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Eine schwierige Antwort. (16/42)

19. September 2015

Oft werde ich gefragt, wie sich die Beziehung zu meinen Eltern entwickelt hat im Laufe der Jahre. Ebenso oft weiß ich nicht, was ich darauf antworten sollte und sage stattdessen irgendetwas und wechsle das Thema. Ich möchte es mir mit diesem Text zur Aufgabe machen, darüber nachzudenken, denn der Grund für die fehlende Antwort ist die viel zu seltene Reflexion über diese Thematik.

Ich habe das Nest vor über vier Jahren verlassen, seitdem habe ich enorme Sprünge in meiner Entwicklung gemacht. Ich bin nicht mehr – so nahm ich mich wahr – ein einsamer, schwacher und labiler Junge. Ich bin angekommen und habe eine Heimat, in der ich mich wohl fühle, ich habe wunderbare Freunde in direkter Nähe, ich habe einen Alltag und eine Perspektive. Ich bin kaum noch traurig über die Umstände, die mich von meinen Eltern trennen. Ich bin stark und in guter Gesellschaft; meine Freunde sind allesamt Menschen, die Erfahrung darin haben, „anders“ zu sein, und das eint uns. Ich meine damit ausdrücklich alle Bereiche des Lebens, nicht nur die Sexualität. Sie geben mir Sicherheit und Selbstbewusstsein, denn ich bin nicht mehr allein wie vor vier Jahren. Mit ihrer Hilfe konnte ich mir einen Alltag aufbauen, der mir Struktur gibt und mich auffängt. Mit der Zeit erlosch die Depression und ich trauerte nicht mehr mit meinen Eltern um ihren verlorenen Sohn. Ich weiß heute, dass ich als Sohn versagt habe und erkenne gleichzeitig an, dass ich nicht nur Sohn bin.

Versetze ich mich in die Lage meiner Eltern – das kann ich nur aus meiner Sicht, und weil sie nicht mit mir über ihre Gedanken reden, kann ich nicht wissen, ob diese Darstellung ihrer Wahrheit entspricht – so sehe ich, dass sie sich einen Sohn wünschen, der mit einer Frau verheiratet und somit in ihrer Gesellschaft anerkannt ist, der vielleicht schon ein Kind hat und Verantwortung übernimmt. Was ich dabei arbeite oder studiere, was ich der Gesellschaft als Mehrwert erbringe, ist ihnen relativ egal. In dieser Vorstellung sehen mich meine Eltern als glücklich. Doch ich könnte niemals glücklich sein, würde ich mich dieser Vorstellung fügen.

Wenn ich meine Eltern besuche, fühlt es sich an, als würde ich eine Parallelwelt betreten. Plötzlich bin ich wieder ein kleiner Junge, meine Stimme ist zumeist eine Oktave höher und ich verhalte mich wie ein Kind. Nicht kindlich oder kindisch, aber als jemand, der seine Eltern achtet und ihnen Respekt entgegen bringt, indem er die Spülmaschine ausräumt oder in den nächsten Supermarkt läuft, um ein fehlendes Lebensmittel zu kaufen. Falls Besuch da ist oder wir als Familie jemanden besuchen, meistens nahe Verwandte, erzähle ich von meinen beruflichen Erfolgen und sonstigen Leistungen und beschere meinen Eltern Ansehen. Die meisten Kinder wollen ihre Eltern mit Stolz erfüllen, das erreichen sie durch Leistung, mit guten Noten zum Beispiel oder später mit einem ertragreichen Beruf. Quasi als Ergebnis guter Erziehung. Dem komme ich bewusst nach, wenn ich bei meinen Eltern bin. Aber nicht nur dort; vielleicht ist das der Grund, weshalb ich aktiv etwas für meinen sozialen Aufstieg unternehme. Und wenn ich bei meinen Eltern bin, nehme ich diese Rolle als Kind ein und fühle mich auch so: Ich muss Leistung erbringen, um geliebt zu werden. Denn ich werde nicht geliebt für das, was ich bin. Ich muss mir die Liebe durch Leistung erarbeiten, damit sie über den Makel meiner Homosexualität hinweg sehen.

Fahre ich wieder nach Kassel und bin in meiner Wahlheimat, fühle ich mich ein paar Tage extrem müde. Ist die leistungsbedingte Müdigkeit überwunden, nehme ich mental Abstand von meiner Familie. Sie tauchen nicht in meinem Alltag auf, ich frage mich nicht mehr, was sie wohl gerade tun. Ich telefoniere auch nicht oft mit ihnen, ein bis zweimal im Monat für ein paar Minuten ist die Regel. Dies alles ist wohl ein Schutzmechanismus, der sich in den letzten vier Jahren entwickelt hat. Ob es am Prozess des Erwachsenwerdens liegt oder an den zwei Jahren Verhaltenstherapie oder an meinen Medikamenten oder an meinen Lebensumständen an sich, das kann ich gar nicht beantworten.

Besucht haben mich meine Eltern bisher zweimal: Einmal stand allein mein Vater einfach vor der Tür und rief mich an, weshalb ich denn nicht aufmachen würde. Ich wusste nichts von seiner Absicht, mich besuchen zu wollen, und war auch nicht zu Hause. Aus Anstand fuhr ich nach Hause und verbrachte zwei Stunden mit ihm. Ich war sauer, dass er einfach so auftauchte und ich nicht die Möglichkeit hatte, aufzuräumen oder gar etwas Kleines zu kochen. Wir saßen auf dem Balkon, tranken Kaffee und er sprach mit mir über mein Leben. Das sähe ganz nett und geordnet aus, aber meine Homosexualität wollte er mir trotzdem ausreden. Es war ein seltsames Gespräch, eher ein Monolog seinerseits und ein Kommentieren meinerseits. Ich entgegnete allen seinen Aussagen mit Ironie, bis er sich nicht ernst genommen vorkam. Wir fuhren auf meinen Wunsch hin noch an einen Aussichtspunkt, damit er wenigstens etwas von der Stadt sehen konnte; danach fuhr er mich nach Hause und sich selbst heim. Es war schon dunkel geworden.

Das zweite Mal hatten sie sich angemeldet. Vater, Mutter und Bruder, Opa, Oma und Onkel. Ich nahm mir frei und richtete alles nett her, doch weil in der Wohngemeinschaft nicht Platz für so viele Menschen war, entschied ich mich dafür, dass ich ihnen meine WG zeige und wir ein wenig durch den Stadtpark laufen und irgendwo Kaffee trinken. Das Wetter war angenehm und Kassel zeigte sich von seiner schönsten Seite, doch irgendwie war auch dieser Besuch nicht authentisch. Es war vielmehr ein: „Wie ihr seht, lebe ich gut. Also kein Grund zur Sorge!“ Wieder war ich nur dabei, meine Lebensentscheidung zu verteidigen, anstatt mit ihnen mein Leben zu teilen.

Werfen wir nochmal einen Blick zurück zur Eingangsfrage. Fast immer antworte ich, dass wir eigentlich gar keine Beziehung haben und wechsle das Thema. Womöglich ist die Aussage gar nicht falsch, doch jetzt kann ich mir auch erklären, warum das so ist. Wir arbeiten nicht gemeinsam daran, einen Weg in eine gesundere Eltern-Kind-Beziehung zu finden. Stattdessen macht sich jeder seine Gedanken und dabei bleibt es. Ich habe schon vor langer Zeit damit aufgehört, weil es keinen Sinn für mich macht. Ich rate ins Blaue hinein.

Vor etwas über einer Woche rief mich mein Großvater an. Er hatte sich verwählt und wollte eigentlich meinen Vater etwas fragen, aber da ich ja schon dran war, teilte er mir mit, dass meine Eltern auf dem Weg zu mir sind. Ich war furchtbar sauer, ließ es mir aber nicht anmerken und legte bald auf. Dann schrieb ich meinem Bruder, er solle bitte ausrichten, „dass ich es absolut scheiße finde, dass sie wieder einfach so ohne Anmeldung vorbei kommen wollen, zumal ich an der Arbeit bin“. Ich war zu Hause und nicht an der Arbeit, aber ich wollte auch nicht, dass meine Eltern über mich bestimmen können, wann sie wollen. Ich bin erwachsen und möchte so behandelt werden, und solange sie der Meinung sind, dass ich einfach zu all ihren Entscheidungen Ja und Amen sage, werden sie mich nicht besuchen können. Sie fuhren auf halbem Wege also wieder nach Hause. An diesem Tag war ich traurig, denn ich fühlte mich wieder wie mit achtzehn. Ich musste meine Eltern abweisen, weil sie mich übergehen, obwohl ich sie durchaus an meinem Leben teilhaben lassen möchte.

Vor ein paar Tagen rief mich ein Großonkel an, der ganz besorgt klang. Ich hatte sicher fünf Jahre nicht mehr mit ihm zu tun gehabt, folglich erkannte ich ihn erst im Laufe des Gespräches. Er fragte, wie es mir geht und was ich so mache. Dann sagte er, dass es normal sei, dass Eltern und Kinder sich streiten, dass man aber deswegen nicht gleich fortziehen müsste wie ich es getan habe. Er fragte, wann ich denn wieder zurück käme. Ich antwortete, dass ich mir hier eine Heimat aufgebaut habe und mich sehr wohl fühle. Er versuchte noch ein wenig, mir die Vorzüge der räumlichen Nähe zum Elternhaus schmackhaft zu machen. Dann lud er mich zu seinem Geburtstag Ende Oktober ein. Ich sagte nicht ab, konnte ihm aber auch nichts versprechen.

Alles erschien mir so seltsam. Ich fragte mich, ob das ein Anruf aus der Vergangenheit ist. Dieser Anruf hätte exakt so vor vier Jahren stattfinden können, als verzweifelte Reaktion auf meine plötzliche Flucht. Ich dachte mir, dass meine Eltern wohl mit ihm telefoniert haben müssen und sicherlich von meiner Abweisung neulich berichtet haben. Das machte mich wütend und traurig zugleich.

In solchen Momenten „tröste“ ich mich immer damit, dass meine Eltern nichts dafür können. Sie wurden so erzogen und können wohl nicht anders, denke ich mir. Sie kommen aufgrund ihrer Kultur und ihrer Religion mit meiner Homosexualität nicht klar und haben auch keine Unterstützung dabei… Nein, ein Trost ist das in Wahrheit nicht. Warum können sie nicht wenigstens versuchen, ein Fünkchen Verständnis für meine Lage zu erlangen?

Unterstützung wollen sie nicht annehmen, da gäbe es eine Menge, aber alle, die nicht ihrer Meinung sind, wollen sie ja nur bekehren. Sie beharren auf ihrer Position, weil das aus ihrer Sicht das einzig Richtige ist. Sie hassen meine ach so freiwillige Entscheidung, ein krankes Leben als Homosexueller zu führen, und machen dies deutlich damit, dass sie mir ein unglückliches wünschen.

All diese Gedanken frustrieren mich und machen, dass ich mich noch weiter von ihnen entferne. Es findet kein Austausch statt, nur über Belangloses, und das erfüllt mich nicht. Also vermeide ich Kontakt und halte mich fern von der Gedankenspirale, die nur auf Vermutungen, gegenseitigen Beschuldigungen und verletzenden Vorwürfen basiert.

Dies ist wohl in Zukunft meine Antwort.

Nutzt die Gelegenheit! (10/42)

6. September 2015

Seit Freitagnachmittag bin ich zurück aus dem Bildungsurlaub. Es waren fünf wunderbare Tage und meine Erwartungen an ein gesellschaftspolitisches Seminar – sofern ich welche hatte – wurden mehr als nur erfüllt. Sicherlich haben die Teamer enorm dazu beigetragen – zwei sehr offene und schlaue Menschen, eine junge Frau und ein junger Mann, die voll und ganz auf unsere Bedürfnisse eingegangen und diese in das Seminar-Konzept eingeflochten haben.

Ich denke, dass auch die Gruppengröße eine wichtige Rolle inne hatte. Wir waren sechs Bildungsurlauber und zwei Teamer, insgesamt also acht Personen. Ursprünglich sollten wir zehn Personen sein, doch vier hatten abgesagt oder sind nicht erschienen. Die Teamer gaben uns sechs den Freiraum, den wir für unsere Vorstellungen und Phantasien brauchten. Wir waren sechs sehr interessierte und dabei so unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Schwerpunkten, dass wir uns in allen möglich Themen ergänzen und auch widersprechen konnten. Aufgrund der Gruppengröße arbeiteten wir beinahe immer zusammen und lernten uns so intensiver kennen, als ich es mir mit zehn Leuten vorstellen könnte.

Von neun bis achtzehn Uhr erhielten wir Input von den Teamern und abends in der Bar oder an einem Tisch im Freien befanden wir uns in einem geselligen Austausch über die Dinge, die uns im Leben auslaugen, die Quellen, aus denen wir Kraft und Freude schöpfen, über unsere Wünsche für die Zukunft, für uns selbst, über die Geflüchtetenthematik und das erbärmliche Aussitzen der Politik, über unsere Definitionen von einem guten Leben, von Glück und Zufriedenheit…

Ich für mich kann sagen, dass mein Horizont sich tatsächlich erweitert hat. Wann bitteschön hat man denn neben Alltag und Beruf wirklich die Zeit, sich eine Woche allein mit der Gesellschaft zu beschäftigen, in der wir leben? Ich bin sehr froh über diese Gelegenheit und kann jedem uneingeschränkt empfehlen, sein Recht auf Bildungsurlaub wahrzunehmen und sich gesellschaftspolitisch weiter zu bilden. Für nächstes Jahr habe ich mir das Folgeseminar schon im Kalender markiert und freue mich, die anderen fünf wieder zu sehen; wir haben uns gemeinsam für einen Termin entschieden.

Hintergründig.

22. März 2011

Nach der Prügel- und Blut-Nacht 2006 wurde es Morgen und ich ging wie immer zur Schule. Ich sah vielleicht ein wenig blau und grün aus, habe mir aber nicht anmerken lassen, dass ich verprügelt wurde, oder dass mir irgendetwas Schlimmes widerfahren ist. Ich wollte schon immer der Mustertürke sein, der aus gutem Hause kommt und der es zu etwas bringen will. Das Gute — naja, eigentlich ja nicht so gut — war, dass an diesem Tag meine deutsche Oma beerdigt werden sollte. Ich habe zwei Omis väterlicherseits: einmal meine leibliche Fleisch- und Blut-Oma und dann noch meine deutsche Oma, die sozusagen die zweite Frau im Hause meines Großvaters war. (Ja, er hatte zwei Frauen.) Dank meiner deutschen Oma kann und konnte ich schon immer besser Deutsch als Türkisch und ich glaube, dass ich Dank ihr anders ticke, als der Rest meiner Familie. (Super! Vielen Dank!..)
Mein Großvater starb 2003 — ich war todtraurig, denn ich liebte ihn sehr und er liebte mich fühlbar mehr als seine anderen Enkelkinder, was mitunter vielleicht auch daran lag, dass ich seinen Namen trage.
Ein paar Jahre später starb meine deutsche Oma, die nach dem Tod meines Großvaters bei einem deutschen Freund lebte und deshalb von der Familie quasi abgestoßen wurde. Zuletzt sah ich sie im Sarg und davor irgendwann, als meine Mutter, mein Bruder und ich sie bei ihrem Freund besuchten, bevor uns dies von meinem Onkel untersagt wurde. Mein Onkel ist dominant-aggressiv, und wer nicht auf ihn hört, wird platt gemacht.
Lange Rede, kurzer Sinn: ich konnte mich unter dem Deckmantel des Todes meiner deutschen Oma so richtig schön ausheulen, ohne jemandem erzählen zu müssen, was mich viel mehr bedrückte. Klar hat mich der Tod schwer mitgenommen, aber mein eigenes Leid war dann doch gewichtiger. Und so mischte sich Kummer mit Kummer und heraus kamen Tränen, für die ich mich nicht rechtfertigen musste. Auf der Beerdigung konnte ich dann zwar nicht mehr weinen, weil meine Augen ausgebrannt waren, doch das war nicht so schlimm, denn das Ausheulen bei Freunden „hat sich gelohnt“.

Am Tag darauf war ich nachmittags gerade dabei, mein Zimmer aufzuräumen, obwohl dies nicht nötig war — irgendetwas musste ich ja machen, um nicht an meiner Verzweiflung zu ersticken — als mein Vater in mein Zimmer kam und mit mir darüber sprach, dass Homosexualität etwas ganz Schreckliches ist und ich das schnellstens vergessen sollte. Er sagte: „Schwule werden immer missachtet werden. Die müssen für ihre Recht kämpfen, weil sie krank sind! Ich will nicht, dass du so endest! Und denk‘ doch mal an die Familie! Was für eine Schande das wäre, wenn das an’s Tageslicht käme! Ich will das nie wieder sehen, kapierst du? So einen Sohn will niemand haben.“

Seit diesem Tag im Juni des Jahres 2006 haben wir nur noch ein einziges Mal darüber gesprochen. In den darauffolgenden Sommerferien wurde ich wegen meiner eventuellen Krankheit für sechs Wochen in eine Koranschule geschickt. Gehirnwäsche pur. Ist an meinem Verstand jedoch abgeprallt, wie ein Projektil an einer dicken Panzerglasscheibe. Dennoch habe ich „Schäden“, also Risse und Splitter davon getragen, nicht nur an meiner Fassade.
Nach der Wäsche und auch davor war mir die Nutzung des Internets strengstens verboten, fast ein ganzes Jahr lang. Danach wurden meine Fesseln gelockert: ich durfte täglich eine Stunde online gehen, mit dem Wissen, dass jede Seite, die ich aufrufe, jeder Chat, den ich führe, geloggt und gespeichert wird. Ich wohnte also nicht in einem Zuhause, sondern in einem Gefängnis. (Was ich noch immer tue…) Hätte ich damals keinen iPod gehabt, hätte ich mir weiterhin Phantasie-Freunde ausgedacht und wäre weiterhin in ihre Welt geflüchtet. Dank meines iPods habe ich damals das Podcasting für mich entdeckt und mir ein Leben zwischen den Stimmen geschaffen. Und noch heute bin ich süchtig nach diesen Stimmen „aus meinem Kopf“, egal ob in Form von Podcasts, Tweets oder Blog-Einträgen.

Es gibt da noch eine folgenschwere Sache, die vielleicht in dem Kontext dieses Textes von Bedeutung sein könnte.
Auf der Realschule hatte ich einen besten Freund: Paul. Mit Paul konnte ich alles tun und wirklich über alles reden. Man könnte sagen, dass ich mit ihm meine Sexualität (mich!) entdeckt habe. Paul ist fast zwei Jahre älter als ich, jetzt also neunzehn. Paul ist heterosexuell (gut aussehend, durchtrainiert und klug!) und wusste bis zuletzt nichts von meiner Neigung. Wir haben in den letzten zwei Jahren unserer Freundschaft ständig schwanzfixiertes Zeug geredet oder zum Beispiel Pornographie getauscht, bis wir eines Tages so weit waren, dass wir den legendären Schwanzvergleich wagten. An diesem Tag stellte sich heraus, dass Paul den Kürzeren gezogen hat und dass er an Phimose leidet. Zufälligerweise hatte ich vor ein paar Jahren — mit zwölf — das selbe Problem, also konnte ich Paul helfen, wie kein anderer. Wir machten einen Arzttermin aus, gingen gemeinsam hin und ließen uns untersuchen. Er wegen seiner Vorhautverengung, ich einfach so, damit er sich nicht alleine fühlt. Zu dem Zeitpunkt wussten Pauls Eltern nichts von der Erkrankung ihres Sohnes. Meine Eltern wussten erst Recht nichts, denn sie hätten mich abgemurkst. Doch irgendwann musste Paul seinen Eltern von seiner Behinderung erzählen, denn er musste schließlich beschnitten werden. Am Tag der OP war ich natürlich dabei und habe ihn unterstützt, wo ich nur konnte. Nach der OP bei ihm zu Hause habe ich Paul dort unten sogar eingecremt, weil er nicht wollte, dass seine Eltern ihn nackt sehen. Irgendwann merkte Paul, dass er untenrum starke Blutungen hatte, also sah ich genauer nach und musste feststellen, dass ein paar der Nähte geplatzt waren. Dummerweise hatte ich mich mit Blut befleckt. Pauls Pullermann wurde noch am selben Tag beim selben Arzt wieder zusammengenäht und er hatte seine Ruhe. Ich wurde nach der zweiten OP von Pauls Mutter heimgefahren, leider im leicht blutbefleckten Zustand. Meine Mutter wollte natürlich wissen, wo ich war und weshalb da Blut an meiner Kleidung klebte. Ich habe die Wahrheit gesagt und mir wurde verboten, jemals wieder etwas mit Paul zu unternehmen. Dass ich einem jungen Mann das Leben erleichtert habe — mit Phimose macht Onanie kaum Spaß! — ist natürlich unter den Tisch gefallen, unter dem meine Füße standen.

„Jetzt weiß ich, warum du immer so viel mit Paul unternommen hast! Er hat dich schwul gemacht, nicht wahr?“ — Das war 2007, eineinhalb Jahre nach der schmerzvollsten Prügelaktion meines Lebens.

Paul verstand natürlich nicht und nach und nach verlief sich unsere Freundschaft im Nirvana, denn er verstand einfach nicht, dass ich zu einer Familie gehöre, der ich ausweglos ausgeliefert bin, in welcher das Blut die Familie zusammenschweißt. Damals wusste Paul auch nichts von meiner Neigung. Ich hatte Angst, dass auch er mich deswegen im Stich lässt und habe still geschwiegen.
Jetzt, zwei Jahre nach dem Ende der Realschulzeit, haben wir kaum noch etwas am Hut. In den letzten Monaten habe ich ihn einige Male getroffen. Einmal in seinem Auto auf einem Berg (wir haben nur geredet und ich habe ihm unter anderem von meiner sexuellen Neigung und davon erzählt, wie sehr er mir als bester Freund fehlt) und zweimal auf je zwei verschiedenen Parties (auf der einen Party haben wir kaum geredet, auf der anderen dafür umso mehr).

Ich bin ein wenig enttäuscht, weil der Paul, den ich im Auto auf dem Berg traf, nicht dem Paul entsprach, welcher in meinen Erinnerungen fortlebte. Ich habe das Gefühl, dass er sich nicht wirklich weiterentwickelt hat. In Sachen Reife habe ich ihn überholt, dabei bin ich der Jüngere. Er war immer der Reifere von uns beiden und hatte immer einen Plan, einen Tipp, welcher auch weiterhelfen konnte. Diese Gabe hatte der Paul, den ich traf, leider nicht mehr. Er reagierte sehr schockiert über mein Outing, eben weil wir gemeinsam sehr viel, fast ausschließlich über sexuelle Themen sprachen und weil ich seine Intimsphäre kannte wie kein anderer. Während unseres letzten Treffens hat er mich eine kluge Sache gefragt, und zwar: „Bist oder warst du enttäuscht darüber, dass ich heterosexuell bin?“ Ich konnte ihm nicht gleich antworten, weil ich mir noch nie Gedanken darüber gemacht habe, aber die Antwort ist irgendwie JA!, denn was hätte ich alles mit Paul machen und lernen können!? Es ist wirklich schade, aber so sieht’s nun einmal aus. Er konnte nicht verstehen, wie ich anders werden konnte und wie man das merkt und damit umgeht und so weiter. Insgesamt war sehr entsetzt, hat es aber verkraften können.

Dieser Blogeintrag von Roman Held — zwei junge Türken meines Alters, öffentlich und Hand in Hand vor den Eltern — hat mich wirklich sehr traurig gestimmt, denn ich weiß, dass es so etwas bei mir niemals geben wird, also ein Verbund aus Freund und Familie. Natürlich habe ich mich für die Beiden gefreut, vielleicht ist auch das der Grund für meine Traurigkeit gewesen. Allein schon die Vorstellung fand ich so schön, dass ich schwer leiden musste.
Klar ist, dass hoch21 an diesem Wintertag ein Wunder erlebt hat. Denn so etwas gibt es praktisch nie. Und falls doch, dann wahrscheinlich nur als Doppelleben.

Noch vor ein paar Monaten hatte ich Angst davor, eines Tages wie Ennis del Mar aus „Brokeback Mountain“ (Großartiger Film!) zu verenden. Ennis erfüllt sich nie den Traum, Frau und Kinder zu verlassen, um mit Jack Twist, den Mann, den er liebt, zusammen zu ziehen, weil er Angst vor den Folgen hat. Und so lebt er ein Leben vor sich hin, das trostlos und trist ist. Irgendwann stirbt Jack und Ennis‘ Lebenstraum bleibt für immer nur ein unerfüllter Traum.
Ich will nicht, dass mir dasselbe passiert. Ich interessiere mich immer mehr und mittlerweile fast ausschließlich für Männer. Ein Doppelleben führe ohnehin schon, hier im Internet. Ich kann mir nicht vorstellen, das weiterhin auch im RL zu tun. Wann werde ich mich outen und muss ich das überhaupt? Reicht ein seichtes Wegdämmern oder ist das nur eine weitere Lüge? Solche Gedanken ermüden mich und ich will nur noch schlafen und vergessen.

Ich wünsche mir aus ganzem Herzen, dass die Welt sich weiterdreht und nicht stehen bleibt und Menschen wie mir mehr Freiheit als auch Verständnis entgegenbringt. Aber wahrscheinlich wird das Jahrzehnte und Jahrhunderte dauern, bis sich spürbar etwas verändert… im meiner Zeit also nicht oder kaum.

Doch aktuell scheint alles nur besser zu werden. Der Frühling blüht langsam aber sicher auf und ich verspüre eine perverse Vorfreude auf den Sommer meines Lebens.

Schuld und Sühne.

5. März 2011

Mit brüchiger Stimme sage ich: „Dann schlag‘ mich, vielleicht hast du im Nachhinein Schuldgefühle und bereust dein Verhalten.“ Mein Vater erwidert nichts und schlägt zu. Nicht mit seinen Fäusten, nicht mit seinen Händen, sondern mit einem DIN-A4-Papierschneider. Ich wehre mich nicht, obwohl jeder Schlag einer Qual gleicht, versuche lediglich mein Gesicht zu schützen, indem ich meine Arme fest dagegen drücke. Noch mehr Kerben, noch mehr Spuren meines Vaters möchte ich nicht sehen, wenn ich in den Spiegel blicke.

Gleich ist es vorbei.

Rückblickend kann ich gar nicht sagen, was mich mehr schmerzte. War es der harte und scharfkantige Aufschlag von massivem Aluminium, oder waren es die Stunden danach in meinem Bett, die Erkenntnis über die Brutalität meines gegenwärtigen Lebens?

Ich habe Angst.

Es passierte an einem Dienstag. Ich halte mich selten im Wohnzimmer auf; allein schon deshalb, weil es dort nichts Interessantes für mich gibt. Nur Familie. Dienstags aber schaue ich meine türkische Lieblingsserie, deren Titel sinngemäß übersetzt „Schuld und Sühne“ lautet.

Vater, sagte ich ganz ruhig, kannst du nicht in der Küche rauchen? Wie du hören und sehen kannst, bin ich erkältet. Der Rauch reizt mich.

Er sagte: „Nur noch diese Zigarette und danach keine mehr.“ Ich erwiderte nichts und tolerierte es, wie immer, und wand mich wieder dem Fernseher zu. Meine Atemwege aber hielten den Reiz nicht aus und ich musste husten. Damit sich die Luft im Wohnzimmer einigermaßen „klären“ konnte, stand ich auf und zog die Jalousie bis zur Hälfte der Fensterfront auf und kippte eines der vier Fenster.

Draußen schneit es, vielleicht der letzte Schnee.

Das Sofa, auf welchem mein Vater saß, ist an die Wand mit den Fenstern angelehnt. Die Luft von Draußen schien ihm zu kalt zu sein; er zog die große, schwere Decke, welche auf seinem Rücken lag, hoch auf seine Schultern. Noch während er seine Zigarette ausdrückte, befahl er mir, das Fenster zu schließen. Ihm sei es zu kalt im Hause.

„Nur noch fünf Minuten, die Luft hier drin ist echt nicht zu ertragen!“

„Mach‘ das verdammte Fenster zu. JETZT, SOFORT.“

„Fünf Minuten! Ich bin krank und die Luft hier drin reizt mich.“

„MACH‘ DAS FENSTER ZU, HAB‘ ICH GESAGT!“

„Fünf Minuten, hab‘ ich gesagt. Nur fünf Minuten!“

„EINS… ZWEI…“

„Dann mach‘ es halt selbst zu! Du sitzt davor, hast den Rauch verursacht, und wenn dir kalt ist, dann mach‘ es eben zu. Hier drin STINKT es aber und ich bin KRANK.“

„DREI! DU ELENDIGER HUND, WIE KANNST DU DICH MIR NUR WIDERSETZEN? WER BIST DU EIGENTLICH, DASS DU DAS VERSUCHST?“

„Dein Sohn.“

Und dann ist er aufgesprungen, mir entgegen brüllend, dass er seine Hände nicht schmutzig machen werde, und nahm den Papierschneider in seine Hände.


Es ist nicht so, dass ich ihn nicht provoziert hätte. Das habe ich. Aber hätte er nicht fünf Minuten seiner Geduld für mich opfern können?

Letzten Endes habe ich trotzdem nicht das Fenster geschlossen. Natürlich ging es nicht um dieses Fenster oder darum, dass ich es hätte schließen sollen. Es ging schlicht darum, dass ich nicht einsehen wollte, seinen patriarchalischen und herrischen Aufforderungen zu folgen. Ihm gefiel mein Widerstand nicht.
Auch dass er raucht, ist nicht das Problem. Soll er doch, aber eben nicht im Haus. Das versuche ich ihm seit Jahren klarzumachen, er versteht es nur nicht. Er ist der Herr des Hauses und alles muss nach seiner Pfeife tanzen. Aber okay, soll er halt auch im Haus rauchen, aber bitte nicht in meiner Gegenwart.

Ich wusste ganz genau, dass er mich schlagen würde, wenn ich nicht mache, was er von mir verlangt. Aber das war und ist mir egal. Dann schlägt er mich halt, es war nie anders. Dieses Mal aber hat die „Züchtung“ viel in mir ausgelöst: Vorgänge, die es ohne vielleicht nicht gegeben hätte.

Hart, aber wahr: seine Brutalität tut mir letzten Endes gut und bringt mich in meiner Entwicklung weiter, denn im Grunde erfüllt mein Vater nur seine Vaterpflicht, indem er auf unschöne Art und Weise meinen Fortschritt weg von ihm unterstützt, und diesen sogar beschleunigt.

Ich weine nicht vergebens.