Stand der Dinge.

4. November 2011

Am Sonntag ziehe ich in die Stadt, in der ich ursprünglich studieren wollte. Nachdem ich mich aus unerfreulichen Gründen nicht einschreiben konnte, musste ich nach Alternativen suchen, von denen es mir auch möglich sein sollte, die Miete zu bezahlen und Lebenskosten zu decken. Nach kurzer Suche und Dank eines Tipps auf Twitter wurde ich auf einen für meine Verhältnisse ziemlich coolen Job im Zuge des Bundesfreiwilligendienstes aufmerksam. Noch in der selben Nacht habe ich mich per eMail für die Stelle beworben und wurde am nächsten Tag telefonisch zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Entweder habe ich dort einen ziemlich guten Eindruck hinterlassen oder es gab wirklich nur zwei Bewerber für zwei Stellen, wie ich später von einem jungen Mann erfahren habe. Jedenfalls gehört der Job mir.

Am Sonntag ziehe ich also in eine Stadt, die mitten in Deutschland liegt und die den meisten Menschen nur vom Durchfahren her bekannt ist: Kassel. Eine niedlich-kleine, perfekt für’s Fahrradfahren geeignete Stadt, in der ich schon zuvor zwei Wochen wegen der WG-Suche verbracht habe. Ich mag die überschaubare Größe und die Stimmung, die Kassel auf mich ausstrahlt. An jedem Tag während der zwei Wochen dort hatte ich ein Lächeln im Gesicht, und mein Bauchgefühl sagt mir, dass ich dort an der richtigen Stelle bin.

Bis zum nächsten Wintersemester habe ich noch knapp ein Jahr Zeit, und in diesem einen Jahr möchte meine zukünftige Uni-Stadt kennenlernen und die noch zu erledigen Aufgaben zu Ende bringen oder sie in Angriff nehmen: Einrichten meines WG-Zimmers, Einbürgerung, Psychotherapie, Aufbau von Rückenmuskulatur, Stärkung und Erweiterung meines Wissens, Fotografieren, Kochen und vielleicht auch den Führerschein.

Die erste Aufgabe, das Einrichten meines WG-Zimmers, wird sich vorerst schwierig gestalten. Mein Gehalt ist knapp bemessen und wird erst Ende November ausgezahlt. Bundesfreiwilligendienst-Leistenden steht zwar Kindergeld zu, doch der entsprechende Gesetzesentwurf wurde noch nicht verabschiedet; das heißt, vorerst habe ich keinen Anspruch auf Kindergeld und eine Lücke von monatlich 184 Euro. Wenigstens kann ich mich darauf einstellen, dass mir die Summe des nicht auszahlten Kindergeldes überwiesen wird, sobald die neue Kindergeldregelung in Kraft getreten ist. Dass ich nur bis Februar in der WG wohnen werde, ist eine andere Geschichte.

Aufgabe Nummer Zwei, die Einbürgerung, wird ein längerer Prozess mit vielen Hürden sein. Gestern erst habe ich meinen türkischen Pass um zwei Jahre verlängern lassen und dabei erfahren, dass ich eventuell an meinem neunzehnten Geburtstag einen Brief aus der Türkei erhalte und zum Militär einberufen werde. Unter Umständen könnte mir dann die deutsche Staatsbürgerschaft verwehrt bleiben, weil die türkische Seite meine Einbürgerung blockiert. Für die Einbürgerung selbst muss ich meinen Hauptwohnsitz nach Kassel verlegen, damit die Post nicht bei meinen Eltern landet. Aber das hatte ich sowieso vor.

Nummer drei, die Psychotherapie, ist ein wichtiges Muss auf dem Weg zur inneren Ruhe. Mir geht es seit einiger Zeit nicht gut und das weiß ich schon sehr lange. Im letzten Jahr fehlte mir die Zeit und auch die Lust, regelmäßig jemanden aufzusuchen, doch in Kassel werde ich nach Arbeitsschluss genug Zeit für Hilfe und Beratung haben. Es wird nichts geben, das ich noch zu Hause erledigen muss, keine Hausaufgaben und auch keine Projekte; ich muss nicht vier Stunden am Tag durch das Bundesland fahren. Somit bleibt viel Zeit übrig, die nur darauf wartet, mit sinnvollen Angelegenheiten gefüllt zu werden.

Zum Beispiel mit regelmäßigem Sport. (Hihi.) Während der Wochen in Kassel war ich ohne Ausnahme mit dem Fahrrad unterwegs und habe dies sehr genossen. Das werde ich so weiter führen und so oft es geht in die Pedale treten. Aber wichtiger als das ist die Stärkung meines Rückens; ich muss endlich meine Rückenschmerzen los werden. Mir wurde sogar schon eine einjährige Rehamaßnahme verschrieben, doch die muss ich mir in Kassel noch einmal verschreiben lassen, da ich mich nun in einem anderen Bundesland befinde. Das wiederum heißt, dass ich mir auch einen neuen Hausarzt suchen muss. Und Zähne, HNO, Schilddrüse…

Meine Kamera lag die meiste Zeit in ihrer Tasche auf meinem Nachttisch herum, neben einem Stapel Bücher, die ich schon immer einmal lesen wollte. Dass ich selten fotografiert und noch seltener gelesen habe, werde ich wieder auf den Zeitmangel schieben, doch eigentlich lag es nur an mir selbst. Ich habe viel lieber geschlafen, als meine Hobbys zu pflegen; als ob unruhiger Schlaf abends nach der Schule in irgend einer Weise förderlich für mich wäre. Das wird mir in Kassel nicht passieren, das weiß ich ganz genau. Ich habe jetzt schon eine enorme Menge an Energie in mir, und ich spüre, wie sie von Tag zu Tag stärker wird. Ab Montag starte ich ganz offiziell in mein neues Leben, und darin ist es nicht vorgesehen, dass ich still und leise all meine Tage einsam im Bett oder im Internet verbringe. Stattdessen wird gelesen und geschrieben, fotografiert und gekocht.

Ob ich den Führerschein machen werde, hängt ganz von der Situation meines Kontos ab. Realistisch betrachtet werde ich ihn nicht machen können, selbst wenn ich für den Nebenjob im Kino eine Zusage erhalten sollte.

Nun, ich freue mich sehr darauf, endlich in mein eigenes Leben ziehen zu können, auch wenn sich damit viele Probleme nicht lösen lassen. Meine Eltern sind so uneinsichtig und stur wie zuvor, aber davon möchte ich jetzt nicht mehr schreiben. Sprengt den Rahmen.

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3 Antworten to “Stand der Dinge.”

  1. semisuicidal Says:

    ich glaube, ich habe hier noch nie kommentiert, obwohl ich schon so lange mitlese. – mitfiebere, mitleide, mich mitfreue, um genau zu sein.
    dann also jetzt zum ersten mal: auch wenn wir uns nicht kennen, ich freue mich sehrsehrsehr für dich, dass du jetzt endlich „in dein eigenes leben ziehen“ (schöner ausdruck!) kannst. und ich wünsch dir alles gute dafür. nach allem, was ich bisher von dir gelesen habe, bin ich sicher, dass du auch die schwierigkeiten, die das manchmal mit sich bringt, meistern wirst. und überhaupt ist das schöne, was dich damit erwartet, doch viel wichtiger – und das ist ne menge, auch da bin ich sicher.

    achja, und wegen der zimmer-einrichtung: google doch mal „fairkaufhaus kassel“, sowas ist super für erste, finanziell eher eingeschränkte, einrichtungen. :)

    • Heartcore Says:

      Dankeschön. Und danke für den „Fairkaufhaus“-Tipp! An so etwas hatte ich schon gedacht. Muss jetzt nicht mehr danach suchen. :)

  2. glam Says:

    hör sich allet jut an, alta!


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