Eindrücke.

30. Januar 2011

Meine Gedanken darüber, dass ich bald nicht mehr Teil dieses Hauses und nicht mehr Sohn dieser Familie sein werde, dass ich vielleicht verfolgt, verletzt und herabgewürdigt werde, mir Steine, Schlägertypen und Drohungen auf meinen Weg gelegt werden, ich eine Zeit lang Angst um mein Leben haben muss und auch haben werde, ja, all diese Gedanken verglühen mit einem Mal, wenn ich das Wasser solange in Richtung warm drehe, bis es heiß ist und der Schmerz flammender Haut mich betäubt und ich nicht mehr fähig bin zu denken.

Während ich mein Gesicht mit einem himmelblauen Handtuch abtrockne, frage ich mich, ob es klug wäre, in zehn Jahren Bilder meines Glückes unter meinem Realnamen in’s Internet zu stellen, damit jeder, der nach mir sucht, sehen kann, wie es mir nun geht, wie glücklich ich nun bin, ohne dieses Gefängnis namens Familie, ohne Freiheitsentzug und ohne Blutsbande. Und ich sehe das Gesicht meiner Mutter vor mir, wie sie in zehn Jahren das Internet nach mir absucht und fündig wird, Bilder meines Lebens sieht, mich erkennt und Tränen vergießt und leidet, und ich muss mir nochmals das Gesicht abtrocknen.

In der Stadt laufe ich eine Straße entlang und sehe, wie zärtlich sich ein Vater von seinem kleinen Sohn und seiner Frau verabschiedet und ich denke: genau so will ich das auch bei meiner Familie machen. Und keine zwei Sekunden später realisiere ich, dass ich weder Frau noch Kind haben werde.

Nachts um drei schlage ich meine Augen auf, greife nach der Wasserflasche und schaue auf die Uhr. Eine eMail, sagt das iPhone und ich lese Zeile für Zeile und erzittere nach jedem Absatz stärker als beim Absatz zuvor. Ob aus Angst, Traurigkeit oder Zuversicht, ob der schönen, wahren und großen Worte wegen, ich weiß es nicht und schlafe ein und wache am Morgen um zehn Uhr auf und fühle mich vollkommen und voller guten Mutes.

Advertisements

7 Antworten to “Eindrücke.”

  1. hoch21 Says:

    Du weißt nicht einmal, was in einem Jahr sein wird. Und doch meinst Du, dass Du nie eine eigene Familie haben wirst. – Finde den Fehler!
    Vor Dir liegen viele Perspektiven, die Du jetzt noch nicht sehen kannst. Viele Deiner Einstellungen werden sich noch verändern. Und ich kann Dir versprechen: Wenn Du etwas wirklich willst, wirst Du auch das Nötige dafür tun, um es zu bekommen.
    Es ist zu früh, Dein Leben auf solche Art zu verurteilen, ja regelrecht abzuschreiben! Komm erst einmal in diesem Leben jenseits der Gegenwart an und sieh Dich dort um. Du wirst feststellen, dass es nicht annähernd so dunkel und eng ist, wie Du Dir sicher warst, es vorzufinden.

    • Heartcore Says:

      Der offensichtlichste Fehler ist, dass viele der Meinungen und Einstellungen in meinem Kopf einer alten Version meines Ichs angehören. So vieles liegt da oben herum und wartet darauf, noch einmal durchgedacht und auf die neuste Version gebracht zu werden.

      Was in einem Jahr sein wird, ja, davon habe ich keine Ahnung. Aber ich glaube nicht, dass ich einmal einen Sohn haben werde. Der Gedanke erscheint mir sehr absurd, denn „ohne Frau kein Kind“. Diese und noch viele andere Denkweisen habe ich irgendwann einmal verinnerlicht und es wird Jahre dauern, bis ich sie herausgewaschen oder novelliert habe. Wenn sich plötzlich die Vorzeichen ändern, kommt es oftmals zu Verwirrung und Gedankenlosigkeit. Ich arbeite mich langsam durch und merke selbst bei Musikstücken — bei welchen ich dachte, sie könnten keine andere Bedeutung haben, als die, welche sie zu haben schienen —, dass sich neue Perspektiven und Aussagen formen, je älter man wird und desto mehr Erfahrung und Wissen man sammelt.

      Mein zukünftiges Ich wird ohne Zweifel glücklich sein, dafür werde ich sorgen. Das Leben jenseits der Gegenwart wird nicht dunkel und eng sein. Doch bis dorthin muss ich dornige Wälder durchqueeren und über tiefe Schluchten springen, und das ist es, was mir wirklich Sorgen bereitet.

  2. k-note Says:

    Ich kämpfe mit den Tränen und lasse sie schließlich laufen. Es entstehen Bilder vor meinem inneren Auge.
    Eine Mutter deren Gesichtszüge hart, verbittert und enttäuscht sind. Ihre Lippen formen die Worte, das kann man doch heilen.
    Ich sage, nein, das ist naturgegeben.
    Dann bist du nicht mehr unser Sohn, sagt sie.
    Mein Blick geht zu meinem Vater, ein Vater der dem flehenden Blick seines Sohnes nicht stand hält und wegschaut. Ich sehe Tränen in seinen Augen aber seine Lippen bleiben stumm.
    Es war im November 1980 in Frankfurt/Oder und ich war sechzehn. Es war der Tag meines Coming Out. Zwei Tage später zog ich bei ihnen aus, ich ertrug das Schweigen und die Feigheit meines Vaters nicht mehr. Niemand hielt mich zurück.
    1989, fast 9 Jahre später stand mein Vater vor mir und wollte mit mir reden. Inzwischen wohnte ich in Westberlin, mein Vater war Rentner und durfte reisen. Ich war ihm fremd so wie er mir fremd geworden war. Wir versuchten uns anzunähern, wie zwei sich belauernde Tiger schlichen wir umeinander herum und fanden die ersten Worte der Versöhnung.
    Es sollten noch fast 10 Jahre vergehen ehe wir wieder normal miteinander umgehen konnten.
    Jetzt also im Jahre 2011 kann ich sagen, sie wussten es nicht anders. Aber die Liebe zu ihrem Kind war stärker als alle Konventionen.
    Heute steht sogar ein Foto von meinem Freund und mir neben dem Familienfoto meiner Schwester bei meinen Eltern im Wohnzimmer, für jeden sichtbar.
    Ich hoffe und wünsche dir viele Freunde und Menschen die dich verstehen, unterstützen und lieben.
    Ich hatte sie, danke an alle die zu mir standen.

    • Heartcore Says:

      Ich saß gerade in der S-Bahn, als ich diesen Kommentar las. Und ich hatte Tränen in den Augen.

      Ich kann mich glücklich schätzen, Menschen gefunden zu haben, welche mich „verstehen, unterstützen und lieben“. Du gehörst dazu.

    • k-note Says:

      Ich danke dir für dein Vertrauen.
      Und wieder mit einer Träne im Auge aber diesmal eine Träne der Freude.

  3. buchmamsell Says:

    Trennungen sind fies. Wenn etwas gesagt ist und dann kommt die Zeit, die es dauert, damit das Gesagte die Gegenwart wird. Eine Gegenwart, die anders sein wird. Von der wir hoffen, dass sie schön sein wird. Die aber noch nicht gekommen ist. Das ist richtig, manchmal auch gut – und es schmerzt. So ist das. Wir können es nicht ändern, aber verzweifeln müssen wir auch nicht daran. Und das tust Du ja auch nicht, und das freut mich sehr zu lesen :-)
    Und weißt Du – dass Du keinen Sohn haben kannst, das ist Quatsch. Ich kenne viele gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern – entweder wurden sie von einem der Partner mit in die Beziehung gebracht oder adoptiert oder als Pflegekind angenommen oder von befreundeten gleichgeschlechtlichen Paaren des anderen Geschlechts via Reagenzglas gezeugt und so weiter und so fort. Klar könnt ihr – Dein zukünftiger Held und Du – Kinder haben, wenn ihr das wollt. Kinder brauchen nicht Vater (Eier) und Mutter (Duddeln). Kinder brauchen eine Familie. Und eine Familie, das sind Menschen, die sie lieben und für sie sorgen. Das ist im Grunde sehr einfach – und eines der vielen Dinge im Leben, bei denen man kaum fassen kann, *wie* einfach und doch wahr sie sind. Und trotzdem: So ist das ;-))
    Und Deine Eltern/Familie … lass ihnen Zeit. Wie lange hast Du gebraucht mum da zu sein, wo Du jetzt gedanklich und gefühlsmäßig stehst? Und wie viel Zeit hatten sie im Vergleich bislang? – Siehst Du. Sie haben es auch noch viel schwerer als Eltern anderer Kulturkreise. Und ich bin sicher, es wird sein, wie Du sagst: Sie werden einen Weg finden, damit umzugehen. Du bist ihr Kind – von Kindern sagt man sich niemals ganz los. Es muss nicht zehn Jahre dauern. Vielleicht geht es viel schneller. Lass ihnen Zeit. Hilf ihnen. Glaub an sie.

    Was die Angst anbelangt: Du hast meine Nummer. Ein Anruf, und ich hol Dich ab. Wo und wann auch immer. Ein Gästezimmer haben wir auch, und da kann man ganz prima und unbegrenzt lang leben und Alternativpläne spinnen. Also: Nummer nehmen. Einspeichern. Nutzen. Wenn es Not tut, auch morgens um 4.

    :-*


  4. ich habe mit meinem kurdischen exfreund viele diskussionen zum thema homosexualität bei seinen kindern geführt. seine meinung dazu steht fest:

    1. man kann ein kind heterosexuell erziehen.
    2. wird es homosexuell, ist es nicht mehr seins.
    3. wird es homosexuell, ist die frau schuld, weil sie zu weich war.

    in diesen diskussionen habe ich ihm immer wieder – und auch hinterher mittels links – versucht klarzumachen, dass „das“ keine heilbare krankheit ist und man „das“ auch nicht wegerziehen kann und „das“ auch nicht die schuld von irgendjemandem ist. ich war auch im grunde meines herzens davon überzeugt, dass er im ernstfall wohl nicht so hart reagieren würde wie er in den gesprächen immer tat.

    fakt ist, viele eltern haben ein problem damit, wenn ihre kinder das eigene geschlecht bevorzugen. meine cousine ist ende 30 und lebt seit jahren mit einer frau zusammen. ihre mutter bezeichnet das noch heute als zweck-wg, weil sie die wahrheit nicht ertragen könnte.

    unbestritten ist das problem des outings im muslimischen hintergrund viel schlimmer. je nach bildungsstand und festigkeit des glaubens denke ich schon, dass es für den geouteten unheimlich schwer und vor allem auch gefährlich werden kann.

    ich wünsche dir, dass dir so etwas nicht passiert, ich wünsche deiner familie die kraft zur toleranz und dir wünsche ich, dass du dich nicht schuldig fühlst. denn das musst du nicht. mein motto in dieser welt ist immer: gott hat uns nach seinem abbild erschaffen. wer sind wir, dieses werk zu beurteilen und zu sagen, das und das hat er nicht geschaffen? das alte testament ist da sehr deutlich. und auch im at gibt es schon homosexuelle beziehungen. gott hat uns nach seinem abbild geschaffen. mit all unseren fehlern, unzulänglichkeiten und stärken, dem willen zu entscheiden und über urinstinkte zu triumphieren. und auch mit unserer wie auch immer gearteten sexualität. das kann und darf kein mensch anzweifeln, denn es ist gottes werk, nicht menschenwerk.

    neben viel kraft wünsche ich dir den mut, deinen weg offen zu gehen. rückhalt wirst du immer finden. und wenn deine familie das nicht ertragen kann oder will, dann ist das für dich sicher hart. aber es ist ihr fehler in ihrem denken, ihr verharren in alten strukturen und ihr wille, diese strukturen über die liebe zu ihrem kind zu stellen. es ist ihr verlust viel mehr als deiner.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: