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Frankenberg. (7/42)

30. August 2015

Am Mittwoch haben wir einen Tagesausflug nach Frankenberg an der Eder gemacht. Wir wollten eine historische Altstadt besichtigen und das Städtchen wurde uns von einem Freund empfohlen.

Wir parkten am Friedhof und liefen etwa fünf Minuten in die Altstadt, bestehend aus vielen bunten und prächtigen Fachwerkhäusern. Wir suchten das Info-Häuschen auf und nahmen einen kostenlosen Stadtführer sowie diverse andere Heftchen über Reise-Tipps in Nordhessen mit. Von der Dame dort wurde uns noch das Thonet Museum empfohlen, dazu gleich mehr. Als Erstes sahen wir uns das Rathaus an: Ein Fachwerkbau im gotischen Stile mit 10 kleinen Türmchen. Man kann es betreten und befindet sich dann in einer unspektakulären, leeren Halle. Interessant ist vielmehr das Äußere. Ich fühlte mich beim Anblick wie in einem Märchen, so hübsch sah das aus. Leider hatten wir das Glockenspiel um 11:45 Uhr verpasst, und das zweite um 15:45 Uhr haben wir vollkommen vergessen.

Wir schlenderten weiter durch die Fachwerk-Einkaufsstraße, aufgefallen sind mir ziemlich viele „zu vermieten“-Schilder in den Schaufenstern. In der Yelp-App wurde das Indian King gepriesen, also aßen wir indisch und wurden nicht enttäuscht. Dort tranken wir auch je ein Glas Mongo-Lassi, bestehend aus Buttermilch und Mango-Pulp. Das war furchtbar lecker! (Leider war unser Versuch, das Getränk zu Hause nach zu machen nicht so gelungen. Falls Sie also einen Tipp haben, gerne in die Kommentare schreiben.) Gestärkt machten wir uns dann auf zum Thonet-Museum. Mir sagte der Hersteller erst einmal nichts, bis ich die Stühle sah. Auf zwei Etagen konnte man sich einmal zur Geschichte informieren und einmal zu den aktuellen Möbeln. Im geschichtlichen Bereich stehen überfall die berühmten Thonet-Stühle in tausend Formen und Farben herum und an den Wänden hingen vieleviele Bilder, auf denen Thonet-Stühle zu sehen waren: Pablo Picasso, Marilyn Monroe, der König, der Kaiser und so weiter. Viele prominente Menschen, die auf Stühlen sitzen, sich dran lehnen etc. Vielleicht kannte ich die Stühle auch von solch einem Bild, das ich irgendwo mal gesehen habe; in meinem Umfeld habe ich diese Stühle noch nie gesehen. Einen Blick ist das Museum jedenfalls wert, zumal der Eintritt kostenlos ist.

Sodann gingen wir zum Kloster St. Georgenberg, in dem die Stadtverwaltung und ein Heimatmuseum beheimatet sind. Im Museum wurden wir von einem sehr redseligen alten Herren geführt; ich zumindest konnte mich gar nicht auf die einzelnen Objekte konzentrieren. Wenn mich etwas interessiert, lese ich darüber nach. Bei der Informationsflut aber wollte ich nur fliehen. Nach einer Stunde etwa konnten wir uns endlich losreißen. In Sichtweite lag der Burgberg, also gingen wir dort hoch. Nach gefühlt tausend Stufen erreichten wir die Burgruinen und saßen ein paar Minuten auf einer Bank, um uns auszuruhen. Stephan las aus dem Stadtführer vor, während der Wind nur so durch die Haare zauste, und ich sah in die Ferne, in die Landschaft und freute mich schon an die Mufflons, die wir später noch besuchen wollten.

Neben den Ruinen ragte die Liebfrauenkirche (evangelisch) in den Himmel empor. Wir sahen uns darin um, während jemand Orgel übte. Das Gewölbe war wunderschön mit floralen Mustern geschmückt und im Licht der untergehenden Sonne erstrahlten die Bleiglasfenster. Wer sich gerne Kirchen anschaut, dem sei die Liebfrauenkirche empfohlen.

Zum Abschluss setzten wir uns in einen Biergarten vor das Rathaus – wobei Biergarten falsch ist, mir fällt das passende Wort gerade nicht ein – und schrieben Postkarten. Zwei davon gingen an die Freunde, mit denen wir über mögliche Ausflugsziele sprachen. Für beide hatten wir den gleichen Text, nur die Anrede war jeweils anders. Weil das aber langweilig gewesen wäre, teilten wir den Text auf: Jedes zweite Wort kam auf die Karte, sodass der Text nur Sinn ergeben konnte, wenn die Empfänger die Karten zur nächsten Chorprobe mitbringen. Daran saßen wir bestimmt eine Stunde. Hat aber Spaß gemacht.

Während des Lesens merke ich gerade, dass man denken könnte, Frankenberg sei eine weitläufig. Nein, das Städtchen ist es ganz und gar nicht; Frankenberg ist winzig und sehr pittoresk. Alles ist prima zu Fuß zu erreichen. Ein schönes Ziel für einen Tagesausflug, die Sehenswürdigkeiten sind höchstens zehn Minuten voneinander entfernt, wenn man ganz in Ruhe geht.

Dann fuhren wir heim. Aber nicht, ohne den Wildpark zu besuchen. Denn dort konnte man neben Mufflons auch Bergziegen, Schwarz-, Rot- und Damwild sehen. Der Park ist jederzeit in jeder Jahreszeit kostenlos begehbar. Hat man die Ziegen hier sich, steht man quasi mit allen anderen Tieren in einem Gehege. Riesige Hirsche standen wenige Meter von uns entfernt und starrten uns gelangweilt an, weiter hinten war ein Truppe Damwild, das dabei war zu speisen. Sie rannten erst einmal weg, als wir näher kamen, und tippelten dann wieder unbeeindruckt zu ihrem Futter. Wir sahen ihnen ein wenig dabei zu und suchten die Mufflons, meine absoluten Lieblingstiere. Ich kann gar nicht genau sagen, warum sie das sind, sie sind es einfach. Die Mufflons waren aber schüchtern und flohen immerzu vor uns. Dabei auch ein ganz ein weißes, ein Albino-Mufflon! Wie süß! Es war leider schon sehr dunkel geworden, also fuhren wir wirklich nach Hause. Den Wildpark möchte ich auf jeden Fall noch einmal besuchen.

Frankenberg. Geht da mal hin, wenn ihr einen ruhigen Tagesausflug machen wollt. Wir fanden es sehr schön.

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Amsterdam.

27. April 2012

Zusammen mit anderen Freiwilligendienstleistenden bin ich für eine Woche nach Amsterdam gefahren. Die Stadt hat mir äußerst gut gefallen: klein, dicht bevölkert, großes Angebot an Kunst und Kultur. Die Grachten und diese seltsam-schief aneinander gereihten, niedlichen Häuser, das viele Grün und die Fahrräder überall, die Beleuchtung bei Nacht: wunderschön. Eine durch und durch tolle Stadt, die man gesehen haben sollte.

Am Montag, dem Tag der Anreise, habe ich morgens noch überlegt, ob ich nicht einfach im Bett liegen bleiben und mich später krank melden soll, nachdem der Reisebus auf jeden Fall schon unterwegs ist. Ich wusste genau, was mich erwarten würde: eine Woche unter mehr oder minder Gleichaltrigen, für die ich unsichtbar bin und mit denen ich nichts zu tun haben möchte. Die Angst vor Einsamkeit und Isolation war größer als die Freude auf eine erlebnisreiche Woche in einer Weltstadt. Ich wollte viel lieber arbeiten. Das alte Nähe/Distanz-Problem. Doch wie es bei mir immer so ist, bin ich letztlich doch aufgestanden, denn das Auslandsdatenpaket war schon gebucht und der Koffer bereits gepackt, und auf Ausräumen und Stornieren hatte ich keine Lust. Form follows function.

Nun saßen wir also im Reisebus und fuhren nach Amsterdam. (Etwa 150 Personen, zwei Reisebusse.) Dort angekommen hatte ich eigentlich schon keine Lust mehr auf die anderen Mitreisenden. Immerhin durfte ich mir die Menschen aussuchen, mit denen ich mein Zimmer teilen sollte; das war gut. Als Gruppe von etwa zwanzig Personen, die ich alle nicht kannte, haben wir uns am späten Nachmittag aufgemacht und die Stadt erkundet, sprich: die Anderen haben einen Supermarkt gesucht, in dem man Alkohol kaufen konnte, und danach einen Coffeeshop, in dem man Zeug rauchen konnte. „Na super…“, dachte ich und habe mich aus dem Staub gemacht, um allein die Stadt kennenzulernen.

Ich bin durch die Straßen Amsterdams gelaufen, über die vielen Brücken und Grachten und habe mich genau umgesehen. Überall tolle Architektur, an jeder Ecke etwas, das ich interessant oder schön anzusehen fand. Und dann wurde es auch schon dunkel, und ich wurde melancholisch.

Ich habe viel über unglückliche Dinge und über mich nachgedacht, als ich alleine durch die Nacht ging, meinen ganz eigenen Stadtrundgang im Dunkeln machte. Ich wollte nicht mit den Anderen sein, ich wollte mir die Reise nicht mit Alkohol und Drogen verderben, doch allein sein wollte ich auch nicht. Also machte ich mir Gedanken. Ich habe an meine gescheiterte Beziehung gedacht, ich dachte an Freunde, die mir nach wie vor fehlen, an meine Eltern, die mir fern sind, an die Familie, die mir immer fremder wird. Ich dachte daran, wie ich mir alles anders vorgestellt hatte. Und zu guter Letzt dachte ich, dass ich einsam bin, dass ich niemanden habe, der mich begleitet auf meinem Weg. Ich stand allein auf einer Brücke über der Amstel, der Wind war kalt, das Wasser unter mir rauschte nur so vorbei. Ich sah den Fluss hinauf und hatte tatsächlich Tränen in den Augen, als in der Ferne ein Schiff aufleuchtete, in schillernden Farben, ganz bunt. Es kam immer näher auf mich zu, es war farbenfroh und irgendwie niedlich, weil es bei näherer Betrachtung doch nicht so groß zu sein schien wie ich vermutet hatte. Es fuhr vorbei und nahm all meine dunklen Gedanken mit sich. Und zurück blieb etwas wie Glück in meinem Herzen, eine tiefe Zufriedenheit, ein starkes Selbstbewusstsein. Fortan dachte ich an die guten Dinge in meinem Leben, an den Mann, den ich vor ein paar Wochen kennengelernt habe, an seine Augen, seine starke Seele. An die vielen Menschen, die bei mir sind, auch wenn ich sie nicht oder selten sehe. Ich dachte an das vergangene Wochenende, den Geburtstag meines Vaters und meinen Überraschungsbesuch, den Abschied am Bahnhof, das Herzklopfen in Stuttgart, die Umarmung in Frankfurt, das Gewitter auf dem Maintower, das ich mit einem besonderen Menschen erleben durfte, hautnah. Ich dachte an meinen Lieblingsmitbewohner und seine Freundin, an die verkuppelten Fahrräder vor dem Fenster, an die Kinder, an meine Eltern, die mich lieben, an meine teuren Freunde, die da sind für mich, die mich anrufen, anschreiben, sich mit mir treffen, mit mir reden. Ich dachte an mich und welch‘ Glück ich doch habe, und dass ich glücklich sein sollte. Und ich war es, ich war glücklich auf dieser Brücke, in dieser Nacht, in der ich mich einsam fühlte. Ich ging durch Amsterdam und lächelte. Ich bin allein gewesen, aber ganz sicher nicht einsam. Ich habe Liebe im Herzen, Träume für die Zukunft, Ziele in Nah und Fern. Ich bin nicht einsam, ich bin höchstens etwas verwirrt und gerade dabei, erwachsen zu werden. Alles gut.

Morgen mehr.