Donnerstag, mittags.

2. März 2010

12.00 Uhr. Mein Regional Express fährt ein. Ich habe mich bewusst gegen die S-Bahn entschieden, denn die Schneedecke über Stuttgart ist geschmolzen und endlich kann ich wieder etwas anderes als schwarz, grau und weiß sehen.

Während meiner Fahrt schmökerte ich in meinem RSS-Reader; als ich diesen Blogpost las, musste ich irgendwie an Paul denken. Die Frage “Wie oft masturbieren Sie am Tag?” konnte ich schnell beantworten: Keinmal. In letzter Zeit einmal in drei Wochen.

Ich fühlte mich ein bisschen dreckig, da ich nicht geduscht hatte. Ein schlechtes Gewissen hatte ich nicht.

Es deprimiert mich, dass ich kaum Zeit für mich selbst habe. Ich wusste an diesem Tag nicht einmal, warum ich überhaupt noch in diese Schule fuhr. Ich hätte mich auch in ein Café setzen können. Hat es sich zu einem Zwang entwickelt?

Was würde Paul jetzt dazu sagen? Was würde er mir raten? Und wie geht es ihm überhaupt?

Seit Monaten habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich habe etliche Male versucht, ihn zu erreichen, doch entweder war er (angeblich) nie da, oder er hat meine Anrufe und Nachrichten in Form von SMS/eMail/Mailboxaufnahmen ignoriert. Sollte ich einfach mal bei ihm vorbeischauen? Was würde ich mit ihm reden? Könnte ich das überhaupt?

12.30 Uhr. Hauptbahnhof Stuttgart. Ein hässlicher Bahnhof. Ich lasse mir Zeit beim Aussteigen, denn ich habe sie ausnahmsweise zur Verfügung. Ich laufe so langsam wie möglich über die abgenutzten Steinplatten. Dabei erkenne ich Dinge, die ich morgens nie sehe. Bin ich blind?

Die S-Bahn in den Stadtteil, in dem meine Schule liegt, fährt in zehn Minuten. Acht davon verbringe ich auf einer Sitzbank, indem ich Menschen beobachte. Hektisch bis gelassen, jede Sorte ist vertreten. Interessanterweise sind die Leute an diesem Tag bunter als sonst angezogen.

Zwei Minuten dauerte mein Weg von der Sitzbank zur S-Bahn. Die stickige Luft im Waggon war nicht zu ertragen, doch mein Ziel war bald erreicht.

13.00 Uhr. Der Bus fährt um 13.07 Uhr. Und wieder schlage ich meine Zeit mit Beobachten tot. Das gefällt mir, ich mag es, dem Lauf von Dingen zuzuschauen. Es beruhigt und macht mich irgendwie glücklich.

Ich sehe, wie eine Mutter ihrem Kleinkind eine Brezel kauft, wie Tauben die herunterfallenden Krümel aufsammeln und wie andere Passanten den Tauben noch mehr Brotartiges auf den Boden werfen. Ich sehe, dass die Wilhelma die Papageien freigelassen hat und ich höre, wie diese kreischen. Ich sehe, wie das Wasser vom Brunnen gegenüber herabplätschert; vielleicht tut es das zum ersten Mal. Der Stein, aus dem das Wasser quellt, wirkt trocken und spröde. Bald wird sich eine feine Schleimschicht auf ihm absetzen. Eine Art Schutz vor der Außenwelt.

Ich erblicke viele, sehr viele Menschen auf den Straßen. Die meisten tragen eine Tüte oder ein Kind an der Hand. Besonders die älteren Damen und Herren stechen heraus. Sonst sieht man sie selten, weil sie grau und unscheinbar gekleidet sind. Doch heute sehe ich viele prächtige Farben an ihnen haften: Blutrot und sonnengelb, grasgrün und königsblau. Ein buntes Meer bestehend aus Menschen und ihren Fassaden.

13.08 Uhr. Der Bus hat Verspätung, doch er ist da. Im Inneren sitzen nur eine Hand voll Menschen. Die Gesichter sind mir unbekannt. Woher sollte ich diese auch kennen?

13.15 Uhr. Eine Kindergarten-Gruppe steigt in den Bus ein. Nein, eigentlich waren es Krabbelgruppenkinder. Ein kleiner Junge mit blauen Augen und blonden Haaren wird neben mich gesetzt. Er ist eigentlich ganz niedlich, doch das chinesische Mädchen gegenüber ist viel süßer. (Wird man gleich zum Pädophilen, wenn man so etwas schreibt?)

Der Junge fragte in den Raum: „Wo fahma hin?“ Seine Betreuerin antwortete: „In den Kindi!“ Der Junge: „Des holport aba! Des holport!“ Dann guckte er verdutzt um sich. Sein Blick blieb an mir haften. Er setzte eine ernste Miene auf und spitzte seine Lippen. „Un wo fahrs du hin?“ Seine kleinen Augen hatten mich fest fixiert, die Betreuerin grinste und wartete gespannt auf meine Reaktion. Ich sagte: „Ich fahre in die Schule!“ Und plötzlich wurden seine Augen groß. Die ernste Miene war verschwunden; ein strahlendes Kind saß nun neben mir. „Wenni groß bin, dann gehi au in Schul.“ Das chinesische Mädchen klatschte und bemerkte, so ganz nebenbei: „Ick au! Aba alleine! Un mi Tasche!“ Beide Kinder musterten sich und kicherten ein bisschen.

In diesem Moment wusste ich, dass ich etwas Gutes getan hatte.

(Diese Kinder träumen davon, groß und stark zu werden, um dann in die Schule zu gehen. Im Gegensatz dazu träume ich davon, groß und stark zu werden, um nicht mehr in die Schule gehen zu müssen.)

13.20 Uhr. Ich stehe auf und verabschiede mich von den Kindern. „Tschühüss!“ „Du geh jez in Schul!“ Eine ältere Dame starrt mich an, als sei ich ein Kinderficker. Ich glaube Zähneknirschen zu hören.

Warum wird man gleich blöd angemacht, wenn man Kinder zum Lachen bringt, ihnen etwas mitgibt? In der ZEIT lese ich etwas von Kindesmissbrauch. Hmm.

13.30 Uhr. Zehn Minuten dauert mein Weg von der Bushaltestelle den Berg hoch ins Schulgebäude. Ich habe den Matheunterricht und den Deutschunterricht verpasst. Who cares? Der Content dieser Fächer langweilt mich eh. Dem Kultusministerium fällt nichts besseres ein, als den Schülern die Inhalte der vergangenen Jahre zuzumuten. Gleichgültiges Pack! Ich verstehe die Schulschwänzer. Teilweise. Zwar ist das mein erstes „freiwilliges Fehlen“, doch ich kann nachvollziehen, warum tausende Schüler und Studenten einfach nicht in den Lehranstalten erscheinen: Der Inhalt ist langweilig, die Lehrbeauftragten sind zum Kotzen und die Lernbedingungen unzumutbar.

Ich hole etwas weiter aus: Ich habe mich letztes Jahr für eine weiterführende Schule entschieden, die mir damals aufgrund ihrer fachlichen Ausrichtung sehr gefiel. Damals, als ich mit meinem Vater auf der Info-Veranstaltung war. Dort wurde die Schule als „Wunder des Schulsystems“ angepriesen. Ich bin natürlich darauf reingefallen und habe mich dort registrieren lassen.

„Die Fächer entsprechen mehr oder minder meinen Interessen“, dachte ich. Nun, der erste Monat in dieser Schule war schon etwas besonderes. Ich fühlte mich wohl. Die Versprechen der Informationsveranstaltung wurden eingehalten. So weit, so gut. Doch dann ging es richtig los. Montag bis Freitag von acht bis siebzehn Uhr. Anfangs nahm ich an, dass ich das meistern könnte. „Ist ja genau mein Ding!“ Eben nicht. Inzwischen hat sich der Unterrichtsstoff in einen Bereich verschoben, der dem Ursprünglichen kaum noch entspricht. Und das allerschlimmste: Der Stoff wird vom Ministerium vorgegeben.

Bitte, liebes Kultusministerium, versuche dich nicht in technischen Dingen. Ich glaube, und davon bin ich fest überzeugt, dass du keine Ahnung von der Welt da draußen hast. Wie kannst du uns SO ETWAS nur zumuten? Für mich bist du ein altbackenes Stück Scheiße. Wir sollen Dinge lernen, deren Entwicklung schon vor Jahren eingestellt wurde!? Hast du dich JEMALS in der Computer- und Internetwelt umgesehen?

Ich wünsche mir eine Revolution. Ich möchte ein neues Schulsystem.

Selbst meine Freunde, die sich für andere Schulen entschieden haben, sagen das selbe: es ist unzumutbar.

Doch wir haben es so gewollt, wir müssen das ertragen. Wer achtet schon auf die Meinung von Schülern und Studenten?

13.35 Uhr. Ich stehe vor der Tür ins Klassenzimmer, bin ein bisschen unsicher. Eine Ausrede habe ich schon: Ich musste mir beim Arzt Blut entnehmen lassen. Ein Attest kann ich nicht vorlegen, weil ein solches fünf Euro kostet und ich erstens kein Geld und zweitens keine Lust hatte, für dieses Stück Papier zu zahlen.

Ich betrete also das Klassenzimmer und werde von einem „Woah! Du kommst aber früh!“ begrüßt. Ich glaube, dass ich selbstsicher gelächelt habe. An meinem Platz saß die einzige Person aus dieser Klasse, mit der ich mich anständig unterhalten kann. Der Platz daneben war frei, also setzte ich mich dort hin.

„Ich trage Sie dann ‚mal als anwesend ein.“ höre ich den Herrn Lehrer sagen. Schön, dass ich „anwesend“ bin. Und daraufhin verlässt er das Klassenzimmer. Jetzt ist also Pause.

13.45 Uhr. BWL ist ein Fach, das ich wirklich mag und in dem ich gut bin. Obendrein haben wir eine kluge Frau Ende 30 als Dozentin; Sie hat einen schwarzen Humor und das schätze ich sehr an ihr.

Jessica, das Mädchen, das auf meinem Platz saß, wirkte angeschlagen. Als ich sie darauf ansprach, reichte sie mir ihr Handy und blickte betrübt aus dem Fenster.

Ich kann mich zwar nicht an den ganzen Text erinnern, doch die letzten Zeilen der SMS waren folgende: „Such dir jemand anderen für ernste Gespräche.“

Ich reichte ihr das Handy zurück und sie sagte, dass wir nachher über etwas reden müssten.

15.20 Uhr. Der Unterricht ist beendet. Jes und ich sind die letzten, die das Klassenzimmer verlassen. Wortlos laufen wir den Gang entlang. Wir beide wissen, dass unausgesprochene Worte im Raum hängen. Doch hier können wir nicht reden. An der Bushaltestelle mussten wir fünf Minuten warten, ehe der Bus eintraf.

„Dass du jetzt noch gekommen bist, hat sich aber voll gelohnt!“ höre einen Klassenkameraden grölen. Seine hässliche, hinterhältige Lache enerviert mich. „Ich mag BWL.“ „Jaja, würde ich jetzt auch sagen!“ Ohne ein weiteres Wort aus mir zu lassen, steige ich den Bus ein.

Ich habe keine Lust, mich mit hirnamputierten Jugendlichen herumzuschlagen. Ich schweige und gut ist.

15.40 Uhr. Die Busfahrt über habe ich Musik gehört, damit mich keiner anspricht. Jes ebenfalls. Am Bahnhof haben wir uns dann von den anderen verabschiedet und uns auf eine Bank im Freien gesetzt.

[Fortsetzung folgt…]

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