Posts Tagged ‘Träume’

Flughafen. (25/42)

5. August 2017

Am schlimmsten sind diejenigen Träume, die ich nicht unbedingt als Albtraum bezeichnen würde. Träume, deren inhaltliches Geschehen dem Grunde nach nicht zu einem Albtraum passen; also in denen nichts „Schlechtes“ geschieht, die aber dennoch so stark stresserfüllt sind, dass man sie einfach nur durchleidet, bis man total gerädert aus ihnen erwacht – endlich!

Heute Nacht musste ich zu einer fixen Zeit (19:22 Uhr) an einem Flughafen sein, um einchecken zu können. Wohin genau die Reise gehen sollte weiß ich nicht mehr. Ich glaube mich zu erinnern, dass ich zuvor mit Kollegen aus Wien telefoniert habe und wir uns in Norwegen (?) treffen wollten.

Nun sind aber Träume so ein Gebilde aus Abertausenden einzelnen Fragmenten; in diesem Traum zumindest blieb ich überall hängen, weil plötzlich etwas anderes relevant war, weil ich von irgendwem angesprochen wurde oder irgendetwas zu erledigen hatte. Ich musste eine Ewigkeit mit jemandem telefonieren, der etwas von mir brauchte. (War es Zuspruch? Ich weiß es nicht mehr.) Dabei saß mir die Zeit im Nacken, es war schon fast Abend. Ich packte nebenbei meinen Koffer, leider war noch all die Wäsche, die ich mitnehmen wollte, auf dem Dachboden zum Trocknen; die Wäsche war noch ganz klamm, weil es die letzten Tage ununterbrochen geregnet hatte, also musste ich einige Sache fönen. Dann ging ich aus dem Haus, es regnete wie aus Strömen und der Himmel glich schwarzem Marmor. Das bestellte Taxi kam einfach nicht, ich fragte meinen Freund, ob er mich zum Flughafen fahren konnte. Leider hatte seine Mutter das Auto mitgenommen, also konnte er nicht. Das Taxi kam dann doch noch an. Der Fahrer allerdings musste die ganze Zeit mit mir quatschen, er fuhr so langsam er konnte und an den Ampeln kurbelte er sein Fenster herunter, um entweder mit anderen Taxi-Fahrern zu schwatzen oder irgendwelche Frauen zu belästigen. Die Fahrt in diesem Taxi war die Hölle für mich. Die Zeit wurde immer knapper. Plötzlich waren wir weit aus der Stadt heraus gefahren, doch konnten wir nicht über eine Brücke fahren. Diese war wegen Regen nur für Fußgänger zugänglich, also musste ich wohl oder übel mit meinem Rollkoffer durch den Regen über die Brücke. (Habe ich das Taxi bezahlt? Ich hoffe nicht!) Auf der anderen Seite angekommen wollte ich ein weiteres Taxi rufen, doch gab es dort kein Netz. Die Menschen, die ich ansprach, konnten mir auch nicht weiterhelfen. Ich war so verzweifelt, dass ich mich auf den nassen Asphalt legte; vollkommen durchnässt war ich sowieso schon. Ob sie mich in diesem Zustand überhaupt in das Flugzeug lassen würden? Es war sowieso schon 19:11 Uhr, wie sollte ich es jemals pünktlich schaffen? Zu meinem Glück fuhr dann ein leeres Taxi an mir vorbei, dem ich noch erfolgreich zuwinken konnte. Dieser Taxi-Fahrer wusste ganz genau, was ich wollte, und gab Vollgas. Nun hatte ich nicht nur Angst, den Flug zu verpassen, ich hatte zusätzlich noch eine Art Todesangst, weil ich von der Geschwindigkeit so stark in den Sitz gedrückt wurde, dass ich beinahe vollkommen darin verschwand. Und wie sollte es anders sein, wurden wir von einer Polizei-Streife angehalten wegen zu schnellen Fahrens. Jetzt war ich am Ende meiner Geduld, ich konnte meiner Verzweiflung nicht mehr standhalten.

Ich hatte die ganze Zeit unendlichen Stress in diesem Traum. Scheinbar so arg, dass ich aus Verzweiflung aufgewacht bin: Mein Körper hat die Notbremse gezogen und mich mit einem Krampf in der Schulter aus dem Schlaf gerissen. Vielen Dank und Aua!

Warum all das? Dabei hätte ich so schön ausschlafen können.

(Ich glaube, ich weiß warum: Ich warte seit Wochen auf einen Brief, doch er kommt einfach nicht. „Der Vorgang ist in Bearbeitung.“ Seit zwei Monaten schon!)

Das Feigenbäumchen. (17/42)

20. September 2015

Letzte Nacht träumte ich unübersehbar die Fortsetzung eines Traumes, der schon lange zurück liegt. Im ersten Traum stand auf meinem Balkon ein Feigenbäumchen, dessen Früchte klein und noch nicht ganz reif waren. Das Bäumchen spielte keine bedeutende Rolle, war einfach nur ein bisschen Dekoration und machte es mir ganz behaglich in meiner Traumwelt. Vielleicht handelte es sich dabei aber auch um die bildliche Darstellung eines Wunsches, vielleicht wollte mir mein Unterbewusstsein sagen, dass ich mir ein Feigenbäumchen zulegen sollte. Das Wetter im Traum war sonnig und T-Shirt-tauglich. Ich war wegen irgendetwas auf den Balkon gegangen und dann wieder zurück in die Wohnung. Was danach geschah, weiß ich nicht mehr.

Jedenfalls tauchte dieses Feigenbäumchen letzte Nacht wieder auf, diesmal in der Hauptrolle. Auch hier war das Wetter wunderschön und das Bäumchen stand auf dem Balkon an exakt der gleichen Stelle wie im ersten Traum. Die Früchte waren nun reif und prall, hatten eine tief violette Farbe und waren riesengroß. Ihr Anblick ließ jeden Betrachter denken, dass sie vor Reife gleich platzen müssten, sollte man sich nicht erbarmen und sie vom Bäumchen nehmen. Nun war ich aber nicht allein, auf der Bank saß jemand, den ich im Nachhinein betrachtet gar nicht kennen konnte. Er war mir aber vertraut und sprach mit mir über die Feigen. Er merkte an, wie schön sie doch gelungen seien und bat mich um eine Kostprobe. Ich bot ihm eine Feige an und nahm mir selbst auch eine. Die sonnenwarme Haut zerbarst beim ersten Bissen und das Fruchtfleisch quoll heraus und ließ mir den Saft im Munde zusammen laufen. Die Feige hatte einen köstlichen Geschmack, sie war süß, dicklich und irgendwie doch flüssig. Sie schmeckte so außerordentlich gut, dass ich dachte, das kann nur hyperrealistisch sein. Da fiel mir ein, dass ich schon einmal von dem Bäumchen geträumt hatte. Ich erinnerte mich also im Traum an den ersten Traum, war mir aber nicht bewusst darüber, dass ich träume. Ich hielt die Situation für die Realität.

Das war ein sehr schöner Traum. Und ein sehr sinnlicher.

Aufwertung. (13/42)

13. September 2015

Ich war in einem Bahnhof, ging auf eine überfüllte Rolltreppe, auf der viele Kinder und vereinzelt ein paar Erwachsene standen. Diese fuhr über einen Hügel, dann im Zickzackkurs herab zum Bahnsteig. Der U-Bahnhof war leer, nur strömten jetzt die ganzen Menschen von der Rolltreppe darauf und füllten ihn. Eine Bahn fuhr ein, sie sah aus wie eine gewöhnliche S-Bahn, gar nichts besonderes. Jedoch stand auf der Fahrplananzeige „Leerfahrt“ oder so, an das Wort genau kann ich mich nicht erinnern. Die Bahn hielt an und die ganzen Kinder standen davor, sichtlich enttäuscht, dass es die falsche Bahn war. Die Türen blieben verschlossen. Ich fühlte mich in dem Moment wie ein Aufseher, der über die Köpfe der Kinder hinweg sieht. Dann sprang ein Kind wie ein Frosch gegen die Heckscheibe der Bahn und rutschte langsam wie ein Regentropfen ab und saß plötzlich auf dem Gleisbett. Dann fuhr eine weitere Bahn ein, sehr schnell war diese, und dockte an die erste an. Das Kind saß immer noch auf den Gleisen, musste sich aber zusammenkauern, damit ihm nichts Schlimmes passiert. Niemand außer mir hatte die Szene bemerkt. Die Bahnen fuhren aus dem U-Bahntunnel und es war niemand mehr da, nur der Junge und ich. Er krabbelte aus der Mitte, war aber zu klein, um von allein auf den Bahnsteig zu kommen. Ich half ihm auf und sagte: „Ja, bist du denn wahnsinnig?! Du hättest sterben können!“ Das Kind antwortete trotzig: „Ich darf doch wohl machen was ich will?“. „Nein!“, sagte ich und hielt den Jungen wie ein Baby im Arm, denn er war geschrumpft. Mit sanfter Stimme sprach ich: „Du wundervoller Junge, hast du denn noch nichts von der neuen App gehört? Gott hat eine App in den Store gestellt, damit kann man sein Leben upgraden.“ Ich zog mein iPad hervor und zeigte ihm die App, darauf konnte man die aktuellen Gespräche, Gedanken und Handlungen einer Person sehen und Eigenschaften, Gegenstände und Errungenschaften, die eine Person besitzt. Im Hauptmenü gab es einen riesigen Kopf, auf dem Upgrade stand. Das Kind strahlte total, es war ja auserwählt. Ich hatte ihm die App gezeigt.

Und dann bin ich aufgewacht.

Heute.

23. Januar 2013

Der Kaffee aus meiner kleinen Espressokanne schmeckte heute ausgesprochen gut. Bus und Bahn waren pünktlich. Zwei Patientinnen bedanken sich für die „liebevolle Pflege der letzten Wochen“ mit einer – wie sie es nannten – „kleinen Aufmerksamkeit“, die ich kaum anzunehmen wagte, so hoch war für mich die Summe in dem kleinen Umschlag. Der Herr aus dem Zimmer sieben reichte mir zum Abschied seine Visitenkarte und sagte, dass ich mich unbedingt wegen der Nachttischlampe melden solle, denn er wolle mir dabei helfen, meinen Traum zu verwirklichen. (Er sagte: Ohne diese kleinen, persönlichen Ziele wäre ich niemals 82 geworden. Ich möchte Ihnen dabei helfen, mindestens genauso alt und genauso zufrieden mit sich und Ihrem Leben zu werden! Er war dem Tod mit letzter Kraft entkommen, und auf eine meiner Kennenlernfragen vor zwei Monaten, was er früher in seinem Leben beruflich gemacht habe, antwortete er: Ich habe, und das werde ich nach meiner Entlassung wieder tun, Instrumente gebaut. Vorrangig Orgeln, aber auch Klaviere und Harmonika.) Ich war den Tag über ein klares und helles Kerlchen, die Müdigkeit würdigte mich keines Blickes. Im Bus schleckte mir ein bildschöner Hund die Hand ab. Die Waschmaschine beendete gerade den Schleudergang, als ich durch die Haustür kam. In der ganzen Wohnung roch es nach Waschmittel. Das Abendessen von gestern schmeckte als Nachmittagessen von heute noch viel besser. Bene freute sich sehr über meine Ankündigung, dass ich ab morgen wieder mal im Ländle bin. Im Waschsalon an der Querallee hatte ich plötzlich Herzklopfen beim Anblick der wild und elegant wirbelnden Wäsche in all den Trocknern. Die Brezelfrau am Bahnhof schenkte mir die dritte Brezel, weil ich – wie sie sagte – so schön rote Bäckchen hätte. Die Deutsche Bahn machte wegen der Witterungsverhältnisse aus meinem „20 Euro, dafür vier Stunden Fahrt mit zweimal Umsteigen, ich werde mein Ziel nie erreichen“-Ticket ein ICE-Ticket, mit dem ich schneller und ohne Umstieg fahren konnte. Einer meiner Lieblingsmenschen schrieb mir, dass ich wunderbar sei. Im Ruheabteil war es tatsächlich ruhig. Am Zielbahnhof überkam mich eine schier unerträgliche Schmerzwelle, weil die erloschene Liebe zum Greifen nah und doch so weit in der Ferne lag. Die Umarmung meines Vaters war ehrlich und tröstlich. Die Katzen meiner Mutter sind nicht mehr nur Sohnersatz, sondern ein richtiger Teil der Familie geworden. Die kleine Katze schnurrte mich in den Schlaf. In der Nacht träumte ich von düsteren Feldern und allzu bekannten Gesichtern, die ich vor langer Zeit schon vergessen glaubte.

Ein Traum.

15. Dezember 2012

Geträumt, dass bulgarische Flüchtlinge an meinem Fenster stünden. Sie waren allesamt schmutzig und hatten eher dunkle Haut, doch ihre Augen waren hell, klar und ehrlich. Sie bettelten nach Geld, doch ich hatte nur Schmerzmittel in meinen vier Wänden. Das reichte ich ihnen, daraufhin zogen die Erwachsenen fort und zwei Kinder blieben übrig, sie weinten bitterlich und sahen sehr traurig aus. Sie sahen zu mir auf und kletterten durch das Fenster in mein Zimmer, schutzsuchend vor der Kälte, denn ihre Kleidung war sehr dünn, fast wie Papier. Sie sind in mein Zimmer eingedrungen und beschmutzen nun mein Bett, dachte ich, aber weinende Kinder wollte ich nicht von mir stoßen. Mein Mitbewohner war zu Hause und ich rief ihn zu mir, weil mich die Situation überforderte. Am Ende könnten das organisierte Kriminelle sein, dachte ich. Zusammen trösteten wir die Kinder und sagten ihnen, dass die Welt schlecht und kalt sei. Ich gewann langsam Vertrauen in die Sache und streichelte dem Jungen das Köpfchen, während ich gerührt meinem Mitbewohner dabei zusah, wie er dem kleinen Mädchen die Tränen aus den Augen fischte. Kurz darauf halfen wir den Kindern wieder aus dem Fenster nach draußen, anscheinend fehlte es ihnen nur an Zuwendung. Noch am selben Tag kamen die Vermieter in die Wohnung und sagten, dass wir nun weniger Miete zu zahlen hätten.

Melone.

5. November 2012

Ich schreibe ihm: „Die Melone hätte dir sicher geschmeckt. Reif, nicht zu süß, genau wie sie sein sollte.“

Ich schreibe ihm nicht: Mit dir hätte sie noch besser geschmeckt. Mit dir hätte auch das Abendessen besser geschmeckt, dein Rezept, der Wein, den du mal mitgebracht hast. Der Tag wäre – wie jeder Tag mit dir – ein Tag gewesen, an den ich mich gerne erinnert hätte, er wäre gut gewesen und alle schlechten Nachrichten hätten ihre Schwere verloren. Ich hätte in deine Augen gesehen und gewusst: das Leben ist seltenseltsamschön. Mit dir an meiner Seite wäre kein Platz für die scheinbar allgegenwärtige Traurigkeit gewesen, ich hätte nicht wieder und wieder die selben Musikstücke gehört, die mich mit jedem Mal noch trauriger machen, weil sie mich an dich und mich und an all die Träume in der Wolke über meinem Zimmer erinnern. Wir hätten uns stattdessen jene wunderbare Musik vorgespielt – handverlesen und voller Liebe – und hätten Geschichten dazu erzählt. Ich hätte in deinen Armen gelegen und wäre nicht alleine eingeschlafen, nicht noch eine einsame Nacht voller Träume, die ich nicht verstehen kann. Ich hätte dich wachgeküsst und wäre nicht mit der schmerzenden Angst aufgewacht, dich im Herzen zu verlieren, nach und nach. Mit dir hätte ich gelächelt, wäre schön und glücklich gewesen. Du auch, du auch, du auch, du auch, auch du.

Ich schreibe ihm: „Du hast alles hier vergessen. Die Melone, den Joghurt, die Joghurtmilch, dich.“

Ist mir wichtig.

26. September 2012

Das Konzert ist vorbei, der Abend war großartig, die Nacht voller Worte und Zuneigung; jetzt putzen wir uns die Zähne. Das haben wir noch nie gemacht, du und ich. Ich sage: „Bei Menschen, die mir egal sind, traue ich mich eher, sie Dinge zu fragen, die zu nah gehen könnten, denn ich habe nichts zu verlieren. Bei Menschen, die mir wichtig sind, muss ich mich sehr überwinden, denn hier habe ich viel zu verlieren; gleichzeitig gewinne ich dazu.“ Und ich traue mich und frage dich: Wollen wir heute in einem Bett schlafen?

Ich habe dich in den Schlaf gefaselt, das merke ich an deiner Atmung und darüber muss ich lachen. Ich liege noch lange wach, kann nicht einschlafen, so viele Gedanken in meinem Kopf, so viele Sätze und Sorgen. Aber es ist schön, neben dir zu liegen und zu wissen: Das ist die engste Freundschaft, die es geben kann. Vertrauen und Geborgenheit, Spaß und Tiefe, alles ist da. Wir liegen hier beide nackt und es ist kein Problem, nicht anzüglich, nicht sexuell. Wir schlafen in einem Bett, wie es am gemütlichsten ist.

In der Nacht habe einen Traum. Mein Onkel schlägt mich mit meinem Gürtel, dem aus Stoff mit dem Metallende. Ich sehe aus der Extrospektive wie ich geschlagen werde und kann meine Gedanken hören. Es tut mir im Traum nicht weh, ich höre mich denken: „Es hört bald auf und dann ist sein Frust fort und er glaubt, mir weh getan zu haben. Gleich ist es vorbei, gleich ist es vorbei.“ Dann wache ich auf, bin total erschrocken, aufgewühlt und verschwitzt. Ich weine ein wenig, bis ich begreife, wo ich bin: neben dir. Das schlechte Gefühl ist sofort weg, ich höre auf zu weinen. Ich weiß, ich bin sicher. Hier kann mir nichts passieren.

Manchmal habe ich ein Gefühl, ich nenne es meine kleine Schachtel. Das kommt immer dann zu mir, wenn ich mich sehr sicher und geborgen fühle; wie in Watte gepackt. Ich mag die Vorstellung, dass ich in einem weich gefütterten Sarg liege; und jetzt musst du sicher lachen, denn genau so fühle ich mich, wenn ich neben dir liege. Danke, mein Marcus.

Eine seltsame erste Woche.

13. November 2011

Nachdem wir die letzten meiner Sachen in das WG-Zimmer abgelegt und über meine Mitbewohner geflüstert haben, führe ich Marcus aus der WG hinaus und die Treppen herunter, wie es ein guter Hausherr machen würde. Auf der Straße vor seinem Auto bleiben wir stehen und sprechen ein paar letzte Worte, bevor wir uns lange umarmen. Ich drücke mich fest an seine Brust und will nicht mehr loslassen, weil ich glaube, dass wenn ich los lasse, nichts mehr so sein wird wie vorher, ich vollkommen auf mich allein gestellt und einsam sein werde, dass ich schlagartig erwachsen werden und innerhalb von Tagen altern werde. Ich präge mir diesen Moment gut ein, den feinen Sprühnebel in der Luft, den matten Lichtschimmer auf den Pflastersteinen und die Dunkelheit in meinen Gefühlen. Und dann lasse ich los und verabschiede mich in ein neues Leben. Ich nehme die Verantwortung eines Erwachsenenlebens auf mich und decke mich zu und schlafe grübelnd ein.

In der ersten WG-Nacht träume ich davon, wie ich mehrmals von Bene umarmt werde. Die Schauplätze des Traumes ändern sich nur minimal, immer ist es ein Bahnhof, an dem ich auf Bene treffe. Er umarmt mich kurz vor Abfahrt eines Zuges, kurz nach Ankunft eines Zuges und auch während eines Zwischenhalts. Ich bin umgeben von Zügen und Menschen, und alle sind auf der Reise und stehen unter Stress oder Zeitdruck. Nur Bene steht still und wartet auf mich, ist immer freundlich, steht immer mit offenen Armen da. Ich wache frierend auf und weine, weil ich meine Freunde vermisse und mich nicht wohl fühle in der WG.

Ich brülle mit aller Kraft, dass ich sie liebe, und Sezen Aksu hört es, blickt mich an und antwortet vor allen Besuchern des Konzerts: „Aber ich mache doch gar nichts, junger Mann!“ Das ist der Moment, an dem meine Sicherungen durchbrennen und ich keine Kontrolle mehr über meine Gefühle habe. Ich weine und ich lache mit ihr, bin während des ganzen Konzerts in Ekstase.

Später kämpfe ich mich zu ihr vor und warte den richtigen Moment ab, um ihr zu sagen, dass ich der junge Mann bin, der sie liebt. Sie lächelt mich an und ihre Augen strahlen. Ich frage sie, ob sie mir das in meinen Händen befindliche Album signieren kann. Sie sagt „Natürlich!“ und fragt mich nach meinem Namen. Ich sage ihn ihr. Und während sie meinen Namen auf das Album schreibt, schlägt mein Herz so heftig, dass ich Angst habe, es könnte gleich aus meiner Brust herausspringen. Ich bedanke mich bei ihr und lehne mich vor, küsse ihre Stirn und flüstere: „Gönül ektiğini biçiyor.“

Die Nacht nach dem Konzert verbringe ich bei Harvey. Wir sprechen über vielerlei Dinge, und irgendwann ist das Licht aus und wir liegen beide im selben Zimmer und lauschen unseren Atemgeräuschen. Doch schlafen können wir nicht, so erzählen wir uns Geschichten und sprechen über Träume. Ich erzähle ihr von dem Traum mit Bene und dass vielleicht die Umarmung von Marcus der Auslöser sein könnte, doch sie geht analytischer an die Sache heran und weist drei Deutungsmöglichkeiten auf.

  • Der Traum gibt dein derzeitiges Leben wieder, immer bist du auf der Reise, machst keinen Halt, hast keine Ruhe. Am meisten fehlt es dir, von einer vertrauten Person umarmt zu werden. Dir fehlt Halt.
  • Jede Figur im Traum ist man selbst, und du gibst dir in der Form von Bene, was du am meisten brauchst: Halt und Wärme. Du gibst dir selbst, was du brauchst. Du kannst dich selbst umarmen, du kannst selbst für dich sorgen.
  • Wohin du auch gehst, immer wirst du auf Freunde treffen, die für dich da sind, dich mit offenen Armen erwarten. Du wirst nie einsam sein, auch wenn du das manchmal denkst.

„Wie auch immer man es deutet, der Traum ist immer positiv und sehr schön“, sagt sie. „Vor allem aber schön, auch wenn er dich traurig stimmt.“

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In meinem Rucksack trage ich die Einkäufe für den Kühlschrank nach Hause, und in meinen Händen halte ich einen zusammengefalteten Karton und dessen Deckel. Ich laufe über die Hauptstraße, die quer zu meiner neuen Adresse verläuft, und frage mich, wie ich Teil dieser Stadt werden und ein paar Freundschaften schließen und mich einleben kann. Ich betrete den Bürgersteig und mir laufen drei Mädchen im Grundschulalter entgegen. Die optisch größte der Dreien fragt mich mit einer äußerst mutigen Stimme: „Entschuldigen Sie bitte! Brauchen Sie den Karton noch?“ Ich realisiere erst gar nicht, was vor sich geht und freue mich darüber, dass ich zum ersten Mal auf der Straße angesprochen werde, dass ich doch nicht nur ein Fremder in dieser Stadt bin, der allein durch die Straßen zieht. Ich freue mich so sehr, dass ich milde lächelnd antworte: „Nein, ich brauche den Karton nicht. Kannst du gerne haben!“ Ich reiche dem kleinen Mädchen den großen Karton, das Mädchen bedankt sich strahlend und geht mit ihren Freundinnen weiter. Ich blicke den drei Kindern noch eine Weile hinterher, lächle über meine Reaktion und drehe mich dann um. Und als ich vor mich hin blicke, habe ich weder einen Karton in der Hand, noch Freunde, deren Hände ich halten kann.

Kurz nach Mitternacht schlägt Marcus vor, dass ich wieder zu ihm ziehen und bis zu meinem eigentlichen Umzug im Februar bei ihm wohnen kann. Er sagt, dass ich erst einmal einen Ort zum Wohlfühlen brauche, ein Zuhause, und dass das wichtiger ist als alles andere. Ich schlafe eine Nacht darüber und nehme am nächsten Tag den Vorschlag an. Aus Pflichtbewusstsein in der Übergangs-WG zu wohnen wäre mir selbst gegenüber falsch und unaufrichtig. Für mich ist das Zimmer in der WG einfach nur ein Zimmer, in dem meine Sachen stehen, und nicht mein Zuhause. Ich wohne dort nicht gerne und die Kündigung nach nur einer Woche ist den Mitbewohnern gegenüber scheiße, doch letztlich nur konsequent.

Vorsprung.

6. August 2011

Ich steige aus der viel zu vollen S-Bahn und gehe auf eine junge Frau zu und sage ihr vollen Ernstes in’s Gesicht: „Hör‘ mir zu. Die Antwort ist Nein. Nein, tu‘ es nicht.“ Dann gehe ich meinen Weg weiter, ohne auch nur einmal zurückzublicken, die Treppe hinab, durch den Tunnel hindurch und die Treppe zu den Haltestellen hinauf und in den Bus hinein. Ich setze mich, der Bus fährt los und ich frage mich, was genau ich gerade eben getan habe und ob das Konsequenzen haben wird, mehr schlimme als gute, ob sie auf meine Worte hören und etwas nicht tun wird, nur weil ich, ein Fremder aus der S-Bahn, es ihr gesagt habe. Ich frage mich, ob das ihr Leben verändern wird und ob ich Schuld daran sein werde, dass sie leidet, stirbt oder möglicherweise glücklich sein wird.

Zu Hause angekommen denke ich noch immer an die junge Frau und was nun mit ihr geschehen wird. Ich weiß nicht, ob ich bereuen oder mich meiner Verrücktheit wegen freuen soll, oder ob das vollkommen gleich und unbedeutend ist, weil es letztendlich nicht in meiner Hand liegt, was sie zu tun vermag.

Nachts träume ich, wie sie sich am Geländer einer Brücke festhält, hinab sieht und wieder den Weg zurück geht, der sie dorthin geführt hat.

Der freie Fall.

29. Juni 2011

Seit Wochen schon träume ich, dass ich falle. Irgendwo hinein, irgendwo herab. Mal ist es ein dunkler Brunnen ohne Grund, mal eine Brücke über dem Meer. Manchmal stürze ich aus den Wolken, sehe Nebel unter mir und die Lichter einer Stadt; manchmal falle ich einfach nur vom Bahnsteig auf das Gleis. Doch zu Boden komme ich nie. Ich erreiche nie den Grund des Brunnens, schlage nie auf dem dunklen Meer oder den rostigen Schienen auf. Lande nie auf der Baumkrone einer alten Eiche. Ich schwebe einfach nur in der Luft, als wäre ich dort gefangen.

Ich kann mir diese Träume kaum merken, und am wenigsten kann ich sie mir erklären. Ich weiß nur, dass ich sie ab dem Nullpunkt nicht mehr hatte, und dass sie erst dann wieder zu mir fanden, als ich im Hause meiner Eltern schlief.

Ich würde gerne wieder etwas träumen, das mir keinen bitteren Nachgeschmack und eine Hand voll Grübelstoff hinterlässt. Etwas Schönes, das mich lächeln lässt, das mir Mut macht, mich stärkt.

Ein Traum.

3. November 2010

Es ist tiefster Winter, überall liegt Schnee und die Kälte zieht rücksichtslos die Wärme und die Seelen aus den Menschen. Ich stehe kurz vor’m Gefriertod, habe Hunger und der Bus ist noch immer nicht aufgetaucht. Wahrscheinlich will ich in die Stadt fahren oder in die Schule. Es ist dunkel. Ich sehe mich um und gehe dann in die Bäckerei, die sich gleich hinter der Haltestelle befindet. Dort möchte ich etwas kaufen, denn Bewegung tut gut, selbst wenn es nur der Mund ist. Eigenartigerweise sehe ich meine Großmutter mütterlicherseits hinter dem Tresen stehen. Sie sagt: „Mein Sohn, kauf‘ das hier, das schmeckt gut.“ Ich zeige aber auf etwas mit Banane und bestehe darauf, dass sie mir das verkauft. Ich zahle, küsse meine Oma auf ihre Backe und gehe wieder in die Kälte. Das Bananending schmeckt gut und so stehe ich dort draußen und warte und kaue und warte, doch kein Bus kommt. Plötzlich tauchst du auf und es wird hell und du sagst, ich solle einsteigen, du hast schon für mich gepackt und bist bereit, mich „von diesem Elend und der Kälte“ zu befreien. Ich steige ein, du bist mir ja nicht fremd. Dein Gesicht aber kenne ich nicht wirklich, ich möchte dich ansehen, deinen Bartwuchs betrachten, kann aber nicht, weil ich versuche „vernünftig“ zu sein. Du merkst das und sagst: „Du musst lernen, unvernünftig zu sein! Reiß‘ deine Maske ab, ich kenne dich ja so, wie du darunter bist.“ Ich hebe meine Hand und fahre über mein verfrorenes Scheingesicht, finde die richtige Stelle und reiße mir mit Wucht die Maske vom Kopf. Ein bisschen Fleisch fällt auf den Boden, löst sich aber in Sekundenbruchteilen auf. Ich blute, kann aber endlich richtig sehen und atmen und riechen. Du siehst mich im Rückspiegel an und lächelst. Und dann fahren wir irgendwo hin, wahrscheinlich weit in die Ferne, an einen Ort voller Wahrheit und Schönheit, der uns mit Liebe empfängt. Ich wache glückselig auf.

Hallenbad und Rossmann.

25. Oktober 2010

Mir ist kalt, also gehe ich schneller. Die Sonne versank schon vor Stunden hinter dem Laubwald. Am Himmel nur Schwärze. Alle paar Meter werfen Straßenlampen blass-gelbe Schatten zu Boden. Leuchtkraft kaum der Rede wert. Der Wind steht still, kein Fahrzeug oder Mensch lässt sich aus der Dunkelheit heraushören. Mondscheinfarbene Katzenaugen blicken mich wissend an, vorne links. Ich habe das Gefühl, von ihnen verfolgt zu werden. Eine schöne Katze, denke ich und laufe weiter. Schneller, denn es ist kalt. In Gedanken freue ich mich schon auf die dampfend-warme Luft und auf das Gefühl auftauender Ohren. Meine Hände wohnen in meinen Jackentaschen, dort ist es nämlich kuschlig und warm. Zu erreichen bin ich nicht, denn das Mobiltelefon liegt zu Hause in einer Schublade. Gutes Gefühl, dieses Nichterreichbarsein. Noch zwei Straßen, dann bin ich da. Einmal links, dann rechts. Da.

Während des Vorbeilaufens erkenne ich vier Schwimmer. Gut, denke ich und lächle. Meine Altersklasse geht eh nie in’s Hallenbad. Vor allem nicht Freitagabends. Ich drücke die Eingangstüre, obwohl dort ziehen steht. Nie werde ich es lernen. Dabei sollte ich doch wissen, dass ich an dieser Tür ziehen muss, schließlich habe ich hier vier Jahre lang das Schwimmen gelernt. Im Kassen- und Süßigkeitenhäuschen sitzt niemand, also gehe ich in eine Einzelkabine, ziehe mich aus und ziehe meine Badehose an. Meine Sachen stopfe ich in den Spind mit der Nummer elf, denn das war schon immer mein Schrank, damals als Kind. Ordnung muss nicht sein, sieht ja keiner. Ich nehme 2,50 Euro aus meiner Geldbörse und werfe einen davon in den Spindschlitz, schlage die Türe zu und drehe am Schlüssel, nehme den Schlüssel an mich und binde ihn mir um das linke Handgelenk. Wie ’ne Uhr, denke ich und gehe zur Glastür, am Duschraum der Männer vorbei. Das Wasser klar und blau. Die Wellen gleichmäßig. Fünf Schwimmer, nicht vier, sehe ich und gehe zu den beiden Bademeisterinnen. Oh, eine Freundin meiner Mutter. Hey, wie geht’s dir? Gut und dir? Mir auch. Du hier, wie kommt’s denn dazu? Ich hab‘ Rückenschmerzen und der Arzt meinte, Schwimmen könnte mir helfen. Ah, verstehe. Willst du gleich bezahlen? Jep. Wir laufen zurück zum Kassenhäuschen. Macht dann 1,50 Euro. So günstig? Ja! Voll gut, nicht wahr? Ich lächle und wende mich ab, gehe an den Kabinen vorbei in die Gruppendusche. Drücke auf den Push — das Wasser ist warm —, und stelle mich darunter. Haare, Körper und Badehose werden nass. Ich genieße kurz die Wärme und gehe wieder aus dem Duschraum. Öffne die Glastür und springe in’s Wasser, erreiche den Boden. Vier Meter, denke ich und tauche auf. Das Wasser hier ist viel wärmer als drüben im Duschraum. Toll! Ich fühle mich frei. Als wäre ich schwerelos und könnte fliegen.

Ich schwimme wie ich es gelernt habe, merke aber, dass ich mit den Jahren rostig geworden bin. Wie lange schon war ich nicht mehr schwimmen? Zuletzt 2007. Türkei, Sonne und Meer. Ich schwimme ein paar Bahnen und spüre, wie sich Erschöpfung in mir ausbreitet. Erschöpfung der wohligen Art. Nach ein paar Minuten gleite ich schon sicherer durch das Wasser, fühle mich wie mein Sternzeichen: Fische. Ich drehe mich auf den Rücken und lasse mich treiben. An der Decke noch dasselbe Holz wie damals als Kind. Und plötzlich bin ich wieder klein. Biene Maya und ich, wir waren die besten Freunde, denke ich und muss lachen. Huch, verschluckt! Biene Maya, so wurden die Schwimmflügel genannt, die von Kindern getragen werden mussten, die zu unsicher schwammen. Ich war so ein Kind. Doch jetzt, mit 17, bin ich ein Fisch im Goldfischglas. Zwar ein wenig ungelenk, aber das wird schon. Ich tauche ab und teste meine Lunge. Zwölf Sekunden und ich tauche wieder auf, schwimme zu den Massagedüsen. Ich halte mich am Beckenrand fest und lasse mich von den Wasserstrahlen massieren. Oh Gott, wie göttlich! Befriedigung durchblutet mich. Ich fühle mich wohl. Mach‘ ich jetzt jede Woche, weiß ich und schließe meine Augen.

Erst dann fällt mir auf, wie still es in diesem Hallenbad eigentlich ist. Jeder Schwimmer ist auf seine eigene Art in sich versunken. Als ich meine Augen wieder öffne, sehe ich einen neuen Gast am Beckenrand. Wo ist denn nur meine Brille…? Achja, im Spind. Ich gleite durch’s Wasser, diesmal wie ein Frosch, und sehe mir dabei den Herren näher an, der gerade in’s Becken gesprungen ist. Den kenne ich doch! Das ist der Typ, der so toll pfeifen kann! Er lächelt mich an. Wir kennen uns, aber nur vom Sehen her. Ich schätze sein Alter auf 35. Er sieht stattlich und dabei gut aus. Wie Dexter. Er schwimmt ein paar Bahnen, so wie ich, und wir machen beide Pause an den Massagedüsen. Seitdem er das Wasser betreten hat, ist es lauter geworden. Er atmet kräftig und männlich, ist muskulös. Seine Augen sind braun, sein Gesicht rasiert und markant. Ich denke an ein edles Rennpferd und mag den Vergleich. Er schaut zu mir, lächelt freundlich und schnauft weiter wie ein Ross auf hoher See. Dann gibt er sich einen Ruck und taucht ab. Am anderen Ende des Beckens taucht er wieder auf. Respekt. Ich drehe mich auf den Rücken, merke aber, dass ich eine Erektion habe, also drehe ich mich wieder auf den Bauch. Wie peinlich. Gut, dass niemand eine Taucherbrille auf dem Kopf hat. Ich kraule ein wenig und versuche somit, meine Erektion loszuwerden. Klappt.

Sechsmal hin und zurück, dann Pause. Ich lasse mich zum gefühlt hundertsten Mal massieren, blicke diesmal aber still an mir herab. Im Wasser sieht man meine Brusthaare gar nicht, weil dunkelblond und kaum vorhanden. Nur ich sehe, wie sie sich von den Wellen wiegen lassen. Fast männlich, glaube ich und sehe mich nach dem Rossmann um, welcher gerade auf seinem Rücken im Wasser liegt und in meine Richtung geschossen kommt. Er sieht nach oben und nicht, was sich hinter beziehungsweise vor ihm befindet, also schwimme ich zur Seite. Dem dumpfen Schlag nach stößt er sanft mit dem Kopf gehen den Beckenrand. Doch augenblicklich stellt er sich gerade und streicht sich verschmitzt über den Kopf. Er sieht zu mir rüber, lächelt und schießt wieder los. Dabei fällt mir auf, wie behaart dieser Typ eigentlich ist. Selbst auf dem Rücken hat er Haare. Ein waschechter Mann, denke ich und überlege mir, ob ich das schön finde. Naja, zu ihm passt es. Nach ein paar Sekunden merke ich zum wiederholten Male, wie Blut eine bestimmte Region meines Körpers durchströmt, also kraule ich wieder ein wenig, um loszuwerden, was mir peinlich sein könnte. Und so geht das fast zwei Stunden lang. Frosch, Rücken, Kraulen, vorwärts oder rückwärts, Massagepause, Erektion. Schwimmen, Pause, Ständer. Wasser, Luft, Blut. Kurz: Erektionsprobleme der anderen Art.

Nach etwas mehr als zwei Stunden im Wasser spüre ich die Erschöpfung in praktisch jeder Muskelfaser. Ich bin müde, möchte gehen — so wie die vier Schwimmer vor mir —, finde die Wassertemperatur aber angenehm und fühle mich zu antriebslos. Ich lasse mich treiben. Als ich mich über die Ruhe wundere, die plötzlich herrscht, stelle ich mich gerade und sehe, wie der Rossmann gerade aus dem Becken steigt. Das nehme ich mir als Anlass und tauche ab und am Geländer wieder auf, steige die Stufen hoch und winke nass und fröhlich den beiden Bademeisterfrauen zu und gehe zur Glastür. Das Wasser tropft an mir herab. Herr Rossmann befindet sich in einer der Toiletten, während ich zu meinem Spind gehe und diesen aufschließe. Ich packe Handtuch, Schampoo und frische Unterwäsche in meine Tasche und lege diese vor der Dusche ab. Hinter dem Vorhang plätschert es. Ein melodisches Pfeifen erreicht meine Ohren. Ich nehme Schampoo, Herz und Eier in die Hand und schiebe den Vorhang zur Seite, welcher den Sichtschutz der Gruppendusche darstellt.

Und dort steht der Rossmann. Komplett nackt und halb eingeseift. Die Hände im Intimbereich. Mit aller Kraft halte ich eine Erektion zurück. Disziplin! Er blickt auf und nimmt die Hände aus seiner Scham, grinst dann verschämt, dreht sich aber nicht weg. Ich schmunzle verständnisvoll. Währenddessen pfeift er seine Melodie, und das perfekt. Ich überlege in Sekundenbruchteilen, ob ich mich ihm gegenüber oder neben ihn stellen soll, und entscheide mich für gegenüber. Ich wende mich der Wand zu, drücke auf den Push und beiße mir in die Lippen, denn die Geilheit darf mich nicht einnehmen. Ich schütte mir das Schampoo in die Hand und seife mich von Kopf bis Fuß ein. Dann drehe ich mich um. Herr Rossmann wäscht sich gerade den Schaum vom Kopf. Seine Augen hat er dabei geschlossen. Erst jetzt realisiere ich, dass ich mit meinem Pferdevergleich goldrichtig lag. OH MEIN GOTT, denke ich und spüre wie das Blut in meinem Körper rauscht. Ich ziehe meine Badehose aus und halte sie hoch in den Wasserstrahl, presse dann das Wasser aus ihr heraus, lege sie zur Seite. Dann seife ich mich wieder ein. Mein Herz schlägt schneller denn je und ich führe einen blutigen Kampf gegen meine unstillbare Lust, die sich seit mehr als zehn Tagen hat nicht blicken lassen und jetzt plötzlich mit Verstärkung an mich heranzutreten versucht. Ich führe meine Hände in meine Weichteile und schäume auch diese ein. Und dann weiß ich: das war ein Fehler, denn ein strammer Bursche ist die Folge. Ich versuche zu verdecken, was mir gehört, merke aber ziemlich schnell, wie dumm das ist, denn wie soll ich etwas mit meinen Händen verdecken, das größer als ebendiese ist? Der Rossmann hat’s schon gemerkt und grinst tolerant. Bin ja noch jung und da kann das ja mal passieren, wenn man sich dort hin langt. Seine Hände reiben gerade über seinen Bauch, welcher trainiert zu sein scheint. Ich schmunzle tief-verschämt und hebe Augenbrauen und Schulter hoch und lasse sie zur gleichen Zeit fallen. Verflixt, fettes Eigentor! Ich drehe mich knallrot um und beiße mir auf die Zunge. Wie gerne würde ich mich hier jetzt befriedigen! Doch Selbstbeherrschung ist gefragt. Ich denke an meinen Vater und an seine Ehre und schon ist’s vorbei. Ich drücke auf den Push und wasche mich schaumfrei, gehe halbsteif zum Vorhang und hole mein Handtuch. Es ist üblich, dass man sich im Duschraum abtrocknet, also tue ich es dem Rossmann gleich. Der Waschraum wird von dem Schall tropfenden Wassers, den Atemgeräuschen zweier Männer und dem Reibton von Handtüchern auf menschlicher Haut erfüllt. Ich habe diese Angewohnheit, mich komplett trocken zu trocknen. Also brauche ich nach dem Duschen immer länger. Als sich der Rossmann gerade seine Boxershort überstreift, bin ich noch dabei, meine Haare zu entfeuchten. Er beendete sein Pfeifkonzert und ging in Shorts an mir vorbei, folgendes sagend: „Bis nächste Woche, junger Mann!“

Hätte er sich in dem Moment noch einmal umgedreht, hätte er gesehen, wie hart ich innerhalb von einer Sekunde werden kann. Erfreulicherweise kam es nicht dazu. Seine Worten hatten die Wirkung von Viagra auf mich, obwohl ich nicht weiß, wie Viagra wirkt.

Ich werde jeden Freitag von zwanzig bis zweiundzwanzig Uhr in’s Hallenbad gehen. Erstens meiner Gesundheit wegen, zweitens der wilden Träume wegen, welche ich jede Nacht von Freitag auf Samstag haben werde.

Der erste Kuss.

13. Oktober 2010

Schläfrig lag ich auf dem schwarzen Rückenpolster meines Rucksackes, welchen ich immer öfter als Kissenersatz missbrauchte, und wünschte mir, dass die zäh kriechende Zeit sich verflüssigt, während der schmächtige Deutschlehrer seinen Lehrauftrag erfüllte und versuchte, uns Schülern an einem Freitagnachmittag, in der letzten Doppelstunde vor dem lang ersehnten Wochenende, etwas beizubringen, das wir schon längst kennen sollten, so oft wie wir das in unserer Schullaufbahn schon durchkauen mussten.

Ich lag da wie ein ausgeschlachteter Fleischklumpen und blickte aus nach Erholung kreischenden Lidern in die scheinbare Leere des Klassenzimmers und versuchte ohne Regung die Staubpartikel zu verfolgen, welche hoch oben in der Pumakäfigluft des Raumes von den Strahlen der bevorstehenden Abendsonne vergoldet wurden, die durch das schmutzbehaftete Fensterglas fielen und dem Zimmer dieser Irrenbildungsanstalt ein hoffnungsvolles Schimmern verliehen. Dieser funkelnde, farblos-flaue Anblick ermüdete mich nach kurzer Zeit und so entschloss ich mich dazu, meine ausgebrannten Augen zu schließen und ein wenig zu schlafen, denn etwas besseres konnte ich als wissbegierig-gelangweilter Schüler nicht machen.

Nach einem zwanzig-minütigen Sekundenschlaf riss ich entsetzt meine Augen auf, als ich plötzlich die Stimme des jungen Mannes aus der Reihe vor mir vernahm, welcher sanft, fast liebevoll einen Text aus dem Schulbuch vorlas, und in mir die Entfaltung eines längst vergessenen Traumes lostrat, indem er das Wort „Kuss“ über seine Lippe springen ließ, welches zart auf meiner Lippe landete.

Mein Herz schlug so schnell, dass ich aus Angst, jemand könnte es hören, vergaß zu atmen und zu blinzeln, denn ich konnte nicht glauben, an was ich mich erinnerte. Er saß da, vor meinen Augen, und sprach einen Text, den ich nicht einmal wahrnahm, bis mein Unterbewusstsein das Wort erfasste, welches mich schmerzlich übermannte und mein Bewusstsein impulsartig in Brand steckte.

Im Traum, den ich Tage zuvor geträumt haben muss, küsste ich den jungen Mann, welcher Montag bis Freitag vor mir in der Reihe sitzt und zweifelsohne zu den schönsten Kerlen gehört, denen ich jemals in meinem Leben begegnet bin. An manchen Tagen kann ich ihm nicht in sein wunderschönes, klares Gesicht blicken, weil meine Vernunft es mir nicht gestattet, diesen zweiundzwanzig-jährigen Herren insgeheim anzuhimmeln. Doch er sitzt vor meinen Augen, jeden Tag, und redet oftmals mit mir, als kannten wir uns schon immer. Und ich sehe täglich in seine Kornblumenaugen und erkenne darin seine Intelligenz, welche mich immer wieder in die Faszination führt, und seine Aufrichtigkeit, welche mich im Herzen schmeichelt und mir jedes Mal ein Lächeln zaubert. Seine Haut, die fraglos reifer ist als meine, bewirkt in mir einen erotischen Respekt, und so zügle ich mich und beweise Disziplin, beherrsche mich und halte mich zurück, denn etwas anderes bleibt mir nicht übrig. Doch wie gerne würde ich über sein Gesicht streichen und mit meinen Fingerkuppen durch sein volles, blond-braunes Barthaar gehen, das sein Antlitz veredelt und noch ästhetischer gestaltet, als es ohnehin schon ist…

Im Traum, da küsste er mich. Zum ersten Mal wurde ich geküsst und zum ersten Mal träumte ich davon, geküsst zu werden. Sorgsam hielt er meinen Kopf, sah mir in die Augen, in denen ich mich selbst erkennen konnte, und näherte sich mir, als wäre es nie anders gewesen, und gab mir das Gefühl, das Richtige zu tun. Unsere Lippen berührten sich und ich fühlte mich wohl dabei, fast geborgen. Im Traum war es das schönste aller Gefühle, denn ich hatte weder Sorgen, die sich erfüllen könnten, noch Hoffnungen, die sich erfüllen sollten. Es war ein hoch-erotisches, sinnliches Erlebnis, das mich schwer aufgeschürft hat.

Er las weiter und Wort für Wort verging die Zeit, doch mein Herz klopfte rasend und mein Atem stand still. Hellwach brannten meine Augen und eine schwere Traurigkeit flutete meine Gedanken und Gefühle. Es war nur ein Traum. Nur ein Traum, der sich nie verwirklichen und für immer nur ein Traum bleiben wird. Ein Traum wie kein anderer und ein Traum, der mich zerreißt und meine Zerrissenheit als unstillbare Durstlandschaft hinterlässt. Diese unbändige Sehnsucht fließt durch meine Adern und schmerzt mit jedem bewussten Herzschlag in seiner Gegenwart.

Ich weiß, dass ich nie die Gelegenheit haben werde, meinen Durst mit und an diesem jungen Herren zu stillen. Mein Leben ist manchmal sehr bitter und schleicht so lange auf unhörbaren Sohlen, bis ich verwundet und schwach durch die Welt weile. In solchen Momenten schlägt es zu und trifft punktgenau auf mein verletzliches Gemüt. Ich lag auf diesem Tisch und fühlte mich wie durch einen dornigen Holzpflock aufgespießt. Mein Herz war gebändigt in beißender Enge, konnte sich nicht wehren gegen die Traurigkeit meiner Träume und Sehnsüchte, ohne ein größeres Leid zu erfahren. Und so lag ich still schweigend und schwer atmend und leidend auf dem Tisch, und versuchte meinen Kummer unbemerkt herunter zu schlucken, was mir natürlich bestens gelang, denn ich bin der Meister der Masken.

Ich werde mich niemals ausleben können, solange ich ein Doppelleben führe. Diesen jungen Herren sehe ich Tag für Tag und mit jedem weiteren Tag schmerzt mich sein herrlicher Anblick umso mehr. Er spricht nur eine Sprache, ist nicht bilingual, wie ich es bin. Und es ist nicht Liebe, es dieser Durst, der mir so oft die Tränen in die Augen treibt, wenn ich alleine bin.

Eine viertel Stunde nach der stechenden Erkenntnis, Wunderschönes geträumt zu haben, kam zu meiner Scheinrettung endlich die erlösende Zehn-Minuten-Pause um die Ecke. Der junge Mann, der mich geküsst und somit in den tiefen Sumpf der verbitterten Traurigkeit gestoßen hatte, hob seinen Kopf, welcher mittlerweile auf der Tischplatte lag, streckte sich und drehte sich um zu mir.

Einfühlsam lächelnd flüsterte er mir in’s Ohr: „Oh, der Herr Heartcore sieht aus, als könnte er einen Kaffee ebenfalls ganz gut gebrauchen. Ich geb‘ dir ‚was aus. Drei Mal Zucker und einmal Milch, nicht wahr?“