Knebelehre.

4. August 2010

Meine Mutter hat wieder „für meine Zukunft“ eingekauft. Besser gesagt: für meine Zukünftige. Heute morgen lieferte die Post zwei riesige Kartons bei uns ab. Die Postbotin scherzte: „Sind da Töpfe drin?“ Ich wusste natürlich nicht, was in den Kartons war. Ich unterschrieb und schob die beiden Kisten ins Haus.

Am Mittag platzte meine Mutter vor Freude, weil „es endlich da ist“. Verwundert verließ ich mein Bett, das eigentlich meine heilige Festung war, und schlenderte ins Wohnzimmer, in dem die Kartons nun auf dem Esstisch standen. Die Postbotin hatte Recht: in dem einen Karton befanden sich wirklich Töpfe. Kochtöpfe jeder Art und dazu auch noch Pfannen. In dem anderen Karton befand sich ein riesiges Besteck- und Koch-Set. — „Das ist alles für dich!“ — Nachdem sie mir die gelieferten Edelstahlwaren detailliert und alle einzeln vorgeführt hatte, durfte ich die beiden Boxen nach oben in den Dachboden tragen. Der Dachboden liegt im vierten Stock und die Treppen dorthin sind ab dem zweiten Stockwerk vollgestellt. Mein Aufstieg war „steinig und schwer“, im wahrsten Sinne des Wortes…

Es freut mich, dass meine Mutter an mich bzw. an meine Zukunft denkt. Aber dass sie ständig irgendwelche Sachen ins Haus bringt, die ich später einmal in die Ehe mitnehmen soll, geht mir mitten ins Herz. Anstatt sinnvoll in meine Zukunft zu investieren, gibt sie das Geld für Gebrauchsgegenstände aus, die auf dem Dachboden ihren Wert verlieren.

Vorhin telefonierte sie mit irgendeiner Freundin, als ich in der Küche war, um etwas zu trinken. — „…meine Eltern kommen am Tag vor Ramadan wieder zurück. … Na, weil mein kleiner Bruder in Deutschland geblieben ist! Er isst sein Brot ja noch zu Hause. … Nee, der ist immer noch nicht verheiratet…“ — Der Bruder meiner Mutter ist 20.

Und ich, ich bin 17. Ich plane nicht, zu heiraten. Mit wem auch? Ich habe keine Freundin.

Tag ein, Tag aus. Es vergeht kaum einen Tag, an dem meine Mutter nicht von Heirat, Hochzeit und Ehe redet. Sie spricht zwar selten mit mir darüber, dafür aber mit anderen: mit Freundinnen und Besuchern, mit Tanten und Tantchen.

Ich fühle mich umzingelt, fast schon in die Ecke gedrängt. Als wollte sie „such‘ dir endlich eine Freundin“ sagen. Vielleicht meint sie das auch.

Mir macht am meisten Angst: dass ich meine Eltern eines Tages richtig enttäusche, weil ich nicht der Sohn bin, den sie in mir sehen (wollen). Und eigentlich möchte ich sie nicht enttäuschen. Doch ich kann nicht ändern, was ich bin.

(Aus diesem Text lässt sich der dicke Knebel, der in meinem Hals steckt, etwa kurz vor dem Herzen, nicht herauslesen. Deswegen dürft ihr euch vorstellen, wie mir dieser Knebel das Atmen erschwert.)

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4 Antworten to “Knebelehre.”


  1. Du spielst in deinen Gedanken ein riesen „Kampf“. Und das ist auch gut so. Aber verglichen mit einem Schachspiel ist es schwierig zu gewinnen. Bedenke einer gewinnt und logischerweise einer verliert. So ist im Leben. Bei einem Remi haben beide etwas davon. Denke darüber mal nach.

  2. h. Says:

    Die Angst, die Familie zu enttäuschen, kenne ich allzu gut, komme ich doch aus fast dem gleichen Kulturkreis.
    Ich habe es jetzt hinter mir, ich habe sie offiziell enttäuscht. Indem ich als Mädchen offen gesagt habe, dass ich mit einem Jungen zusammen sein möchte, den ich liebe. Und ja, es tut weh, ihre Enttäuschung zu spüren, aber da ich weiß, dass es für mich das Richtige ist, dass ich es will, dass ich es brauche, muss ich mich damit abfinden, sie enttäuscht zu haben. Auch wenn ich genau das immer verhindern wollte.
    Was ich damit sagen will: Du musst an dich denken. Es ist dein Leben. Und in erster Linie solltest du dich darum kümmern, dich nicht selbst zu enttäuschen.

  3. Rin Says:

    Ich frag mich da immer ein bißchen was Deine Mom so als Referenzrahmen nimmt. Ihr ist doch sicher klar, dass die meisten Deiner Schulkameraden mit 20 noch nicht verheiratet sein werden. Wahrscheinlich weiss sie auch, dass Du das nicht mit 19 heiraten wirst, aber will das nicht wahrhaben und hofft, dass es doch so kommt.

    • Heartcore Says:

      Meine Mutter selbst hat mit 17 geheiratet und mich mit 18 auf die Welt gebracht. Unsere Verwandtschaft lässt sich im Schnitt mit 20 Jahren verloben und heiratet mit 21 oder 22. Alles darüber wird nicht gerne gesehen.

      Ich kann meine Mutter verstehen. Sie ist mit diesem „Regelwerk“ aufgewachsen, sie kennt es nicht anders. Es wird Generationen dauern, bis sich in diesem Gebiet in unserer Familie überhaupt etwas ändert. Dass ich der einzige unter meinen Cousins und Cousinen bin, der so denkt, entzieht mir den Mut. Mich macht es traurig, dass ich so „außergewöhnlich“ bin. Ich kann nicht sein, was ich bin oder was ich sein möchte, ohne meine Fesseln abzulegen, ohne andere zu entmutigen oder zu enttäuschen.

      Zur letzten Zeile deines Kommentars: genau das denke ich auch.


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