Festhalten und leben.

20. Juni 2012

Heute hatte ich den bisher anrührendsten Moment meines Lebens.

Einer Frau ist in der 24. Schwangerschaftswoche die Fruchtblase geplatzt, Kind muss per Not-Kaiserschnitt gerettet werden. Der Fötus ist so groß wie meine Hand; der Junge ist so winzig klein, ich habe so etwas noch nie gesehen. Bei derartigen Eingriffen ist keine Zeit für eine anständige Narkose da, zu kurz ist die Spanne zwischen Leben und Tod. Der Kaiserschnitt wird bei fast vollem Bewusstsein und Schmerzempfinden der Frau durchgeführt. Ich höre die Frau im OP-Saal wimmern, während im Nebensaal, in dem auch ich mich befinde, versucht wird, das kleine Wesen am Leben zu halten. Erst sieht die Lage sehr schlecht aus, der winzige Junge will oder kann nicht atmen, seine Lunge scheint nur teilweise entwickelt zu sein. Dann steigt der Sauerstoffwert im Blut langsam an, die bläuliche Färbung geht zurück, das Kind hat wieder mehr Rot als Blau auf der Haut. Nach der Intubation wird es von einer Maschine beatmet und bekommt vom Arzt sogenanntes Surfactant, das die Entwicklung der Lunge unterstützen soll. Als die Lage stabil und das Team entspannter ist, wage ich mich in die Nähe des Kleinen, bisher habe ich nur zugesehen. Ich schaue mir ganz genau die Haut an, erkenne fast unsichtbare Härchen; die Finger und Zehen sind beinahe durchsichtig, die Knochen und Knorpel trüb, aber nicht einmal im Ansatz weiß; der Schädel ist weich und wie aus Gummi, leichter Flaum. Ich bekomme ein Mützchen gereicht, dieses ziehe ich sehr vorsichtig über den Kopf des Jungen. Ich reiche ihm anschließend meinen kleinen Finger, er bewegt seine eigenen schon ganz fleißig, und plötzlich hat er meinen Finger fest in seiner klitzekleinen Hand; nun, so fest, wie es ein Fötus in der 24. Woche eben kann. Dieser Moment rührt mich sehr, dieser Junge hält sich fest an mir.

Der Junge kommt auf die Intensivstation, die Mutter in den Aufwachraum. Erst hier bekommt sie schmerzausschaltende und entspannende Substanzen. Sie weint leise vor sich hin, bald wird sie nicht mehr weinen und danach wird sie schlafen. Ich warte den richtigen Moment ab, der Anästhesist ist fertig und zeichnet irgendwelche Werte auf. Ich beuge mich vor zu ihr, nehme meinen ganzen Mut zusammen und sage: „Ihr Junge hat sich an diesem Finger festgehalten, sehen Sie mal!“ Sie blickt auf meinen kleinen Finger, den ich hochstecke, weint noch immer. „Er hat sich am Leben festgehalten.“ Ich streiche ihr mit dem kleinen Finger Tränen aus dem Augenwinkel, die Narkose wirkt bereits, sie wimmert nur noch. Ich streichle sie so lange, bis sie eingeschlafen ist. Dann kommen mir selbst die Tränen.

Der Anästhesist legt seine Hände auf meine Schultern und flüstert: „Das hast du schön gesagt.“ Ich lächle und wische mir Tränen aus den Augen.

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10 Antworten to “Festhalten und leben.”

  1. Marishiki Says:

    ich wische mir jetzt auch tränen aus den augen. <3

  2. Ikima Says:

    Und mir kommen gerade beim Lesen deiner Zeilen ebenso die Tränen.
    Wunderschön, das Leben.

  3. pueppi Says:

    Mir kamen die Tränen – wirklich schön gesagt


  4. Ich glaube, ich hab da was im Auge….*schnieeeef*

  5. Träumerin Says:

    Ich habe hier gerade Gänsehaut…

  6. Tutoriel Says:

    Ich habe die gleichen erfahrungen machen können,durch meine Nischte heute 9 Jahre alt.
    Sie wurde per Kaiserschnitt in der 26. Woche geholt und meine Schwester bangte mit Leben und Tod.
    Mir laufen jetzt wieder die Tränen,aber das ist wirkliches Leben und sehen wie Leben kämpft um am Leben zu bleiben.

  7. docbuelle Says:

    das ist ein wunderschöner Text, der mir sehr gut gefällt

  8. Brigitte Says:

    Es rührt einen selbst zu Tränen,da ich vor 3 Tagen auch frisch gebackene Oma geworden bin und die „Kleine „Zoe Charleen“ auch mit Kaiserschnitt auf die Welt kam. Ich wünsche sehr,dass dieses kleine Wesen es schaffen mag und sich weiter am besagten Finger festhalten darf. Viiel Glück und alles Liebe für Vater,Mutter und Fötus.

  9. René Says:

    Ein sehr schöner Artikel! Du hast die richtigen Worte gefunden, so toll! Das erinnert mich an meinen Sohn, wie ich ihn nach dem Kaiserschnitt in den Armen gehalten habe!


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