Letzte Liste.

14. November 2010

Morgen werde ich in der Gegend von Gehirn und Nase operiert. Und ehrlich gesagt habe ich ein wenig Angst vor der Operation. Daher weht ein stiller, trüber Wind durch die Alleen meiner verwobenen Gedanken. Mir ist bewusst, dass der Eingriff ein eher kleiner Eingriff ist und dass die Wahrscheinlichkeit während der Operation oder an den eventuell darauffolgenden Folgen zu sterben, sehr niedrig ist. Doch trotz diesem Wissen mache ich mir Gedanken darüber, wie es wohl wäre, nicht zu leben, was und ob mich etwas erwartet und welche Dinge, Menschen und Gefühle ich eigentlich zurücklasse, in Falle dass.

Mir sind in den letzten Tagen so einige Dinge klar geworden, welche ich versuchen werde, hier festzuhalten.

  • Es sagt sich so leicht, dieses „Mach‘ dir keine Sorgen, wird schon werden!“.
  • Freunde und Freundschaften sind unglaublich anstrengend, vereinzelt sogar ermüdend bis kräftezehrend. Manchmal wünsche ich mir, ein paar Tage lang keine Freunde zu haben, um unruhig in der Ruhe verharren und vielleicht ein wenig entspannen zu können. Doch nicht meine Freunde sind es, die mich anstrengen und ermüden oder die an meinen Kräften zehren; ich bin es.
  • Ich habe den Wunsch nach Einsamkeit, diesen großen Wunsch nach völliger Isolation und Abgeschiedenheit. Ich möchte alleine sein und mich mit Dingen beschäftigen, für welche ich keine zweite, dritte oder vierte Person brauche, die mich in gleich welcher Weise unterstützt oder mir auf die Sprünge hilft. Ich will einsam sein, weil ich einfach nur ich selbst sein will. Ich will keine schwere Maske tragen, will mich nicht verstecken und verheimlichen. Und dennoch möchte ich nicht einsam sein.
  • Meine Freunde kennen nur meine Fassade, welche ich selbst gestaltet und bemalt habe, um mich möglichst gut (vor was eigentlich?) abschirmen zu können. Hinter dieser meist lächelnden Fassade, hinter meinen türkisch-braunen Augen sitze ich und steuere traurig meinen Körper, als ob dieser eine Marionette wäre. Jeder Schritt und jedes Wort wird hoffentlich genauestens bedacht und erst dann ausgeführt.
  • Das Leben ist ein Schachspiel.
  • Meine Marionette mag vernünftig sein, ich bin es nicht.
  • Die einzige Person aus meinem Freundeskreis, die mich — also meine wahre Persönlichkeit — kennt, ist Jes. Doch leider wohnt Jes weit und noch weiter von mir entfernt, sodass mir ein freundschaftlicher Besuch nach der Schule zum Beispiel unmöglich ist. Freizeit gleich null.
  • Treffen mit Freunden empfinde ich als mühselig, weil mich das Tragen meiner Maske ermüdet. Es ist schwierig, ganz allein eine schwere Fassade zu stemmen und diese auch zu pflegen. Deswegen bin ich lieber alleine, denn in meiner Gegenwart brauche ich keine Maske zu tragen.
  • Im Krankenhaus möchte ich nicht besucht werden, denn Besuch bedeutet, sich verstellen zu müssen. Am liebsten würde ich eine Besuchersperre einrichten lassen. Ich möchte in Ruhe genesen und nicht „Besuch empfangen“, auch wenn’s lieb gemeint ist.
  • Mein bisheriges Leben hat und hatte wenig zu bieten, obwohl ich doch recht viel Schönes und Bitteres erlebt habe. Glücklich war ich nicht wirklich. Es gab zwar Momente, in denen ich gewiss glücklich gewesen bin, doch über meine Existenz als solche würde ich das nicht sagen. Ich habe bis heute immer in Angst gelebt. Und falls ich dann einmal keine Angst hatte, lebte ich mit dem Wissen, gefesselt und geknebelt zu sein.
  • Ich bin gerne traurig und umarme die Traurigkeit.
  • Ich würde sogar etwas hinterlassen, sollte ich sterben. Im RL wären es gemeinsam erlebte Momente und hier im Internet wäre es ein Blog mit zwei dazu gehörigen Twitter-Accounts und noch so ein paar andere Sachen. (Wobei der Blog eher zu den Accounts gehört.)
  • Sollte ich sterben, würde ich in den Herzen mancher Menschen weiterleben, wann immer sich diese Menschen an mich erinnern. Das hieße, dass ich erst dann wahrhaftig sterben würde, wenn die letzte Erinnerung an mich erloschen ist.
  • Hat man einen bestimmten Tag im Kopf, an dem man sterben könnte — obwohl die Wahrscheinlich zu überleben höher ist als die Wahrscheinlich zu sterben — macht man sich viele Gedanken über Leben und Tod. Dabei ist das total hirnrissig, finde ich, denn sterben könnte und kann man immer, egal ob aus Zufall, Schicksal oder Gottesfurcht.
  • Vieles scheint plötzlich unwichtig und sinnlos. In einer solchen Phase fällt das Aussortieren von einst bedeutungsvollen Sachen und Dingen leicht. Nur das wirklich wichtige bleibt zurück.
  • Festplatte, Lesezeichen, Social Media — plötzlich ist alles aufgeräumt und rein, die Passwörter sind stärker denn je.
  • Ich weiß noch immer nicht, was ich heute gemacht hätte, wüsste ich, dass morgen mein Leben endet.
  • Ich bin unfassbar unentschlossen.
  • Schuldgefühle entfalten sich in mir, weil ich Gott vernachlässigt habe. Gleichzeitig empfinde ich Schuld dafür, dass mein Glaube an Gott gerade jetzt wieder zunimmt.

Hmm. Ursprünglich hatte ich noch viel mehr Gedanken, die ich aufschreiben wollte. Egal, verflogen ist verflogen.

Hier noch ein bisschen Musik in Form einer ZIP-Datei. Die Titel darin würde ich am liebsten mit in’s Grab nehmen. Ich denke, dass mich die Auswahl ganz gut widerspiegelt.

So, nun aber lebt wohl, meine phantastischen Freunde. Vielleicht sehen wir uns schon morgen, vielleicht aber auch erst später.

Ich liebe euch sehr.

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4 Antworten to “Letzte Liste.”

  1. max Says:

    Den Großteil dieser Punkte – sprich: Fassade und dem widersprüchlichen Verhältnis zur Einsamkeit – hätte ich genauso schreiben können. Fast schon unheimlich. Aber auch sehr klar ausgedrückt. Alles Gute für die OP/Genesunng.

    • Heartcore Says:

      Es ist oftmals unheimlich, sich in anderen (Texten) zu erkennen. Doch das zeigt nur, dass wir in Wirklichkeit nicht alleine (mit unserem Leid und unseren Sorgen) sind.

  2. glumm Says:

    ein bißchen abschied nehmen ist immer gut.

    ich hoffe, alles ist gut gelaufen – oder verläuft noch gut.

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