich mein Vater in das Zimmer und beschlagnahmt meinen Computer, in der Hoffnung, ich würde es nicht bemerken. Im Wohnzimmer sieht er sich meine Dateien, Chats und Mails an, während ich ein Stockwerk höher aus Angst kaum atmen kann.

Bin ich vorsichtig genug gewesen? Habe ich das DiskImage ausgeworfen, die Chats gründlich archiviert, Blog-, Reader- sowie Twitter-App nach der letzten Nutzung unsichtbar gemacht? Wird jetzt alles auffliegen, muss ich den Sommer vergessen? Werde ich diese Nacht überleben?

Erst zwei Stunden später legt mein Vater das MacBook zurück und geht in’s Bett. Nach wenigen Minuten der Erleichterung schlafe ich ein und träume vom Sommer, als ob dies der letzte Traum meines Lebens wäre.

Frühling.

31. März 2011

Fast Mittag, der Tag kaum warm, leichter Nebel in der Luft, der Frühling nur zart, die Bäume noch im Flaum der Blüten und Knospen. Ich fühle mich unwohl, mir geht es nicht so gut; vielleicht war es mein Frühstück, vielleicht sind es auch Gründe ohne Ausreden. Ich laufe durch den Rosensteinpark um mich zu verlieren, vielleicht finde ich so wieder zu mir zurück. Meine Gedanken drehen sich wild im Kreis, einen Ausweg aber kann ich nicht erblicken. Im Park ist kaum etwas los; zwei Fahrradfahrer und einen Jogger sehe ich, eine Frau mit Aktentasche, ein paar Hasen und zwei Kinder. Sonst kreuzen sich hier die Wege tausender Menschen, heute aber sind es nur sechs. Ich laufe ganz ruhig, der Kies knirscht kaum hörbar unter meinen Schuhen, der Wind steht still, die Sonne scheint spärlich. Das Gras nimmt langsam Farbe an, doch noch ist es nicht satt und grün, noch ist es erschöpft vom Winter, gräulich und im Kommen. Die Bäume scheinen so verletzlich ohne Blattwerk, so schutzlos unter dem weiten Himmel, doch selbst schützen sie aller Hand Eichhörnchen und Vögel und Kinderwagen.

Kinderwagen?! Ich schaue noch einmal genau hin und sehe wirklich einen Kinderwagen. Schwarz ist er und ziemlich neu, so aus der Ferne betrachtet. Ich frage mich, wer hier auf das Gras einen leeren Kinderwagen hinstellt, unter einen großen Baum. Vielleicht hat ihn hier jemand vergessen? Ich gehe auf den Baum zu und je näher ich ihm komme, desto größer wird mein Unmut. Aus etwa einem Meter Distanz erkenne ich, dass in dem Kinderwagen eine weiße Decke liegt, und darin ein Kind. Ein Kind! Mein Herz zerspringt augenblicklich. Wer lässt an so einem Tag sein Kind hier stehen?! Ganz nah an den Wagen gehe ich heran und sehe in die Augen eines winzigen Babys, dessen Kopf gerade einmal so groß ist wie meine Faust. Es wirkt so jung, so unendlich klein. Das Kind ist sicher erst ein paar Wochen, wenn nicht sogar Tage alt. Armes Kleines, wer hat dich hier ausgesetzt? In deinen Augen sehe ich die Sonne leuchten. Wer weiß, wessen Kind du bist!? Was machst du hier draußen? Ich sehe mich um: weit und breit kein Mensch und keine Notiz am und im Kinderwagen. Kein Geld, kein Zettel, keine Babysachen, nur Bonbons im Seitenfach. In den klitzekleinen Augen des Sprösslings sehe ich ein ganzes Leben, hell schillernd. Die Fäustchen liegen über der Decke, fest geballt. Und darin ruhen unsere Hoffnungen, denke ich. Deine kleinen Fäustchen gegen das Schlechte in dieser Welt. Mich nimmt eine schwere Traurigkeit und Panik ein, die Tränen stehen mir in den Augen. Was mache ich denn nur mit dir? Du siehst mich so unschuldig an, als wüsstest du selbst nicht, was mit dir ist. Wie friedlich du da liegst! Wer bringt dich unter Schmerzen zur Welt und setzt dich in einem Park aus? Mein Herz rast vor Wut und Verzweiflung, es wird gleich noch einmal bersten. Ich zittere. Kleines, du bist wie der Frühling, der dich umgibt! Voller Zuversicht duftest du, hast eine ganze Welt im Gepäck, bist gerade erst angekommen und wirst bald wachsen. So klein bist du und schon schulterst du nicht nur deine eigene, sondern auch die ganze Welt, die dich umgibt. Oh Mann, was mach‘ ich denn jetzt nur? Soll ich die Polizei verständigen? Was ist, wenn du in’s Heim musst? Ganz gleich, wer dein Vater ist, und wer deine Mutter, ich bin genauso verantwortlich für dich. Und auch wenn ich deinen Namen nicht kenne, bist du jetzt mein Sohn.

Ich sehe noch einmal genau nach in den Fächern und im Wagen selbst, neben dem Baby und an der Unterseite des Sichtschutzes; nichts, nur ein kleines Baby und ein großes, noch zu lebendes, gerade erst geborenes Leben. Während des Suchens nach einem Brief oder einer Adresse oder etwas Ähnlichem, fällt mir auf, wie gut das Kind eingepackt ist. Die Decken sind fest und dick, genauso wie die Kleidung. Das Baby selbst scheint die Ruhe in Person zu sein. Es beobachtet mich und sieht mich an, bleibt aber starr bis auf die Augen; die wandern mit. Kann es mich überhaupt sehen? Können so junge Babys schon sehen? Ich überlege kurz und entscheide mich, den Wagen aus dem Park zu fahren. Hier kann ich das Kind keinesfalls stehen lassen, um Hilfe zu rufen. An mein Mobiltelefon denke ich gar nicht. Unten dann, an der Straße, da wird uns sicher jemand helfen.

Als ich nachsehe, ob die Räder des Wagens verriegelt sind, nehme ich die Rufe einer Frau wahr, die den Berg hochgerannt kommt. „Hey, was machst du da?! Lass‘ mein Kind in Ruhe!“ Ich richte mich auf und trete einen Schritt zurück, bin entsetzt und entschlossen, sie fertig zu machen. Als Sie vor mir steht, keuchend und mit dem Puls am Anschlag, erkenne ich Erleichterung in ihren Augen. Hübsch ist sie und jung, vielleicht 25. Sie sieht nicht nach mir, sondern nach dem Kind. Ich bin nur ein Jugendlicher und sage: „Wie können Sie das Kind hier draußen einfach stehen lassen?! Wissen Sie, was alles hätte passieren können?“ Nach ein paar Sekunden des Einredens auf das Baby sagt sie: „Ich habe unterwegs meinen Geldbeutel verloren, hier auf dem Berg. Deshalb bin ich nochmals zurück. Weil der Wagen so schwer ist, habe ich ihn hier geparkt.“ Sie wirkt sehr schuldbewusst. „Aber das können Sie doch nicht machen! Irgendwer hätte den Wagen einfach wegschieben können! Ich wollte gerade damit herunter an die Straße fahren, um die Polizei zu rufen! Ich dachte, der Junge wurde hier ausgesetzt!“ Sie blickt auf den Boden. Auf ihren Schultern die Gurte einer Babytasche. Ich frage mich, weshalb sie die sichtlich schwere Tasche mit sich schleppt, doch das Baby ihr zu schwer ist. Die Frage aber stelle ich ihr nicht. Sie sagt: „Ich weiß, das war falsch. Aber der Geldbeutel ist wichtig! Ich muss einkaufen und darin ist mein Geld, mein Ausweis! Gott sei Dank lag er noch da unten.“ Ich bin sprachlos, erschüttert und berührt. Das Geld ist ihr also wichtiger, das lag da noch! Mir fehlen die Worte, als sie sagt und mit dem Wagen davon spurtet: „Danke für deine Hilfe! Gut, dass du für mich aufgepasst hast!“

Minuten später stehe ich noch immer wie verwurzelt unter dem Baum und bin mir sicher: ich wäre ein guter Vater und sogar bessere Eltern für dieses Kind, für diesen Sohn gewesen.

Schuld und Sühne.

5. März 2011

Mit brüchiger Stimme sage ich: „Dann schlag‘ mich, vielleicht hast du im Nachhinein Schuldgefühle und bereust dein Verhalten.“ Mein Vater erwidert nichts und schlägt zu. Nicht mit seinen Fäusten, nicht mit seinen Händen, sondern mit einem DIN-A4-Papierschneider. Ich wehre mich nicht, obwohl jeder Schlag einer Qual gleicht, versuche lediglich mein Gesicht zu schützen, indem ich meine Arme fest dagegen drücke. Noch mehr Kerben, noch mehr Spuren meines Vaters möchte ich nicht sehen, wenn ich in den Spiegel blicke.

Gleich ist es vorbei.

Rückblickend kann ich gar nicht sagen, was mich mehr schmerzte. War es der harte und scharfkantige Aufschlag von massivem Aluminium, oder waren es die Stunden danach in meinem Bett, die Erkenntnis über die Brutalität meines gegenwärtigen Lebens?

Ich habe Angst.

Es passierte an einem Dienstag. Ich halte mich selten im Wohnzimmer auf; allein schon deshalb, weil es dort nichts Interessantes für mich gibt. Nur Familie. Dienstags aber schaue ich meine türkische Lieblingsserie, deren Titel sinngemäß übersetzt „Schuld und Sühne“ lautet.

Vater, sagte ich ganz ruhig, kannst du nicht in der Küche rauchen? Wie du hören und sehen kannst, bin ich erkältet. Der Rauch reizt mich.

Er sagte: „Nur noch diese Zigarette und danach keine mehr.“ Ich erwiderte nichts und tolerierte es, wie immer, und wand mich wieder dem Fernseher zu. Meine Atemwege aber hielten den Reiz nicht aus und ich musste husten. Damit sich die Luft im Wohnzimmer einigermaßen „klären“ konnte, stand ich auf und zog die Jalousie bis zur Hälfte der Fensterfront auf und kippte eines der vier Fenster.

Draußen schneit es, vielleicht der letzte Schnee.

Das Sofa, auf welchem mein Vater saß, ist an die Wand mit den Fenstern angelehnt. Die Luft von Draußen schien ihm zu kalt zu sein; er zog die große, schwere Decke, welche auf seinem Rücken lag, hoch auf seine Schultern. Noch während er seine Zigarette ausdrückte, befahl er mir, das Fenster zu schließen. Ihm sei es zu kalt im Hause.

„Nur noch fünf Minuten, die Luft hier drin ist echt nicht zu ertragen!“

„Mach‘ das verdammte Fenster zu. JETZT, SOFORT.“

„Fünf Minuten! Ich bin krank und die Luft hier drin reizt mich.“

„MACH‘ DAS FENSTER ZU, HAB‘ ICH GESAGT!“

„Fünf Minuten, hab‘ ich gesagt. Nur fünf Minuten!“

„EINS… ZWEI…“

„Dann mach‘ es halt selbst zu! Du sitzt davor, hast den Rauch verursacht, und wenn dir kalt ist, dann mach‘ es eben zu. Hier drin STINKT es aber und ich bin KRANK.“

„DREI! DU ELENDIGER HUND, WIE KANNST DU DICH MIR NUR WIDERSETZEN? WER BIST DU EIGENTLICH, DASS DU DAS VERSUCHST?“

„Dein Sohn.“

Und dann ist er aufgesprungen, mir entgegen brüllend, dass er seine Hände nicht schmutzig machen werde, und nahm den Papierschneider in seine Hände.


Es ist nicht so, dass ich ihn nicht provoziert hätte. Das habe ich. Aber hätte er nicht fünf Minuten seiner Geduld für mich opfern können?

Letzten Endes habe ich trotzdem nicht das Fenster geschlossen. Natürlich ging es nicht um dieses Fenster oder darum, dass ich es hätte schließen sollen. Es ging schlicht darum, dass ich nicht einsehen wollte, seinen patriarchalischen und herrischen Aufforderungen zu folgen. Ihm gefiel mein Widerstand nicht.
Auch dass er raucht, ist nicht das Problem. Soll er doch, aber eben nicht im Haus. Das versuche ich ihm seit Jahren klarzumachen, er versteht es nur nicht. Er ist der Herr des Hauses und alles muss nach seiner Pfeife tanzen. Aber okay, soll er halt auch im Haus rauchen, aber bitte nicht in meiner Gegenwart.

Ich wusste ganz genau, dass er mich schlagen würde, wenn ich nicht mache, was er von mir verlangt. Aber das war und ist mir egal. Dann schlägt er mich halt, es war nie anders. Dieses Mal aber hat die „Züchtung“ viel in mir ausgelöst: Vorgänge, die es ohne vielleicht nicht gegeben hätte.

Hart, aber wahr: seine Brutalität tut mir letzten Endes gut und bringt mich in meiner Entwicklung weiter, denn im Grunde erfüllt mein Vater nur seine Vaterpflicht, indem er auf unschöne Art und Weise meinen Fortschritt weg von ihm unterstützt, und diesen sogar beschleunigt.

Ich weine nicht vergebens.

Fußspuren und Morgenrot.

23. Januar 2011

Es ist ruhig im Dorf. Kein Auto fährt an mir vorbei und kein Mensch kreuzt meine Wege. Der noch junge Schnee fällt sanft auf Haar und Wimpern und knirscht nicht unter dem Schuhwerk. Der Wind steht still. Noch gibt es nichts, was er aufwirbeln könnte. In meiner rechten Hand ein Beutel aus Jute, darin ein Buch, welches nicht meines ist.

Ich drücke auf die Klingel und warte ein paar Sekunden, bis die Tür sich öffnet. Guten Morgen, sagt sie, Guten Morgen, sage ich. Vielen Dank für das Mathebuch, hat mir echt geholfen! Sie lächelt. Gerne doch! Wir hätten auch zusammen lernen können. Du kannst immer vorbeikommen! Wie ist’s gelaufen? Ich schaue auf den Boden. Ganz okay. Sie nimmt es entgegen, das Buch und das kleine Geschenk, das ich ihr mitgebracht habe. Sie bedankt sich freudestrahlend und fischt sich eine Strähne ihres roten Haares aus dem Gesicht. Selbst im Winter hat sie Sommersprossen.

Gelassen laufe ich zurück, mein Heimweg ist nicht weit. Auf dem Boden meine leicht bedeckten Fußspuren von vor fünf Minuten. Frau Holle hat einen Zahn zugelegt und Herr Winde macht sich bemerkbar. In meiner Hand der nun leere Beutel aus Jute, welcher allerdings schwerer als zuvor ist. Ob das Brot, welches ich unterwegs noch kaufen muss, Platz darin findet, zwischen all den Zweifeln?

Gelogen habe ich. Nichts lief am Dienstag ganz okay. Am Wochenende und am Montag habe ich bis in die spätdunklen Stunden gelernt. Und ich konnte es, ich konnte alle Aufgaben lösen, nur nicht am Dienstag. Nicht an diesem Dienstag.

Noch vor dem Wecker war ich wach, hatte meine Sachen gepackt und mich angezogen, war bereit, mich zu beweisen. Weil ich es nun endlich konnte! Und wie jeden Tag machte ich mich auf den Weg, unternahm eine kleine Weltreise.

Im Zug saß mir ein Herr Anfang zwanzig gegenüber, munter und schmerzlich gut aussehend. Schon allein die Tatsache, dass er „Alice im Wunderland“ las, machte ihn liebenswert, doch sein klares Gesicht und dieser wild-gepflegte, blond-braune Bartwuchs, seine wohlgeformten Lippen und diese olivgrün-leuchtenden Augen versetzten mich zusätzlich in Ekstase. Ich saß ihm etwa eine halbe Stunde gegenüber und konnte mich nicht sattsehen. Crushed Heartcore. Meine Gedanken kreisten die gesamte Strecke über um seine Lippen. Ich wollte ihn küssen — und wie ich das wollte!..

Als wir den Hauptbahnhof erreicht hatten, war ich todtraurig. Nicht nur, weil sich unsere Wege trennen sollten und es natürlich keinen Kuss gab, sondern auch, weil ich tagtäglich begehre, ohne meine Begierde auszuleben oder zumindest halbwegs zu befriedigen. Jedes Mal fühle ich mich trüb, weil ich so empfinde.

Ich ertappe mich des Öfteren dabei, wie ich beim Anblick Fremder, welche eine gewisse Attraktivität auf mich ausstrahlen, eine Art Verlangen verspüre. Ich ertappe mich dabei, diese Fremden zu „wollen“. Und so „wollte“ ich auch diesen Herren im Zug. Ich hätte meinen Kopf am liebsten auf seinen Schoß gelegt; so, wie es wohl ein Kätzchen machen würde. Ein Kuss wäre vielleicht schon zu viel des guten Guten gewesen. Mir hätte allein schon seine Wärme gereicht; wochenlang, da bin ich mir sicher.

In der Schule angekommen, war ich ausgebrannt und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Zu matt war ich, und emotional entgleist. Doch die Klausur musste geschrieben werden. Ein Blackout allen Wissens war die Folge.

Ich realisiere, wie versunken ich durch die Straßen schlendere und wie viel Schnee plötzlich vom Himmel fällt. Ich suche meine Fußspuren. Vor wenigen Minuten noch waren sie hier. Hat der Schnee sie etwa so schnell unter sich begraben?

Ich laufe über den ehemaligen Zebrastreifen und frage mich: kann es vielleicht sein, dass ich mich mehr und mehr zum männlichen Geschlecht hingezogen fühle, weil mir mein Vater keine Vaterliebe entgegenbringt?

Ich mein‘, ich merke das doch. Diesen Wandel, die Veränderungen. Noch vor drei oder vier Jahren interessierte ich mich kaum für Jungs. Und wenn doch, dann nur für sehr kurze Zeit. Jetzt aber scheint das meine einzige Interesse hinsichtlich der Sexualität und des Begehrens zu sein. Ich begegne vielen Jungs und Männern, doch nur jene ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich, welche den Anschein erwecken, dass sie mir Sicherheit und Unterschlupf bieten könnten. Manchmal sehe ich einen Mann und habe den unerfüllbaren Wunsch, mich von ihm umarmen, halten zu lassen. Nur das, mehr nicht. Ich sehne mich nach Schutz und nach Intimität. Vielleicht bin ich auch nur ein Schäfchen, das auf der Suche nach einem Hirten ist.

Mein Vater, ein emotional kalter Mann, war nicht immer so kühl. Als ich noch ein Kind war — so glaube ich mich zu erinnern —, hat er oft mit mir gespielt, er ist oft mit mir spazieren gegangen, hat sich um mich gekümmert, wie es ein Vater wohl tun sollte. Er war ein Bilderbuchvater. Doch nun, nun ist er ganz anders. Ich weiß nicht, warum und wie er so werden konnte, wie er heute ist. Ich weiß nur, dass ich über nichts mit ihm reden kann, was von Bedeutung für mich ist. Er unterdrückt mich regelrecht. Ist es vielleicht seine aggressive Emotionslosigkeit, welche dafür sorgt, dass ich nicht nur im Kopf Abstand von ihm nehme? Suche ich deshalb nach einem „Vaterersatz“, nach einem Mann voller Wärme?

Mein Vater sagt über die Vaterliebe: „Gab’s früher nicht, wird’s in Zukunft auch nicht geben.“ Gab es früher seitens meines Vaters wirklich keine Vaterliebe? War er wirklich ein Bilderbuchvater? Erinnere ich mich falsch? Täusche ich mich, spiele ich mir etwas vor? Oder merke ich erst mit fortschreitender Reife, wie er wirklich ist? Ist mir eine heile Kindheit wichtig? Versuche ich mich von ihm zu distanzieren, indem ich genau das werde, was er verabscheut?

Ich trete in die Bäckerei ein und kaufe ein kleines Kartoffelbrot. Geschnitten, bitte! Auf den letzten Metern nach Hause denke ich noch einmal über ein Gespräch nach. Alles, was mein Gesprächspartner über mich und mein zukünftiges Ich gesagt hat, passt eins zu eins auf mich zu. Auf eine gewisse Art und Weise unheimlich, und doch so wahr, so erlebenswert und schön. Nach all den Worten und nach all den Vorstellungen und Wünschen lag ich da und bin lächelnd, mit Herz und Seele lächelnd und glücklich eingeschlafen.

Ich ziehe aus dem Briefkasten die Post heraus und schließe die Türe auf, trete ein in’s Haus, ziehe die Schublade auf und werfe meinen Schlüssel hinein, streife meine Schuhe ab, stelle mich aufrecht hin und blicke in den Spiegel.

Geh‘ weiter, es wird sich lohnen.

Der erste Schnee.

26. November 2010

Wir sitzen am Esstisch, es ist Abend. Der Schnee fällt leise, draußen, wo der Wind still steht und das Weiß stellenweise orange leuchtet. Vor mir stehen unsere weißen, schlichten Teller, die meine Eltern zur Hochzeit bekommen haben, vor siebzehn oder achtzehn Jahren. Noch leer sind sie und ohne Suppe, ohne Salz. Die Luft im Hause ist viel zu warm und viel zu trocken, betäubend und gar bleiern schwer. Dreißig Grad sagt mein Vater und dreiunddreißig Grad kontert das kleine Display unter dem Lichtschalter.

Meine Mutter ist in der Küche, der Salat noch nicht fertig. Wir warten schweigsam; gleich ist sie da, gleich können wir anfangen! Mein Vater aber hat keine Geduld, steht auf und geht zum Sofa, nimmt die Zigarettenschachtel vom Tisch und zündet sich eine Kippe an.

Er zieht an ihr. Ich höre den Schnee knirschen und denke an Zähne.

Meine Mutter stellt eine große Schüssel Feldsalat auf den Esstisch. Sattes, frisches Grün stimuliert meine Augen und ein wohl-duftendes, würziges Dressing schleicht in meine Nase. Als ich tief einatme, um das Aroma aus der Luft zu schmecken — weil ich es endlich kann, dieses tief durch die Nase atmen! —, schlägt der beißende Smog der Zigarette meines Vaters hart in meinem Nasenrachen auf und reizt mich, tiefschürfend. Mein jüngst operiertes Riechorgan gibt sich beleidigt und macht sofort dicht im Schacht.

„Vater, was hatten wir miteinander ausgemacht, bevor ich in’s Krankenhaus gegangen bin?“

Er ignoriert mich und drückt provokativ auf die Fernbedienung, um den Fernseher ein- und mich auszuschalten.

„Du hattest mir versprochen, nicht in meiner Gegenwart und zwei Wochen lang nicht im Haus zu rauchen, erinnerst du dich?“

Er zappt durch die Kanäle, drückt wild auf der Fernbedienung herum, um mich ruhig zu stellen.

„Du hast es mir versprochen und hast es wieder einmal nicht eingehalten. … Hörst du mir überhaupt zu?!“

Er drückt auf Lauter, immer auf Lauter, damit ich endlich verstumme.

„Warum hältst du dich nie an deine Versprechen? Ich darf weder in die Kälte, noch darf ich Rauch einatmen, und das weißt du ganz genau!“

Er zieht an seiner Kippe, glühend, und atmet genervt aus.

„Kannst du nicht einmal an unsere Gesundheit denken? Musst du uns auch vergiften, nur weil dir deine eigene Gesundheit egal ist?“

Er wechselt noch einmal das Programm, in der Hoffnung, Ruhe zu finden.

„Ich wurde vor vier Tagen operiert. … Hörst du mich? … Erst vier Tage ist das her! Jetzt mach‘ endlich diese scheiß‘ Kippe aus oder geh‘ vor die Tür!“

Während ich mit einem ausgeklügelten Widerstandsmechanismus rede, schenkt meine Mutter den schlichten, weißen Tellern Suppe ein. Sie ist ebenfalls sichtlich aufgekratzt.

„Vater, so geht das nicht! Halt‘ dich doch mal an deine Versprechen…!“

Und mit einem Mal dreht sich mein Vater um und wirft mir entschlossen die Fernbedienung entgegen. Ich versuche auszuweichen, mich wegzudrehen — doch vergebens; die Fernbedienung schlägt mir mitten in’s Gesicht und fällt auf den Tisch, dann auf den Boden. Die Batterien rollen quer über das Parkett.

Meine Mutter kreischt.

Vom Schmerz und von der Situation, vom Geschehen überwältigt, beuge ich mich über die Suppe. Rinnsal-artig tropft das Blut aus meiner Nase direkt in die selbst gemachte Championcremesuppe hinein und setzt sich klar erkennbar als oberste, dominierende Flüssigkeitsschicht ab. Der Aufprall war so gewaltig, dass sich die in meiner Nase befindlichen Metallplättchen tief in’s Fleisch geschnitten haben. Ich weine augenblicklich.

Noch im selben Moment steht mein Vater wutentbrannt neben mir und sagt „Dein immer gleiches Geschwafel werde ich mir nicht länger anhören!“ und nimmt das gezackte Brotmesser in die Hand und rammt es mir mit einer väterlichen Wucht in den Bauch.

Vaters Dunst.

2. November 2010

Er zündet eine Zigarette an, völlig unbewusst und automatisch, zieht an ihr und atmet aus. Schon die dritte in meiner Gegenwart. Seine Augen haften am Fernseher. Er blinzelt wie erwartet: abwesend. Der Rauch schleicht um mich und kommt in meiner Lunge an. Diesmal aber richtig. Mir platzt der Kragen. Gehirn verstopft, Nase voll und jetzt auch noch Feuer in den Flügeln. Der blaue Dunst schürft meinen Hals herab. Ich huste gereizt und denke „Raucherhusten“. Er merkt nichts, nimmt nicht wahr, zuckt nicht einmal. Mein Kopf ruht auf dem modrigen Kissen, welches Tag und Nacht im blassen Ekel liegt und leidet. Er zieht wieder und wieder an seiner verdammten Zigarette, doch der Inhalt des Aschenbechers bleibt unverändert. In meinen Augenwinkeln bilden sich Tränen; der Reiz des Qualmes ist zu groß, als dass ich ihn einfach runterschlucken könnte. Still weine ich und liege quasi neben ihm, doch er sieht mich nicht, obwohl er könnte. Er sieht mich einfach nicht.

Ich stehe auf und sage: „Bin oben.“ Er blickt weder auf, noch nickt oder antwortet er. Seine Augen sind auf den Fernseher gerichtet. Türkische Nachrichten. Die sind wichtiger als das, was der Sohn zu sagen hat.

Ich drehe mich um, gehe ein bisschen und schlage die Türe unsanft zu. Hoffentlich ist ihm die Asche direkt auf den neuen Pullover gefallen.