Posts Tagged ‘Müdigkeit’

Schlaflos.

11. Januar 2011

Nein, denke ich und weine, habe ich jetzt schon nichts mehr zu sagen? Ist dieses Gefühl die große Leere vor dem Nichts, die Langeweile am Ende eines Lebens? Nein, denke ich und weine, das ist doch nicht wahr! Schatten flimmern in der Ferne. Ein Lichtspiel, tiefschwarz und blau. Nein, denke ich und schweige. Nein.

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Freitag.

30. Oktober 2010

Laub bedeckt das, was einst einmal als Gras bekannt war, die Sonne scheint kalt und der Wind weht still. Straßen, verlassen und leer. Vereinzelt fahren Autos einsamer Menschen über meinen Schatten, schrammen an meiner Existenz vorbei. Der Herbst scheint sein Bestes zu geben; der Boden unter mir ist ein Meer aus Farben und Nuancen. Ich schleiche durch den Ozean und denke analytischer als sonst. In meinen Ohren tönt ein Titel aus dem Score der Serie „Dexter“. Ich beobachte meine Umgebung ganz genau, spüre sogar den Richtungswechsel des stillstehenden Windes. Doch es scheint sich kaum etwas zu verändern. Die urbane Landschaft ist tot. Das einzige Menschenwesen hier bin wohl ich, denke ich und sehe ein Auto um die Ecke kommen. Das ist kein Mensch, das ist ein Zombie, der da in diesem Gefährt sitzt und angefressen über die rote Ampel rauscht. Am Bahnhof nimmt die Menschendichte wie erwartet zu, doch der Missmut weicht nicht aus den Gesichtern. Im Regional Express raubt mir Brian Eno das Bewusstsein und ich schlafe ein. Kurz vor’m Zielbahnhof wache ich auf spüre jeden meiner Knochen. Mein Kopf gleicht innen als auch außen einem heißblütigen Vulkan. Welch ein Glück, dass mich der Deutschlehrer hat gehen lassen. Im Bus nur fremde Schalen und unbekannte Hüllen. Zu Hause stürze ich in mein Bett, tauche unter in einen tiefen, traumlosen Schlaf und wache erst abends wieder auf. Meine Augen verklebt und jeder Blick Stahlwolle. Der Geruch guten Essens in meiner Nase, das Gefühl eines großen Hungers auf meinem Bauch. Im Badezimmer fließend Wasser. Ich packe meine sieben Sachen, ziehe mich warm an und gehe runter in die Küche. Das Essen muss noch werden, sagt Mutter. Tschüss und Türe zu, Berg hinauf und Türe ziehen, bezahlen, ausziehen, anziehen, duschen und springen. Erschöpfung und Enttäuschung erleiden, zwei Stunden durchhalten. Auf dem Weg in’s Hallenbad vernahm ich des Rossmanns Pfeifen, doch er schien den Berg hinabzugehen. Wir haben uns verpasst; schade um die wilden Träume. Später dusche ich mit einem Gleichaltrigen, den ich nicht kenne. Seine Gesichtszüge sind klar und viril, sein Körper haarlos und ausgewogen. Ein schöner Junge. Wir schauen uns beide genauer an, von oben bis unten, und für mehrere Sekunden sogar in unsere Augen. Ein leichtes Schmunzeln und tiefe Grübchen durchziehen seine Physiognomie. In einer bestimmten Sache gleichen wir uns und es gibt keinen, der sich unterlegen fühlen muss. Seine Augen verfolgen mich und ich weiß nicht, welche Bedeutung das haben könnte. Er bleibt am Ball, denke ich. Möchte er etwas sagen, oder weshalb betrachtet er mich so genau? Doch es bleibt bei den Blicken. Mein Durst bleibt ungesühnt. Wir gehen gemeinsam aus dem Duschraum und ziehen uns gemeinsam im Umkleideraum an. Ich sage „Tschüss“ und er „Ciao“. Den Berg laufe ich schnellen Schrittes herunter, kalt ist es und schon nach zweiundzwanzig Uhr. Zu Hause steht das Essen noch auf dem Tisch. Ein spezieller Tontopf bergt in sich eine warm-würzige Fleischzubereitung türkischer Art. Dazu Reis und ich bin für kurze Zeit glücklich. Ich bleibe noch ein bisschen im Wohnzimmer und sehe mir die Pläne unseres eventuell ersten Hauses an. Dort wird mein Bett und der Nachttisch stehen, hier mein Schreibtisch samt Computer und da der Kleiderschrank. Mehr brauche ich nicht. Oben in meinem Ruhelager ein bisschen Twitter und Verbitterung, synchron dazu das Gefühl tiefer Lust und Sehnsucht nach Zuneigung.

Schwermut und Musik, Müdigkeit und Schlaflosigkeit. Nachts um drei Uhr dann „Gute Nacht“.

Müde.

22. Oktober 2010

Das Gefühl, schon alles gesehen und erlebt zu haben, ermüdet mich. Die Welt dreht sich immer um ihre eigene Achse, immer um die selbe Sonne. Menschen führen immer die selben Gespräche und diese drehen sich immer um die selben Themen. Ständig wechseln die Jahre und ständig passiert das Gleiche. Menschen kommen, bleiben und gehen, Wetter passiert und Kinder werden geboren, Zellen teilen sich. Die Zeit wirft Schatten und wird blass. Mein Herz schlägt in unregelmäßigen Farben, wieder und wieder. Alles ist grau und nichts ist neu. Schiffe sinken und Wälder brennen. Hände greifen ineinander und Lippen berühren sich. Briefe werden geschrieben und nie abgeschickt. Die Formen ändern sich und manchmal auch die Farben. Doch im Grunde bleibt alles beim Alten, bei dem, was man kennt oder zu kennen glaubt.

Ich weiß, dass meine Reise erst begonnen hat, dass mich viele schöne, neue und interessante Dinge und Menschen erwarten. Ich weiß auch, dass es dunkle Momente geben wird, die es bestmöglich zu überleben gilt. Doch all das ermüdet mich, gleich, wie schön oder dunkel die Vorstellung an morgen auch sein mag; als wäre das Leben eine schwere Müdigkeit, die über mich hereingebrochen ist. Ich fühle mich schwach und meistens einfach müde. Blicke ich in die Ferne, sehe ich, was auf mich wartet, und das macht mich traurig. Und so kommt es, dass ich oftmals die Traurigkeit umarme, um mich nicht mehr einsam und leer zu fühlen. An manchen Tagen ist der Schlaf meine einzige Zuflucht vor dem, was ich bin und was mich umgibt. Ich träume mich in andere Welten hinein, ganz gleich, ob ich dabei schlafe oder nicht. Dieser Text ist auf eine gewisse Art und Weise im Schlaf vor der Realität entstanden. Die Zeilen sind sind für mich Zuflucht und Heimat zugleich.

Ich bin müde, dabei habe ich kaum etwas gesehen und erlebt.

Herbst.

11. Oktober 2010

Jedes Mal, wenn ich dieses Buch in meine jungen Hände nehme, mit meinen müden Fingern über den erschöpften Buchrücken, die 576 Seiten und die zahllosen Post-Its streiche, jedes Mal, wenn ich ein paar Seiten oder Zeilen aus diesem Buch der Bücher lese, verspüre ich einen intensiven Schmerz, welcher mich vollkommen erfüllt und von der Wahrheit und der einzigartigen Schönheit der Worte in mein Innerstes getragen und dort von meiner Seele umarmt wird, als gäbe es kein Gestern und kein Morgen, als hätte ich keine Mutter und keinen Vater, keine Familie und keine Freundschaften, als ob ich der einzige Mensch auf Erden wäre, der gefunden hat, was er ein Leben lang suchte und nun mit der Angst kämpft, zu verlieren, was er fest umklammert. Dieser unerträgliche Schmerz des Verstandenwerdens, dieses große Gefühl, das mich jedes Mal packt, sich an mich saugt und nicht mehr los lässt, bis ich schlafe und am nächsten Tag wie ein Neugeborenes in die Welt und auf mein Leben blicke, dieses Gefühl, welches nur einer in mir entfachen kann, welches brennt wie eine immer währende Fackeln, bis der Tod in Form des Schlafes uns vereinzelt… Fernando Pessoa, Sie vernichten mich jedes einzelne Mal und beschweren mein schwaches Herz, sodass ich nicht mehr weiterlesen kann, ohne mich zwischendurch dem Tod zu nähern, indem ich schlafe…

„Mein Herz schmerzt mich wie ein Fremdkörper. Mein Gehirn schläft alles, was ich empfinde. Ja, der Herbstanfang, er bringt meiner Seele und der Luft jenes Licht ohne Lächeln, dessen lebloses Gelb das unregelmäßige Rund der wenigen Wolken des Sonnenuntergangs säumt. Ja, der Herbst beginnt, und mit ihm kommt in dieser klaren Stunde, die klare Erkenntnis von der namenlosen Unzulänglichkeit aller Dinge. Herbst, ja, der Herbst, der beginnt oder schon begonnen hat und die vorweggenommene Müdigkeit aller Gesten, die vorweggenommene Enttäuschung aller Träume. Was kann ich erwarten, und woher nehme ich diese Erwartung? Schon in dem, was ich von mir denke, wirbele ich unter Blättern und Staub des Hofes auf der sinnlosen Umlaufbahn des Nichts und raschle als etwas Lebendiges auf den sauberen Fliesen, vergoldet von einer schräg einfallenden, ich weiß nicht wo verlöschenden Sonne.“

Fernando Pessoa — Das Buch der Unruhe — Fragment 202 / Seite 206 / Zeile 15 bis 28

Sümbüli Sabah Vakti.

28. August 2010

In einem bröckelnden, mit Efeu umwachsenen Bushaltestellenhäuschen, an dem seit Neunzehnhundertachtundneunzig kein einziger Bus hielt, geschweige denn vorbei fuhr, sitze ich und warte trübselig auf niemanden, vielleicht auf den Tod. Ich erwarte niemanden und ich warte auf ein Wunder, obwohl ich manchmal bezweifle, dass es jene Wunder außerhalb meiner Innenwelt gibt. Im windig frischen Halbdunkeln sehe ich einen heißblütigen Morgen anbrechen, ich sehe, wie rissig der Himmel über mir ist, wie glutrot der Horizont einer anderen Welt durch die aschgraue und pechschwarze Wolkendecke hindurchsticht. Die Zerrissenheit der Wolken erinnert mich an ein Ovum, aus dem augenblicklich ein Küken schlüpfen wird, erinnert mich an das Platzen einer Fruchtblase, an die Geburt eines neuen Menschenlebens.

Im Spiegel erblicke ich die müde Trauer meiner Augen. Und in meinen Augen erkenne ich das Spiegelbild meines müden Ichs. Wie schwach ich doch bin, wie unbegreiflich traurig.

Lebe wohl, liebes Kind des Himmels, du folgenschweres Wunder. Mach’s besser als ich, um Welten besser.

Lebe wohl, guter Morgen.