Dieser Tage.

11. Dezember 2010

Zu laut, zu schnell, zu leer. Der Stress steigt, mein Atem wird schwer, meine Augen fallen zu und ich bin müde. Morgens komme ich kaum aus dem Bett und der Bus ist nie pünktlich — wie auch, bei diesem Wetter? —, ich verpasse meine Bahnen und Züge und Busse und erscheine zu spät in der Schule; fünf, zehn, zwanzig Minuten, vielleicht auch eine Stunde. Und immer diese ekligen Blicke meiner „Klassenkameraden“, welche auf mich gerichtet werden, sobald ich nach Unterrichtsbeginn das Zimmer betrete. Immer diese verdammten Kommentare von wegen „Steh‘ doch früher auf!“ oder „Geh‘ doch früher schlafen!“. Warum muss ich mich rechtfertigen, was kann ich denn dafür? Das Busunternehmen und die Bahn entschuldigen sich mit zwei Worten — „Höhere Gewalt!“ —, warum kann ich das nicht? Warum gilt das bei mir nicht? Ich möchte sie alle ermorden, ihnen die Augen ausstechen und alle Gliedmaßen abtrennen und vor die S-Bahn werfen. Diese verständnislosen Kinder, alle haben sie nichts drauf und wissen es besser, denken, dass sie besser sind in dem, was sie tun und nicht tun. Manchmal möchte ich sie anschreien und ihnen klar machen, dass sie mich in Ruhe lassen sollen, dass sie sich ihre unnützen Kommentare und Ratschläge rektal einführen können. Aber nein, ich schweige. Ich halte meine Fresse und bin unauffällig. Verdammt, ich hasse diese Leute! Abends komme ich zu Hause an und kenne mich nicht mehr. Ich bin fertig, enttäuscht und müde. Die Gleise sprechen mit mir, schreien nach mir und ich halte es unten im S-Bahnhof nicht aus und warte oben auf meinen Regionalzug. Oben bleiben, oben bleiben, sage ich zu mir. Musik hält mich nicht mehr, Bücher strengen mich zu sehr an und Filme ebenfalls und Serien auch. Ich kann nicht mehr, sagt mein Gesicht, ich will nicht mehr. Alles ist so rasend, so schnell und so unglaublich lahm darin, dass ich zusammenbrechen und sterben möchte. Zu Hause finde ich keine Ruhe, auch hier ist es kalt, ich friere emotional. Immer wird nach mir gerufen und etwas erwartet, immer muss ich irgendetwas tun, von morgens bis abends meinem Vater helfen und in seinem Schatten, im Weg stehen. Er kann alles und ich kann es nicht, ich bin unerfahren, nutzlos und empfindlich, sagt er mir. Nie kann ich entspannen, nie ist es ruhig, ein Wochenende habe ich nicht. Morgens werde ich von abartig schlechter Musik geweckt, gestern niveaulos und heute in den Charts. Es ist zehn Uhr und ich bin noch immer müde, dabei ging ich „früher“ schlafen. Mir tut alles weh, ich will nichts hören und sehen und bitte mach‘ die Musik aus, lass‘ mich doch schlafen! Das Wasser weckt mich nicht, ich dusche eiskalt und merke nichts, ich verbrenne mich und merke wieder nichts. Ich sitze auf der Schüssel, stilles Örtchen, und es wird nach mir verlangt, SOFORT! Ich soll etwas einstellen, einkaufen, schreiben, rühren und nicht zu vergessen das Haus saugen, aufräumen und den Schnee schippen. Das Telefon klingelt und es ist für mich und die Gespräche sind lahm, mein Gesprächspartner hat nichts zu erzählen, ist langweilig und nervt mich. Ich lege auf, gehe in „mein“ Zimmer, lege mich auf mein Bett und starre an die Holzdecke, zähle die Flecken und schlafe ein und wache geil auf und kann mich nicht befriedigen, jemand ist im Zimmer, sitzt am Computer oder hängt Wäsche auf. Draußen ist es dunkel und in mir auch und ich bin müde, voller Hass und Trauer. Alles steht still und doch ist es mir zu unruhig. Lass‘ mich doch einfach sein, geh‘ weg, frag‘ nicht nach mir. Mir ist alles egal, die Welt, die Nachrichten, das Wetter. Ich weiß nicht, welches Datum wir haben, ob heute der Nikolaus ist oder ob er schon war, welcher Monat auf meiner Fahrkarte verzeichnet ist. Ich treffe Menschen, die ich wirklich treffen möchte, kann es aber nicht genießen, denn es muss geheim bleiben, Eltern und Freunde dürfen nichts wissen, dürfen nichts ahnen. Ich lüge und hasse es und es frisst mich auf, der Zeitdruck, die prüfenden Blicke, ich selbst. Werde ich wieder verprügelt werden? Was wird mit mir geschehen, wenn rauskommt, wo ich war und dass ich eine siebenundzwanzig-jährige und später einen siebenunddreißig-jährigen getroffen habe? Ich schreibe diesen Text und im Flur brennt Licht, Mutter kommt und will, dass ich etwas an ihren eBay-Einstellungen ändere und es kotzt mich an. Nacht wird es und die Tage kommen und gehen und das Jahr ist fast schon vorbei und ich weiß ganz genau, es war ein Scheißjahr und eine fette Enttäuschung und bald sind Prüfungen und ich habe Angst davor und dann kommt das halbe Jahr mit nichts und danach die Uni. Werde ich es schaffen, werden sie mich annehmen? Ich lese zu wenig, sehe zu wenig und höre zu wenig. Ich schlafe in meiner freien Zeit; wann soll ich das denn sonst machen? Ich bin ständig geil, unfassbar geil und manchmal durchzieht mich eine schmerzhaft-große, rostige Sehnsucht und ich weiß nicht wohin und wie und warum. Das Sperma spritzt aus mir und ich bin noch immer nicht zufrieden, noch immer geil, noch immer voller Sehnsucht. Ich bin durstig und hungrig und habe alles so satt, diese Wände, diese Worte, dieses Leben. Komm‘, hol‘ mich, bring‘ mich weg, weit weg und lass‘ mich nie zurückgehen! Und schon kommen mir die Tränen, ich habe kein Zuhause und keine Heimat. Die Türkei ist meine Heimat, sage ich oft, aber auch dort fühle ich mich unwohl, falsch und vor allem fremd. Ich umarme das Internet, sie ist siebenundzwanzig und ich fühle mich so wohl bei ihr. Weil sie mich versteht, weil sie all das nachempfinden kann. Nicht einmal zwei Stunden und sie muss gehen, weiterreisen. Danach treffe ich wieder das Internet und er ist so alt wie mein Vater und ich frage mich, warum mein Vater nicht so cool sein kann. Zu Hause denke ich gerade an Meersalz und mein Vater bringt mir das Telefon, und es ist eine Freundin, sie will wissen, ob ich Lust habe, einer anderen Freundin beim Singen zuzusehen. Und ich habe ehrlich gesagt Lust — und wie! —, aber nicht darauf, doch das bleibt natürlich in mir und ich sage zu und ziehe mich an und mache mich schick und gehe aus dem Haus in eine Halle, treffe die Freundin und ihre Freunde und es langweilt mich, weil ich nicht dazu passe, weil ich einfach nicht zu der Jugend passe. Ich sitze da und höre zu und dann ist es vorbei, ich gehe nach Hause, schließe die Türe auf und reiße mir alles vom Leib, stelle mich unter’s Wasser und werfe mich in’s Bett, schlafe ein und träume wild und wache auf und starre an die Holzdecke.

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5 Antworten to “Dieser Tage.”

  1. Matthias Says:

    (Nachtrag: Der Kommentar ist jetzt doch recht lang geworden. Und ich weiß gar nicht, ob du Kommentare über so ein privates Thema überhaupt magst.)

    Das Schwierige an der Jugend ist, dass sie leider bloß zwei Optionen zulässt: in und out. Ich habs irgendwie geschafft, den Rang des geduldeten Outsiders zu erreichen, der zwar seltsame Musik hört und auch sonst komplett anders ist, aber dafür doch ein netter Freund ist. Jedoch weiß ich auch, wie es ist, eben so nicht zu sein und es trotz netter Eigenschaften und einer treuen Seele nicht geduldet zu werden.
    Am Schlimmsten sind die Menschen, die einem sagen, dass man solche Idioten ignorieren soll, weil sie es nicht wert sind. Okay, vor ein paar Tagen habe ich dir genau das geschrieben: „Ignorier sie, du bist viel besser.“ Doch mir war schon beim Schreiben klar, dass sowas nur kurzfristig ein Schmunzeln (Wenn überhaupt!) aufs Gesicht zaubern könnte und es spätestens in der nächsten Situation scheißegal ist, ob man jetzt besser ist oder nicht. Weil man es nicht ignorieren kann, dass sie In und Out definieren und man selber leider Out ist. Es ist grausam, man kann das nicht verleugnen, es frisst einen auf, es nagt an einem. Digitale Kommunikation ist da zwar ein Ventil, doch auch nicht mehr als digital und nicht echt.

    Das Entfremden der Familie ist wahrlich beschissen und das kenne ich genauso. Ein Vater mit einem komplett anderem Wertekanon und einer komplett anderen Auffassung von Wertschätzung ist fürchterlich. Das Im-Weg-Rumstehen kenne ich aus erster Erfahrung. Mein Vater ist auch meistens ein provinzieller, ungebildeter und nicht einfühlsamer Idiot. Betont uncool. Dann treffe ich Freunde und rede mit deren Vätern über Bücher, Filme, Bands, Auffassungen, Politik und merke, wie schön meine Freunde es haben müssen und wie schwer man selber es hat. Warum kann mein Vater nicht so sein wie der andere?, denkt man, doch das Denken nützt auch nichts: Er wird sich nie ändern. Ignorieren kann man das auch nicht. Den Kontakt zu Eltern kriegt man nie weg, sie bestimmen dein Leben, sie formen es und je früher man aus den Formen ausbricht (zumindest sie im Kopf insgeheim ablehnt), desto schneller kann es einem besser gehen. Aber wie schwer und unmöglich das ist – gerade für dich – kann ich mir leider kaum vorstellen :(

    Man hat das alles satt. Alles ungeheuer satt. Diese Periode, wo Pubertät keine Entschuldigung mehr ist und man dennoch zu jung ist, um selber auf sich gestellt zu sein. Wo man nur ausbrechen will und es nicht kann. Wo man viel verlieren und viel gewinnen will, muss. Gerade vom besten Freund auf ICQ geschrieben bekommen (hast du ICQ?): „weißt du matze ich hab das gefühl alles zu verlieren und ungewissheit ist einfach brutal“. Ich wusste nicht, wie ich ihm antworten sollte. Bei dir weiß ich es. Aber auch nur, weil uns das Internet voneinander trennt. Wenn ich wüsste, dass ich dich morgen in der Schule sehe, würde ich einen anderen Kommentar schreiben. Oder gar keinen. Internet ist wie Milchglas.

    Lass dir deine verfickte Unbeschwertheit nicht nehmen. Jugend ist nunmal ekelhaft, größtenteils.

    Konkrete Lösungsvorschläge für dich wollen mir nicht einfallen, da ich dich nicht genug kenne. Könntest du nicht dein Recht in der Familie einfordern? Eher nicht, oder? :( Gibt es in deiner Klasse Leute, mit denen du dich gut verstehst? Eine gemeinsame Lieblingsband? Lieblingsfilm? Tausch dich mit ihm aus, knüpfe Kontakte und sei nicht enttäuscht, wenn viele Leute, die dir begegnen, Arschlöcher sind. Man macht es dir nicht leicht. Kopf hoch. Du kannst sie nicht ignorieren und sie können dir nicht egal sein. Aber du kannst zumindest beschließen, dass dich die Idioten in der Schule nicht mehr emotional fertigmachen. Bau eine Wand auf. Dazu braucht es Selbstbewusstsein. Das habe ich auch nicht. Laut Freund H. habe ich einen fetten Minderwertigkeitskomplex, aber das ist egal. Ich würde am Liebsten den Arschlöchern und Wichsern in deiner Schule sagen, wie elendig sie sind, dass sie so einen tollen Menschen wie dich nicht akzeptieren :(

    Kopf hoch. Ich hab in die Dropbox ein Lied hochgeladen namens „You’re Never Alone“, mit Chor, Geige und vielen schönen Menschen. Und in einem anderen Lied in der Box singt jemand: „No matter how far wrong you’ve gone, you can always turn around.“ Tut mir leid, dass ich wieder soviel geschrieben habe, aber Text ist wie Sperma: ekelhaft, viel zu privat und meistens nicht kontrollierbar.

    Matze

  2. Topsy Says:

    […] This post was mentioned on Twitter by Frau Fragmente, Max Lampin. Max Lampin said: RT @fragmente: "Lass mich doch einfach sein, geh’ einfach weg, frag’ nicht nach mir." http://tinyurl.com/2vejhz6 […]

  3. engl Says:

    für manche menschen ist familie eine art gefangenschaft. ich erinnere mich gut. zum ausgleich lebe ich nun seit fast schon 30 jahren allein, ich kann mir nichts anderes für mich vorstellen. und all die familienmenschen können das immer noch nicht verstehen. sollen sie doch! die haben ja keine ahnung! ;)


  4. es macht mich so unendlich traurig, wenn ich lese, dass ein
    so junger mensch so fühlen muss wie du. du bist in einem alter, wo
    alles leicht sein sollte. wo der übergang zum erwachsensein
    spannend sein sollte und nicht einfach nur anstrengend und
    kraftraubend. auch ich habe kein patentrezept für dich oder mehr
    als den trost, dass viele von uns das so oder so ähnlich auch haben
    erleben müssen und dass es irgendwann vorbeigeht. spätestens, wenn
    du ausziehst, wird es anders. nur bis dahin ist ja noch zeit, die
    verbracht werden muss. und das in einer atmosphäre, die bei dir
    offenbar sehr anstrengend ist. vielleicht tröstet es dich, dass
    mein 34jähriger (kurdischer) freund bis heute nicht soweit ist,
    dass er bei seinen eltern den respekt einfordert, den sie permanent
    von ihm verlangen. und auch wenn es ihn stört und er genervt ist,
    ändert er es nicht, weil er aus der tradition eben nicht heraus
    kommt. du, der du halb so alt bist, könntest versuchen, für dich
    einen weg zu finden. psychologische betreuung, betreutes wohnen
    übers jugendamt – irgend etwas, was dir hilft, diese unglaubliche
    traurigkeit und die suizidalen tendenzen zu überwinden, um die
    kraft für deinen weg zu haben. mein lieber a., ich finde es
    wundervoll, dich in meiner timeline zu haben und du bist ein stern
    in eben dieser. ich finde es großartig, dass es neben der
    verrufenen jugend menschen wie dich gibt, denen ich diesen
    kommentar genauso schreiben kann, wissend, dass er verstanden wird
    in jedem sinne des wortes. ich drück dich!

  5. . Says:

    Ich kenne das… Song recommendation from a stranger:
    http://www.youtube.com/watch?v=8F_-JIa8FUs Alles Gute.


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