Posts Tagged ‘Frühling’

Ein paar Sätze.

8. April 2012

Ich bin seine größte Hoffnung und seine größte Angst zugleich.

„Nicht aufgeben, kleiner Heartcore, durchhalten.“

„Du bist 18 und gehst einen schweren Weg auf die schwerste Art.“ — Das ist der Satz, der mich nicht mehr loslässt.

Ich ziehe den Rollkoffer die Straße hinauf und blicke erst an der Kreuzung zurück und sehe ihn noch immer dort an der Tür stehen, aufrecht und treu. Ich winke ihm ein letztes Mal und gehe meinen Weg weiter, einen langen Weg, bei dem es kein Zurück, sondern nur ein Voran gibt. Ich zähle meine Schritte bis zum Wasserturm und weine mehr Tränen, als ich zählen kann.

Ein Kranich kreuzt meine Wege, landet unmittelbar vor meinem Schatten. Wie geschmeidig sich die Federn um den Rumpf falten, wie anmutig und edel dieses Tier doch ist.

Das Kind ist winzig, wenige Minuten auf der Welt, das Haar ein Flaum, die Finger klein und zerbrechlich. In der Akte steht, dass es wahrscheinlich nicht länger als eine Woche leben wird. Ich lege meine Hand ganz sanft auf dessen Kopf, streiche noch sanfter über den Haarflaum und sehe in die Augen des Kleinen, das kaum blinzeln kann. Es blickt mich an, wir sind uns ganz nah, dann schließt es die Äuglein und schläft ein. Mach’s gut, denke ich. Schade, dass du schon gehen musst.

„Das Tolle an ihm ist…“, sagt meine Chefin zu ihrer Kollegin und massiert mir die schmerzende Schulter, „…er macht das alles und lächelt am Ende immer noch!“

„Ich sehe das in deinen Augen“, sagt er. „Du bist so sehr traurig, dass es mir das Herz bricht, dich anzusehen.“

Bene, Jes und ich, wir sitzen in einem Restaurant und schlagen uns die Bäuche voll. Glückskekse fahren vorbei, jeder nimmt sich einen. Jes‘ Spruch handelt von Geduld, meiner davon, dass ich bald Erfolg haben werde. In der Packung von Bene, äußerlich nicht von unseren zu unterscheiden, befindet sich nur Luft. Kein Keks, kein Spruch. Armer Kerl.

Wir liegen in meinem Bett, der Morgen ist nahe und Bene sagt: „Du bist immer freundlich und du bist immer nett.“ Ich widerspreche und er sagt: „Nein, gar nicht! Red‘ keinen Scheiß zusammen, du bist ein guter Freund. Du kümmerst dich.“

Ich gehe nach Hause, es ist ein wundervoller, sonniger Tag; der erste Frühling im neuen Leben. Die Sonne wärmt mir das Gesicht, ich lächle und freue mich, weil ich bald meine ersten Tomaten züchten werde: in Blumenkästen auf dem Balkon. Ich lächle so arg, dass es sich dabei um ein Lachen handeln könnte, und dann macht es KLACK und ich werde schlagartig traurig. Ich weiß nicht warum.

An der Wand im Wohnzimmer hängen noch die zwei Papierbögen, die zusammen eine Art Plan bilden, den wir damals mit ihr entworfen haben. Erst heute fällt mir der Schwung in ihrer Handschrift auf, diese Wucht und Zuversicht zwischen den Zeilen, als wolle sie sagen, dass alles seinen Weg finden wird. Ich erkenne, wie arg sie sich für mein Wohl eingesetzt hat, und ich gräme mich, dass ich nicht schon lange zuvor Danke gesagt habe. Ihr und all jenen Menschen, denen ich die Veränderungen zu verdanken habe. Würdevoll, rechtzeitig.

„Ich kenne diesen Blick“, sagt er. „Entweder er weiß es bereits oder er ist sich noch nicht ganz sicher.“ Ich schaue den Jungen an und wünsche mir, ihm helfen zu können. Und dann sind wir auch schon ausgestiegen.

Ich vermisse die Kinder, schreibe ich ihm. Und sie fehlen mir wirklich, als wären sie schon immer meine Jungs gewesen.

Am Bahnhof lächle ich der Sonne entgegen, sie scheint warm und ich spüre Wärme auf Lippen und Lidern. Eine kleine Dame, zierlich und irgendwie süß, sitzt auf der Bank gegenüber und glaubt, dass ich sie anlächle. Der Wind ist mild und riecht nach Erde.

„Nach 20 Jahren der Überzeugung habe ich meine Stimme einer anderen Partei vergeben“, sagt mein Großvater. „Wie kannst du nach all der Zeit einfach eine andere Partei wählen?!“, fragt sein Gesprächspartner. Mein Großvater antwortet: „Ich wähle jene Menschen, die meiner Meinung nach etwas verändern und verbessern können. Mir ist nicht die Partei, sondern das wichtig, was sie bewirken. Und sobald ich merke, dass die gewählte Partei Interessen verfolgt, die nicht in meinem Sinne sind, wähle ich bei der nächsten Gelegenheit etwas anderes.“ Sein Gesprächspartner zeigt sich verständnislos, während ich mich freue, dass mein Großvater für Veränderung ist und nicht auf alten Pferden sitzen bleibt.

„Ich komme zu dir. Diesen weiten Weg. Damit du in meinen Armen zittern kannst.“

20120408-024930.jpg „So schön. Und doch so traurig.“

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Frühling.

31. März 2011

Fast Mittag, der Tag kaum warm, leichter Nebel in der Luft, der Frühling nur zart, die Bäume noch im Flaum der Blüten und Knospen. Ich fühle mich unwohl, mir geht es nicht so gut; vielleicht war es mein Frühstück, vielleicht sind es auch Gründe ohne Ausreden. Ich laufe durch den Rosensteinpark um mich zu verlieren, vielleicht finde ich so wieder zu mir zurück. Meine Gedanken drehen sich wild im Kreis, einen Ausweg aber kann ich nicht erblicken. Im Park ist kaum etwas los; zwei Fahrradfahrer und einen Jogger sehe ich, eine Frau mit Aktentasche, ein paar Hasen und zwei Kinder. Sonst kreuzen sich hier die Wege tausender Menschen, heute aber sind es nur sechs. Ich laufe ganz ruhig, der Kies knirscht kaum hörbar unter meinen Schuhen, der Wind steht still, die Sonne scheint spärlich. Das Gras nimmt langsam Farbe an, doch noch ist es nicht satt und grün, noch ist es erschöpft vom Winter, gräulich und im Kommen. Die Bäume scheinen so verletzlich ohne Blattwerk, so schutzlos unter dem weiten Himmel, doch selbst schützen sie aller Hand Eichhörnchen und Vögel und Kinderwagen.

Kinderwagen?! Ich schaue noch einmal genau hin und sehe wirklich einen Kinderwagen. Schwarz ist er und ziemlich neu, so aus der Ferne betrachtet. Ich frage mich, wer hier auf das Gras einen leeren Kinderwagen hinstellt, unter einen großen Baum. Vielleicht hat ihn hier jemand vergessen? Ich gehe auf den Baum zu und je näher ich ihm komme, desto größer wird mein Unmut. Aus etwa einem Meter Distanz erkenne ich, dass in dem Kinderwagen eine weiße Decke liegt, und darin ein Kind. Ein Kind! Mein Herz zerspringt augenblicklich. Wer lässt an so einem Tag sein Kind hier stehen?! Ganz nah an den Wagen gehe ich heran und sehe in die Augen eines winzigen Babys, dessen Kopf gerade einmal so groß ist wie meine Faust. Es wirkt so jung, so unendlich klein. Das Kind ist sicher erst ein paar Wochen, wenn nicht sogar Tage alt. Armes Kleines, wer hat dich hier ausgesetzt? In deinen Augen sehe ich die Sonne leuchten. Wer weiß, wessen Kind du bist!? Was machst du hier draußen? Ich sehe mich um: weit und breit kein Mensch und keine Notiz am und im Kinderwagen. Kein Geld, kein Zettel, keine Babysachen, nur Bonbons im Seitenfach. In den klitzekleinen Augen des Sprösslings sehe ich ein ganzes Leben, hell schillernd. Die Fäustchen liegen über der Decke, fest geballt. Und darin ruhen unsere Hoffnungen, denke ich. Deine kleinen Fäustchen gegen das Schlechte in dieser Welt. Mich nimmt eine schwere Traurigkeit und Panik ein, die Tränen stehen mir in den Augen. Was mache ich denn nur mit dir? Du siehst mich so unschuldig an, als wüsstest du selbst nicht, was mit dir ist. Wie friedlich du da liegst! Wer bringt dich unter Schmerzen zur Welt und setzt dich in einem Park aus? Mein Herz rast vor Wut und Verzweiflung, es wird gleich noch einmal bersten. Ich zittere. Kleines, du bist wie der Frühling, der dich umgibt! Voller Zuversicht duftest du, hast eine ganze Welt im Gepäck, bist gerade erst angekommen und wirst bald wachsen. So klein bist du und schon schulterst du nicht nur deine eigene, sondern auch die ganze Welt, die dich umgibt. Oh Mann, was mach‘ ich denn jetzt nur? Soll ich die Polizei verständigen? Was ist, wenn du in’s Heim musst? Ganz gleich, wer dein Vater ist, und wer deine Mutter, ich bin genauso verantwortlich für dich. Und auch wenn ich deinen Namen nicht kenne, bist du jetzt mein Sohn.

Ich sehe noch einmal genau nach in den Fächern und im Wagen selbst, neben dem Baby und an der Unterseite des Sichtschutzes; nichts, nur ein kleines Baby und ein großes, noch zu lebendes, gerade erst geborenes Leben. Während des Suchens nach einem Brief oder einer Adresse oder etwas Ähnlichem, fällt mir auf, wie gut das Kind eingepackt ist. Die Decken sind fest und dick, genauso wie die Kleidung. Das Baby selbst scheint die Ruhe in Person zu sein. Es beobachtet mich und sieht mich an, bleibt aber starr bis auf die Augen; die wandern mit. Kann es mich überhaupt sehen? Können so junge Babys schon sehen? Ich überlege kurz und entscheide mich, den Wagen aus dem Park zu fahren. Hier kann ich das Kind keinesfalls stehen lassen, um Hilfe zu rufen. An mein Mobiltelefon denke ich gar nicht. Unten dann, an der Straße, da wird uns sicher jemand helfen.

Als ich nachsehe, ob die Räder des Wagens verriegelt sind, nehme ich die Rufe einer Frau wahr, die den Berg hochgerannt kommt. „Hey, was machst du da?! Lass‘ mein Kind in Ruhe!“ Ich richte mich auf und trete einen Schritt zurück, bin entsetzt und entschlossen, sie fertig zu machen. Als Sie vor mir steht, keuchend und mit dem Puls am Anschlag, erkenne ich Erleichterung in ihren Augen. Hübsch ist sie und jung, vielleicht 25. Sie sieht nicht nach mir, sondern nach dem Kind. Ich bin nur ein Jugendlicher und sage: „Wie können Sie das Kind hier draußen einfach stehen lassen?! Wissen Sie, was alles hätte passieren können?“ Nach ein paar Sekunden des Einredens auf das Baby sagt sie: „Ich habe unterwegs meinen Geldbeutel verloren, hier auf dem Berg. Deshalb bin ich nochmals zurück. Weil der Wagen so schwer ist, habe ich ihn hier geparkt.“ Sie wirkt sehr schuldbewusst. „Aber das können Sie doch nicht machen! Irgendwer hätte den Wagen einfach wegschieben können! Ich wollte gerade damit herunter an die Straße fahren, um die Polizei zu rufen! Ich dachte, der Junge wurde hier ausgesetzt!“ Sie blickt auf den Boden. Auf ihren Schultern die Gurte einer Babytasche. Ich frage mich, weshalb sie die sichtlich schwere Tasche mit sich schleppt, doch das Baby ihr zu schwer ist. Die Frage aber stelle ich ihr nicht. Sie sagt: „Ich weiß, das war falsch. Aber der Geldbeutel ist wichtig! Ich muss einkaufen und darin ist mein Geld, mein Ausweis! Gott sei Dank lag er noch da unten.“ Ich bin sprachlos, erschüttert und berührt. Das Geld ist ihr also wichtiger, das lag da noch! Mir fehlen die Worte, als sie sagt und mit dem Wagen davon spurtet: „Danke für deine Hilfe! Gut, dass du für mich aufgepasst hast!“

Minuten später stehe ich noch immer wie verwurzelt unter dem Baum und bin mir sicher: ich wäre ein guter Vater und sogar bessere Eltern für dieses Kind, für diesen Sohn gewesen.