Schuld und Sühne.

5. März 2011

Mit brüchiger Stimme sage ich: „Dann schlag‘ mich, vielleicht hast du im Nachhinein Schuldgefühle und bereust dein Verhalten.“ Mein Vater erwidert nichts und schlägt zu. Nicht mit seinen Fäusten, nicht mit seinen Händen, sondern mit einem DIN-A4-Papierschneider. Ich wehre mich nicht, obwohl jeder Schlag einer Qual gleicht, versuche lediglich mein Gesicht zu schützen, indem ich meine Arme fest dagegen drücke. Noch mehr Kerben, noch mehr Spuren meines Vaters möchte ich nicht sehen, wenn ich in den Spiegel blicke.

Gleich ist es vorbei.

Rückblickend kann ich gar nicht sagen, was mich mehr schmerzte. War es der harte und scharfkantige Aufschlag von massivem Aluminium, oder waren es die Stunden danach in meinem Bett, die Erkenntnis über die Brutalität meines gegenwärtigen Lebens?

Ich habe Angst.

Es passierte an einem Dienstag. Ich halte mich selten im Wohnzimmer auf; allein schon deshalb, weil es dort nichts Interessantes für mich gibt. Nur Familie. Dienstags aber schaue ich meine türkische Lieblingsserie, deren Titel sinngemäß übersetzt „Schuld und Sühne“ lautet.

Vater, sagte ich ganz ruhig, kannst du nicht in der Küche rauchen? Wie du hören und sehen kannst, bin ich erkältet. Der Rauch reizt mich.

Er sagte: „Nur noch diese Zigarette und danach keine mehr.“ Ich erwiderte nichts und tolerierte es, wie immer, und wand mich wieder dem Fernseher zu. Meine Atemwege aber hielten den Reiz nicht aus und ich musste husten. Damit sich die Luft im Wohnzimmer einigermaßen „klären“ konnte, stand ich auf und zog die Jalousie bis zur Hälfte der Fensterfront auf und kippte eines der vier Fenster.

Draußen schneit es, vielleicht der letzte Schnee.

Das Sofa, auf welchem mein Vater saß, ist an die Wand mit den Fenstern angelehnt. Die Luft von Draußen schien ihm zu kalt zu sein; er zog die große, schwere Decke, welche auf seinem Rücken lag, hoch auf seine Schultern. Noch während er seine Zigarette ausdrückte, befahl er mir, das Fenster zu schließen. Ihm sei es zu kalt im Hause.

„Nur noch fünf Minuten, die Luft hier drin ist echt nicht zu ertragen!“

„Mach‘ das verdammte Fenster zu. JETZT, SOFORT.“

„Fünf Minuten! Ich bin krank und die Luft hier drin reizt mich.“

„MACH‘ DAS FENSTER ZU, HAB‘ ICH GESAGT!“

„Fünf Minuten, hab‘ ich gesagt. Nur fünf Minuten!“

„EINS… ZWEI…“

„Dann mach‘ es halt selbst zu! Du sitzt davor, hast den Rauch verursacht, und wenn dir kalt ist, dann mach‘ es eben zu. Hier drin STINKT es aber und ich bin KRANK.“

„DREI! DU ELENDIGER HUND, WIE KANNST DU DICH MIR NUR WIDERSETZEN? WER BIST DU EIGENTLICH, DASS DU DAS VERSUCHST?“

„Dein Sohn.“

Und dann ist er aufgesprungen, mir entgegen brüllend, dass er seine Hände nicht schmutzig machen werde, und nahm den Papierschneider in seine Hände.


Es ist nicht so, dass ich ihn nicht provoziert hätte. Das habe ich. Aber hätte er nicht fünf Minuten seiner Geduld für mich opfern können?

Letzten Endes habe ich trotzdem nicht das Fenster geschlossen. Natürlich ging es nicht um dieses Fenster oder darum, dass ich es hätte schließen sollen. Es ging schlicht darum, dass ich nicht einsehen wollte, seinen patriarchalischen und herrischen Aufforderungen zu folgen. Ihm gefiel mein Widerstand nicht.
Auch dass er raucht, ist nicht das Problem. Soll er doch, aber eben nicht im Haus. Das versuche ich ihm seit Jahren klarzumachen, er versteht es nur nicht. Er ist der Herr des Hauses und alles muss nach seiner Pfeife tanzen. Aber okay, soll er halt auch im Haus rauchen, aber bitte nicht in meiner Gegenwart.

Ich wusste ganz genau, dass er mich schlagen würde, wenn ich nicht mache, was er von mir verlangt. Aber das war und ist mir egal. Dann schlägt er mich halt, es war nie anders. Dieses Mal aber hat die „Züchtung“ viel in mir ausgelöst: Vorgänge, die es ohne vielleicht nicht gegeben hätte.

Hart, aber wahr: seine Brutalität tut mir letzten Endes gut und bringt mich in meiner Entwicklung weiter, denn im Grunde erfüllt mein Vater nur seine Vaterpflicht, indem er auf unschöne Art und Weise meinen Fortschritt weg von ihm unterstützt, und diesen sogar beschleunigt.

Ich weine nicht vergebens.

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11 Antworten to “Schuld und Sühne.”

  1. flugunfaehig Says:

    Manchmal, da versucht man, das Beste daraus zu machen. Ja, es soll Menschen geben, die das immer tun, aber ich… na ja, ich tue es, wenn nichts mehr hilft, wenn alles, was ich tun kann, der Versuch ist, etwas Gutes zu sehen, eine Rechtfertigung. Aber es gibt nichts Gutes im Schlechten. Das gibt es einfach nicht. Dein Vater fügt dir Schmerzen zu und das ist schlecht. Und daran ist nichts Gutes. Es tut mir weh, das zu lesen. Wie du sagst, er tue seine Pflicht und es brächte dich weiter. Ja, vielleicht tut es das – aber das müsste es nicht! Das ist doch nicht alles, was du erwarten kannst von deinem Vater an Unterstützung an deiner Entwicklung. Was er tut ist falsch. Und ich entschuldige das nicht, nein, weil du einfach mehr verdient hast. So viel Besseres. Und das weißt du auch. Vielleicht ist das der einzige Weg, damit umzugehen. Vielleicht sehe ich das alles ganz falsch. Aber es tut mir weh, zu wissen, dass das geschieht. Und das sollte es deinem Vater auch. Nichts anderes sollte er im Sinn haben als dein Glück. Und du kannst sagen und herausziehen was du willst: Das macht dich nicht glücklich. Und du musst auch nicht versuchen, so glücklich zu werden. Ich weiß ja gar nicht, was ich sagen soll, ich bin nur so… wütend. So wütend.

    • Heartcore Says:

      Nein, es macht mich nicht glücklich, und so kann und will ich auch nicht glücklich werden. Es ist nicht gut, es ist schlecht, aber eine Lektion für’s Leben. Jemand sagte einmal: „Manchmal muss man eine Familie hinter sich lassen, um sich selbst zu finden.“ Und das muss ich wohl oder übel tun, um ein Leben führen zu können, welches mit „glücklich“ beschrieben werden kann.

  2. Paueme Says:

    Tut mir leid, aber ich kann nicht glauben, dass dir das gut tun soll, und eine Vaterpflicht ist das sicher nicht. Ich bin mir sicher, dass du dich auch ohne die Brutalität deines Vater weiter entwickelst, kann aber verstehen, dass du irgendeinen Sinn sucht, den das haben soll. Ich glaube eher, dass du der bist, der du bist, trotz deines Vaters, und nicht wegen ihm.

    • Heartcore Says:

      Seine Brutalität an sich tut mir nicht gut, nein. Aber die Folgeerscheinungen in meinem Kopf, die vielen Gedanken über und der Wunsch nach einem Leben in Freiheit — das bringt mich weiter. Mit jedem Mal verstärkt er diese Gedanken und diesen Wunsch, er löst in mir also Vorgänge aus, die für ihn nur schlecht sein können, die ihm nicht gefallen werden.

      Ich suche keinen Sinn in seiner Brutalität. Ich versuche das auch nicht zu rechtfertigen oder schön zu reden. Es schmerzt mich sehr und es ist sehr schmerzhaft. Aber letzten Endes verstärkt er meine Fortentwicklung aus diesem Elend. Seinen Aktionen haben zur Folge, dass ich dieses Zuhause noch schneller und noch bestimmter verlassen will und verlassen muss. Nur darin sehe ich etwas Gutes, alles andere ist düster und trüb und nicht gut.

      Den letzten Abschnitt habe ich ein bisschen umgeschrieben, ich hoffe, jetzt ist ersichtlicher, was ich mit „Fortschritt“ und „Entwicklung“ meine: die Fortentwicklung.

      Und ja: ich bin der, der ich bin, trotz meines Vaters und nicht wegen ihm. Das hast du gut erkannt.

  3. Paueme Says:

    Dass er damit deine Fortentwicklung fördert und beschleunigt ist jetzt klarer. Ich kann nur hoffen, dass es nicht mehr lange dauert, bis es soweit ist.

    • Heartcore Says:

      Noch ein oder zwei Jahre, dann bin ich schon nicht mehr zu Hause hier. Noch zwei oder drei Jahre, dann werde ich langsam weg dämmern. Noch drei oder vier Jahre, dann werde ich entfremdet sein.

      Sagt die Theorie.

  4. Paueme Says:

    Ich hoffe, dass du es so schnell wie möglich schaffst, und solltest du Hilfe brauchen, melde dich bei paueme@gmx.de.

  5. Björn Says:

    Es ist übrigens illegal, seine Kinder zu schlagen – Du könntest Deinen Vater anzeigen. Er hat nicht die absolute Macht über Dich.

    Hoffe Du hälst lange genug durch, um das alles weit hinter Dir zu lassen. Momentan scheinen sich Deine Gedanken um die Situation zu Hause zu drehen, den Konflikt mit dem Vater. Aber es gibt ein Leben, in dem er keinen Einfluss mehr auf Dich haben wird.

    Wenn Du jetzt 18 bist, warum packst Du nicht schon heute Deine Sachen?

    • Heartcore Says:

      Mir ist bewusst, dass Gewaltausübung an Minderjährigen rechtswidrig ist, jedoch sehe ich keinen Sinn dahinter, meinen Vater „anzuzeigen“. Wie sollte mir beziehungsweise uns das helfen? Es würde die Probleme und unser Verhältnis zueinander nur verschärfen; und das würde mich noch mehr verletzten. Des Weiteren ist die körperliche Gewalt, welche von meinem Vater ausgeht, sehr klein im Vergleich zur psychische Gewalt, welcher ich den Umständen entsprechend ausgesetzt bin.

      Ich möchte meinen Vater nicht „strafen“. Das ist nicht mein Ziel und das sollte es auch nicht sein. Ja, meine Gedanken drehen sich sehr stark um mein „zu Hause“, denn darin muss ich tagein und tagaus wohnen, obwohl mich das schmerzt. Doch bald wird auch das sich ändern.

      It gets better. Alles, immer. Daran glaube ich. Dass ich jetzt meine Koffer nicht packe, liegt daran, dass ich weder Geld, noch einen Schulabschluss habe, mit welchem ich studieren kann. 2011 werde ich mir das alles erarbeiten, und 2012 werde ich dann gehen. Offiziell wegen des Studiums, in Echt aber für immer.

  6. Alex_Mammut Says:

    Ein stückweit verstehe ich dich nach und nach besser, glaube ich. Ich lese dein Blog zu selten.
    (Bei mir war es erst lange der Vater, bis ich groß genug war, mich wehren konnte, dann die Mutter. Und nun bin ich rausgeflogen zuhause und muss meinen Unterhalt einfordern und mein Leben regeln…)


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