Eine schwierige Antwort. (16/42)

19. September 2015

Oft werde ich gefragt, wie sich die Beziehung zu meinen Eltern entwickelt hat im Laufe der Jahre. Ebenso oft weiß ich nicht, was ich darauf antworten sollte und sage stattdessen irgendetwas und wechsle das Thema. Ich möchte es mir mit diesem Text zur Aufgabe machen, darüber nachzudenken, denn der Grund für die fehlende Antwort ist die viel zu seltene Reflexion über diese Thematik.

Ich habe das Nest vor über vier Jahren verlassen, seitdem habe ich enorme Sprünge in meiner Entwicklung gemacht. Ich bin nicht mehr – so nahm ich mich wahr – ein einsamer, schwacher und labiler Junge. Ich bin angekommen und habe eine Heimat, in der ich mich wohl fühle, ich habe wunderbare Freunde in direkter Nähe, ich habe einen Alltag und eine Perspektive. Ich bin kaum noch traurig über die Umstände, die mich von meinen Eltern trennen. Ich bin stark und in guter Gesellschaft; meine Freunde sind allesamt Menschen, die Erfahrung darin haben, „anders“ zu sein, und das eint uns. Ich meine damit ausdrücklich alle Bereiche des Lebens, nicht nur die Sexualität. Sie geben mir Sicherheit und Selbstbewusstsein, denn ich bin nicht mehr allein wie vor vier Jahren. Mit ihrer Hilfe konnte ich mir einen Alltag aufbauen, der mir Struktur gibt und mich auffängt. Mit der Zeit erlosch die Depression und ich trauerte nicht mehr mit meinen Eltern um ihren verlorenen Sohn. Ich weiß heute, dass ich als Sohn versagt habe und erkenne gleichzeitig an, dass ich nicht nur Sohn bin.

Versetze ich mich in die Lage meiner Eltern – das kann ich nur aus meiner Sicht, und weil sie nicht mit mir über ihre Gedanken reden, kann ich nicht wissen, ob diese Darstellung ihrer Wahrheit entspricht – so sehe ich, dass sie sich einen Sohn wünschen, der mit einer Frau verheiratet und somit in ihrer Gesellschaft anerkannt ist, der vielleicht schon ein Kind hat und Verantwortung übernimmt. Was ich dabei arbeite oder studiere, was ich der Gesellschaft als Mehrwert erbringe, ist ihnen relativ egal. In dieser Vorstellung sehen mich meine Eltern als glücklich. Doch ich könnte niemals glücklich sein, würde ich mich dieser Vorstellung fügen.

Wenn ich meine Eltern besuche, fühlt es sich an, als würde ich eine Parallelwelt betreten. Plötzlich bin ich wieder ein kleiner Junge, meine Stimme ist zumeist eine Oktave höher und ich verhalte mich wie ein Kind. Nicht kindlich oder kindisch, aber als jemand, der seine Eltern achtet und ihnen Respekt entgegen bringt, indem er die Spülmaschine ausräumt oder in den nächsten Supermarkt läuft, um ein fehlendes Lebensmittel zu kaufen. Falls Besuch da ist oder wir als Familie jemanden besuchen, meistens nahe Verwandte, erzähle ich von meinen beruflichen Erfolgen und sonstigen Leistungen und beschere meinen Eltern Ansehen. Die meisten Kinder wollen ihre Eltern mit Stolz erfüllen, das erreichen sie durch Leistung, mit guten Noten zum Beispiel oder später mit einem ertragreichen Beruf. Quasi als Ergebnis guter Erziehung. Dem komme ich bewusst nach, wenn ich bei meinen Eltern bin. Aber nicht nur dort; vielleicht ist das der Grund, weshalb ich aktiv etwas für meinen sozialen Aufstieg unternehme. Und wenn ich bei meinen Eltern bin, nehme ich diese Rolle als Kind ein und fühle mich auch so: Ich muss Leistung erbringen, um geliebt zu werden. Denn ich werde nicht geliebt für das, was ich bin. Ich muss mir die Liebe durch Leistung erarbeiten, damit sie über den Makel meiner Homosexualität hinweg sehen.

Fahre ich wieder nach Kassel und bin in meiner Wahlheimat, fühle ich mich ein paar Tage extrem müde. Ist die leistungsbedingte Müdigkeit überwunden, nehme ich mental Abstand von meiner Familie. Sie tauchen nicht in meinem Alltag auf, ich frage mich nicht mehr, was sie wohl gerade tun. Ich telefoniere auch nicht oft mit ihnen, ein bis zweimal im Monat für ein paar Minuten ist die Regel. Dies alles ist wohl ein Schutzmechanismus, der sich in den letzten vier Jahren entwickelt hat. Ob es am Prozess des Erwachsenwerdens liegt oder an den zwei Jahren Verhaltenstherapie oder an meinen Medikamenten oder an meinen Lebensumständen an sich, das kann ich gar nicht beantworten.

Besucht haben mich meine Eltern bisher zweimal: Einmal stand allein mein Vater einfach vor der Tür und rief mich an, weshalb ich denn nicht aufmachen würde. Ich wusste nichts von seiner Absicht, mich besuchen zu wollen, und war auch nicht zu Hause. Aus Anstand fuhr ich nach Hause und verbrachte zwei Stunden mit ihm. Ich war sauer, dass er einfach so auftauchte und ich nicht die Möglichkeit hatte, aufzuräumen oder gar etwas Kleines zu kochen. Wir saßen auf dem Balkon, tranken Kaffee und er sprach mit mir über mein Leben. Das sähe ganz nett und geordnet aus, aber meine Homosexualität wollte er mir trotzdem ausreden. Es war ein seltsames Gespräch, eher ein Monolog seinerseits und ein Kommentieren meinerseits. Ich entgegnete allen seinen Aussagen mit Ironie, bis er sich nicht ernst genommen vorkam. Wir fuhren auf meinen Wunsch hin noch an einen Aussichtspunkt, damit er wenigstens etwas von der Stadt sehen konnte; danach fuhr er mich nach Hause und sich selbst heim. Es war schon dunkel geworden.

Das zweite Mal hatten sie sich angemeldet. Vater, Mutter und Bruder, Opa, Oma und Onkel. Ich nahm mir frei und richtete alles nett her, doch weil in der Wohngemeinschaft nicht Platz für so viele Menschen war, entschied ich mich dafür, dass ich ihnen meine WG zeige und wir ein wenig durch den Stadtpark laufen und irgendwo Kaffee trinken. Das Wetter war angenehm und Kassel zeigte sich von seiner schönsten Seite, doch irgendwie war auch dieser Besuch nicht authentisch. Es war vielmehr ein: „Wie ihr seht, lebe ich gut. Also kein Grund zur Sorge!“ Wieder war ich nur dabei, meine Lebensentscheidung zu verteidigen, anstatt mit ihnen mein Leben zu teilen.

Werfen wir nochmal einen Blick zurück zur Eingangsfrage. Fast immer antworte ich, dass wir eigentlich gar keine Beziehung haben und wechsle das Thema. Womöglich ist die Aussage gar nicht falsch, doch jetzt kann ich mir auch erklären, warum das so ist. Wir arbeiten nicht gemeinsam daran, einen Weg in eine gesundere Eltern-Kind-Beziehung zu finden. Stattdessen macht sich jeder seine Gedanken und dabei bleibt es. Ich habe schon vor langer Zeit damit aufgehört, weil es keinen Sinn für mich macht. Ich rate ins Blaue hinein.

Vor etwas über einer Woche rief mich mein Großvater an. Er hatte sich verwählt und wollte eigentlich meinen Vater etwas fragen, aber da ich ja schon dran war, teilte er mir mit, dass meine Eltern auf dem Weg zu mir sind. Ich war furchtbar sauer, ließ es mir aber nicht anmerken und legte bald auf. Dann schrieb ich meinem Bruder, er solle bitte ausrichten, „dass ich es absolut scheiße finde, dass sie wieder einfach so ohne Anmeldung vorbei kommen wollen, zumal ich an der Arbeit bin“. Ich war zu Hause und nicht an der Arbeit, aber ich wollte auch nicht, dass meine Eltern über mich bestimmen können, wann sie wollen. Ich bin erwachsen und möchte so behandelt werden, und solange sie der Meinung sind, dass ich einfach zu all ihren Entscheidungen Ja und Amen sage, werden sie mich nicht besuchen können. Sie fuhren auf halbem Wege also wieder nach Hause. An diesem Tag war ich traurig, denn ich fühlte mich wieder wie mit achtzehn. Ich musste meine Eltern abweisen, weil sie mich übergehen, obwohl ich sie durchaus an meinem Leben teilhaben lassen möchte.

Vor ein paar Tagen rief mich ein Großonkel an, der ganz besorgt klang. Ich hatte sicher fünf Jahre nicht mehr mit ihm zu tun gehabt, folglich erkannte ich ihn erst im Laufe des Gespräches. Er fragte, wie es mir geht und was ich so mache. Dann sagte er, dass es normal sei, dass Eltern und Kinder sich streiten, dass man aber deswegen nicht gleich fortziehen müsste wie ich es getan habe. Er fragte, wann ich denn wieder zurück käme. Ich antwortete, dass ich mir hier eine Heimat aufgebaut habe und mich sehr wohl fühle. Er versuchte noch ein wenig, mir die Vorzüge der räumlichen Nähe zum Elternhaus schmackhaft zu machen. Dann lud er mich zu seinem Geburtstag Ende Oktober ein. Ich sagte nicht ab, konnte ihm aber auch nichts versprechen.

Alles erschien mir so seltsam. Ich fragte mich, ob das ein Anruf aus der Vergangenheit ist. Dieser Anruf hätte exakt so vor vier Jahren stattfinden können, als verzweifelte Reaktion auf meine plötzliche Flucht. Ich dachte mir, dass meine Eltern wohl mit ihm telefoniert haben müssen und sicherlich von meiner Abweisung neulich berichtet haben. Das machte mich wütend und traurig zugleich.

In solchen Momenten „tröste“ ich mich immer damit, dass meine Eltern nichts dafür können. Sie wurden so erzogen und können wohl nicht anders, denke ich mir. Sie kommen aufgrund ihrer Kultur und ihrer Religion mit meiner Homosexualität nicht klar und haben auch keine Unterstützung dabei… Nein, ein Trost ist das in Wahrheit nicht. Warum können sie nicht wenigstens versuchen, ein Fünkchen Verständnis für meine Lage zu erlangen?

Unterstützung wollen sie nicht annehmen, da gäbe es eine Menge, aber alle, die nicht ihrer Meinung sind, wollen sie ja nur bekehren. Sie beharren auf ihrer Position, weil das aus ihrer Sicht das einzig Richtige ist. Sie hassen meine ach so freiwillige Entscheidung, ein krankes Leben als Homosexueller zu führen, und machen dies deutlich damit, dass sie mir ein unglückliches wünschen.

All diese Gedanken frustrieren mich und machen, dass ich mich noch weiter von ihnen entferne. Es findet kein Austausch statt, nur über Belangloses, und das erfüllt mich nicht. Also vermeide ich Kontakt und halte mich fern von der Gedankenspirale, die nur auf Vermutungen, gegenseitigen Beschuldigungen und verletzenden Vorwürfen basiert.

Dies ist wohl in Zukunft meine Antwort.

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