Posts Tagged ‘Einsamkeit’

19:41.

30. Oktober 2012

Wir sind in einem Kaufhaus. Die Jacken und Mäntel, die er mir zum Anprobieren ausgesucht hat, sind zu groß oder zu lang für meinen zierlichen Körper, und auch die Verkäuferin konnte mir kein passendes Kleidungsstück reichen. Ich probiere einen Mantel an, den ich selbst ausgesucht habe und von dem ich glaube, dass er zu mir passen könnte. “Wow, steht dir wirklich gut!”, sagt er. “Hätte ich jetzt nicht gedacht.” Die Verkäuferin mustert mich und sagt schließlich: “Steht ihm ausgezeichnet! Da sieht man mal wieder: Kinder haben meistens einen anderen Geschmack als die Eltern.” Ich blicke ihn an und wir müssen beide plötzlich lachen. Ich kann ihm aber nur kurz in die Augen sehen; ich schaue zu Boden, bin verlegen und traurig über diesen Moment, doch ich lächle, um es zu überspielen.

Im Laufe des Tages lachen wir mehrmals über diese Situation, denn er ist nicht mein Vater, er ist mein Freund. “Dabei sehen wir uns nicht einmal ähnlich. Aber du könntest natürlich mein Adoptivkind sein, oder ich dein Stiefvater.” Er macht kurz Pause und sagt leise: “So jemanden suchst du doch auch, nicht wahr?” – “Einen Daddy? Nein, also das wäre nichts für mich…” – “Das meinte ich nicht. Jemanden, der sich um dich kümmert.” – “Ah, ich verstehe. Ich kann mich ganz gut um mich selbst kümmern, aber es wäre schön, wenn da jemand wäre. Jemand, der ‘da’ ist für mich, der Vertrauen, Sicherheit und vor allem Ruhe ausstrahlt, alles andere ist variabel. Ich mache das nicht am Alter fest, nur scheint es niemanden in meinem Alter zu geben, der das bieten kann… Es ist auch unmöglich, all das mit zwanzig schon zu haben. Muss man sich ja erst aufbauen, indem man reifer wird.”

Der Tag verstreicht, die negativen Gefühle der letzten Wochen spielen nur noch eine Nebenrolle, wir werden wieder zärtlicher zueinander, doch immer noch können wir uns nicht küssen. Nach einem unerwartet schönen Abend sitzt er am Rand meines Bettes. Wir sprechen über unsere Beziehung und ob und wie es weitergehen sollte, inwiefern es überhaupt weitergehen kann mit uns. Ich frage ihn: “Du hast einmal gesagt, selbst wenn es deinen Partner nicht geben würde, wäre ich nicht die zweite Wahl. Was bedeutet das?” Er atmet tief ein und sagt mit brüchiger Stimme: “Du wirst die Antwort nicht verstehen, aber bitte glaube mir, ich kenne sie.” – “Bitte sag’ sie mir trotzdem.” Er sieht lange zu Boden, Tränen laufen ihm über das Gesicht. “Weil du gehen wirst.” – “Nein, ich…” – “Ich weiß, das ist wieder so ein blöder Satz, aber du wirst es verstehen, wenn du älter bist. Ich habe es selbst erlebt. Du bist noch so jung, gerade erst in’s Berufsleben eingestiegen; wenn du nur wüsstest, was das mit einem macht! Du hast noch so viel vor dir, ein ganzes Leben! Vor zwanzig Jahren war ich ein vollkommen anderer Mensch. Ich bin so froh, diese ganze Scheiße nicht noch einmal durchmachen zu müssen, dieses ganze Leid.” Ich höre zu, kann nichts antworten. Nach einer kurzen Pause sagt er leise: “Schau’ mal, die Sache heute im Kaufhaus: so würde es immer sein. Hat mich so sehr getroffen, dass ich in dem Moment überlegt habe zu gehen. Stattdessen habe ich versucht es mit Humor zu nehmen.” – “Ich weiß, wir haben so sehr darüber gelacht, weil es so tragisch war. Ich habe den ganzen Tag darüber nachgedacht. Es tut mir so leid.” Ich drücke ihn an meine Brust und streichle ihm über den Kopf, wir weinen beide. Im Hintergrund läuft Die Nacht, sein zweites von insgesamt sieben Mixtapes für mich. Ich atme in seinen Nacken und spüre seinen Herzschlag. Ich flüstere die drei Worte in sein Ohr, die ich ihm seit Wochen nicht schreiben konnte, und sage: “Du bist so perfekt. Ich werde nie wieder jemanden treffen, der so ist wie du. Es ist unmöglich.” Er schaut auf zu mir, die Augen gerötet. Ich werde niemals jemanden treffen, der solch blaue Augen hat, denke ich, mit weißen Ringen darin, von denen du sagst, ich hätte sie entdeckt. Alle nach dir werden sich an dir messen müssen, du wirst unerreichbar sein, weil du genau das für mich bist. Er antwortet: “Ja, du hast leider Recht. Du wirst viele Menschen kennenlernen, aber niemals jemanden wie mich. Ich weiß es doch selbst. Noch heute, zwanzig Jahre später, tut es weh, wenn ich meiner ersten großen Liebe begegne. Du weißt, vor drei Wochen habe ich ihn getroffen, nach Jahren wieder. Ich konnte ihn nicht einmal ansehen… Ich verstehe dich und ich weiß: alles, was ich sage, macht es weder einfacher, noch besser für dich. Es hilft nicht weiter. Nicht dir, nicht mir. Du wirst es verstehen, wenn du so alt bist wie ich.”

In der Nacht küssen wir uns, wie habe ich seine Lippen vermisst, wir lächeln uns an. Ich flüstere, die Trauer auf meinen Lippen: “Ich habe die Liebe meines Lebens verloren, aber nicht dich.” Ich schlafe in seinen Armen ein und träume von einem Kaufhaus, in dem es anscheinend alles zu haben gibt, was ich mir wünsche. Ich schaue mich um und erkenne viele Träume und Ziele wieder, doch was ich mir am meisten wünsche gibt es dort nicht. Ich verlasse den Laden mit leeren Händen.

Jim Croce: Photographs And Memories.

Liebe Sue.

18. November 2011

Erst einmal möchte ich mich für die verspätete Antwort entschuldigen. Seit dem 10. November hat sich viel ereignet, und es fühlt sich für mich an, als ob sich in dieser einen Woche mein Leben mehrmals geändert hätte. Nicht mein Leben selbst, sondern die Möglichkeiten und Aussichten meines Lebens. Ich habe, nachdem du mir geschrieben hast, die Psychiatrische Notfallambulanz aufgesucht und mir dort helfen lassen. Deine Nachricht hat etwas in mir ausgelöst, sie hat den Eispanzer gesprengt, den ich dem Anschein nach in mir hatte. Einen Tag später habe ich zusammen mit Marcus beschlossen, dass ich wieder zu ihm ziehe. Dem Vermieter/Mitbewohner in der Übergangs-WG habe ich erklärt, dass ich nicht mit der selbst auferlegten Einsamkeit und dem neuen Leben klar komme, und dass die WG für mich kein Zuhause darstellt, dass ich mich dort unwohl fühle. Dass das Wasser, in das ich gesprungen bin, doch zu kalt für mich ist, und ich Unterstützung von Freunden brauche und nur einen Freund in Kassel habe. Also habe ich gekündigt, eine Woche nach meinem Einzug. Im Laufe der Woche habe ich mir ein Bewerbungsgespräch für einen neuen Job erarbeitet — das lief sehr gut und vielleicht komme ich in die Psychiatrie oder in’s Krankenhaus. Die nächsten Tage, Wochen und Aktionen habe ich auch schon geplant. Du siehst, in dieser einen Woche gab es kaum Freiraum in meinem Kopf. Es ist so vieles passiert, und deshalb schreibe ich dir erst heute.

Ich möchte mich bei dir bedanken. Deine Nachricht war nicht direkt der Auslöser für meinen Nervenzusammenbruch, aber der entscheidende Schubser. Das habe ich sehr gebraucht, denn plötzlich konnte ich klar denken und in meinem Kopf hat sich alles auf das Wesentliche reduziert. Ich wusste genau, was mich an der aktuellen Situation stört und was ich ändern muss, damit es mir wieder besser gehen kann. Ich konnte im Nachhinein sogar lächelnd einschlafen. An den Ereignissen der letzten Woche spielst du also eine Schlüsselrolle. Dafür danke ich dir.

Was das Freunde finden angeht: mittlerweile habe ich mich mit einigen Menschen getroffen, und das Einsamkeitsgefühl ist nicht mehr so stark. Ich habe meinen Freunden “aus der Heimat” geschrieben und sie angerufen, habe mir sogar überlegt, dass ich jedem meiner besten Freunde eine Postkarte schreiben werde, dessen Bild ich selbst fotografiere. Auch meinen Lieblingslehrern werde ich so eine Postkarte machen. Mit dem anderen Bundesfreiwilligendienst-Leistenden habe ich mich auch schon angefreundet und wir verstehen uns gut. Ich war sogar schon bei ihm zu Hause und nächste Woche möchte er mich ein paar seiner Freunde vorstellen. Es geht also voran.

Der Auszug aus der WG in ein Zuhause, dass ich bei Marcus sehe, ist die beste Entscheidung, die ich in dieser Woche getroffen habe. Ich freue mich sehr auf die kommende Zeit bei ihm und das trägt mich durch die Tage. Ich habe unterschätzt, wie unermesslich wichtig es ist, sich zu Hause zu fühlen an dem Ort, an dem man wohnt. Das ist tatsächlich die Grundlage für fast alles andere und ich kann nur darüber lächeln, wie achtlos ich mit dieser Tatsache umgegangen bin. Aber jetzt weiß ich es besser, jetzt hab’ ich’s gelernt und mache es richtig. Wohlfühlen geht vor Pflichtbewusstsein.

Manchmal aber habe ich noch das Gefühl, dass ich etwas verpasse. Vielleicht hätte ich den Jungen da drüben und das Mädchen dort hinten doch ansprechen sollen, vielleicht hätten wir uns gut verstanden und wären Freunde geworden. Vielleicht hätte ich das Leben eines Jemanden bereichert, und mir gleichzeitig das Leben gerettet. Vielleicht. Dieses Wort spüre ich dieser Tage so oft auf der Zunge. Das wird sich auch nicht so schnell wieder schlucken lassen, dafür ist es viel zu früh. Ich werde es mit mir tragen müssen und versuchen, es nicht auszusprechen, indem ich dagegen vorgehe und handle. Wenn ich mir denke “Oh, der sieht aber nett aus!” werde ich nicht erst überlegen, ob ich ihn ansprechen soll. Ich werde es einfach machen. Auch wenn ich scheitern sollte, wird es kein “Vielleicht…” und auch kein “Hätte ich doch…” geben. Ich habe nichts zu verlieren, ich kann nur noch gewinnen.

Und noch ein Dankeschön für diesen Song. Hat mir in den Momenten, in denen ich Ruhe gebraucht habe, sehr geholfen.

Mach’s gut und bis dann,

dein Hearty.

Eine seltsame erste Woche.

13. November 2011

Nachdem wir die letzten meiner Sachen in das WG-Zimmer abgelegt und über meine Mitbewohner geflüstert haben, führe ich Marcus aus der WG hinaus und die Treppen herunter, wie es ein guter Hausherr machen würde. Auf der Straße vor seinem Auto bleiben wir stehen und sprechen ein paar letzte Worte, bevor wir uns lange umarmen. Ich drücke mich fest an seine Brust und will nicht mehr loslassen, weil ich glaube, dass wenn ich los lasse, nichts mehr so sein wird wie vorher, ich vollkommen auf mich allein gestellt und einsam sein werde, dass ich schlagartig erwachsen werden und innerhalb von Tagen altern werde. Ich präge mir diesen Moment gut ein, den feinen Sprühnebel in der Luft, den matten Lichtschimmer auf den Pflastersteinen und die Dunkelheit in meinen Gefühlen. Und dann lasse ich los und verabschiede mich in ein neues Leben. Ich nehme die Verantwortung eines Erwachsenenlebens auf mich und decke mich zu und schlafe grübelnd ein.

In der ersten WG-Nacht träume ich davon, wie ich mehrmals von Bene umarmt werde. Die Schauplätze des Traumes ändern sich nur minimal, immer ist es ein Bahnhof, an dem ich auf Bene treffe. Er umarmt mich kurz vor Abfahrt eines Zuges, kurz nach Ankunft eines Zuges und auch während eines Zwischenhalts. Ich bin umgeben von Zügen und Menschen, und alle sind auf der Reise und stehen unter Stress oder Zeitdruck. Nur Bene steht still und wartet auf mich, ist immer freundlich, steht immer mit offenen Armen da. Ich wache frierend auf und weine, weil ich meine Freunde vermisse und mich nicht wohl fühle in der WG.

Ich brülle mit aller Kraft, dass ich sie liebe, und Sezen Aksu hört es, blickt mich an und antwortet vor allen Besuchern des Konzerts: “Aber ich mache doch gar nichts, junger Mann!” Das ist der Moment, an dem meine Sicherungen durchbrennen und ich keine Kontrolle mehr über meine Gefühle habe. Ich weine und ich lache mit ihr, bin während des ganzen Konzerts in Ekstase.

Später kämpfe ich mich zu ihr vor und warte den richtigen Moment ab, um ihr zu sagen, dass ich der junge Mann bin, der sie liebt. Sie lächelt mich an und ihre Augen strahlen. Ich frage sie, ob sie mir das in meinen Händen befindliche Album signieren kann. Sie sagt “Natürlich!” und fragt mich nach meinem Namen. Ich sage ihn ihr. Und während sie meinen Namen auf das Album schreibt, schlägt mein Herz so heftig, dass ich Angst habe, es könnte gleich aus meiner Brust herausspringen. Ich bedanke mich bei ihr und lehne mich vor, küsse ihre Stirn und flüstere: “Gönül ektiğini biçiyor.”

Die Nacht nach dem Konzert verbringe ich bei Harvey. Wir sprechen über vielerlei Dinge, und irgendwann ist das Licht aus und wir liegen beide im selben Zimmer und lauschen unseren Atemgeräuschen. Doch schlafen können wir nicht, so erzählen wir uns Geschichten und sprechen über Träume. Ich erzähle ihr von dem Traum mit Bene und dass vielleicht die Umarmung von Marcus der Auslöser sein könnte, doch sie geht analytischer an die Sache heran und weist drei Deutungsmöglichkeiten auf.

  • Der Traum gibt dein derzeitiges Leben wieder, immer bist du auf der Reise, machst keinen Halt, hast keine Ruhe. Am meisten fehlt es dir, von einer vertrauten Person umarmt zu werden. Dir fehlt Halt.
  • Jede Figur im Traum ist man selbst, und du gibst dir in der Form von Bene, was du am meisten brauchst: Halt und Wärme. Du gibst dir selbst, was du brauchst. Du kannst dich selbst umarmen, du kannst selbst für dich sorgen.
  • Wohin du auch gehst, immer wirst du auf Freunde treffen, die für dich da sind, dich mit offenen Armen erwarten. Du wirst nie einsam sein, auch wenn du das manchmal denkst.

“Wie auch immer man es deutet, der Traum ist immer positiv und sehr schön”, sagt sie. “Vor allem aber schön, auch wenn er dich traurig stimmt.”

In meinem Rucksack trage ich die Einkäufe für den Kühlschrank nach Hause, und in meinen Händen halte ich einen zusammengefalteten Karton und dessen Deckel. Ich laufe über die Hauptstraße, die quer zu meiner neuen Adresse verläuft, und frage mich, wie ich Teil dieser Stadt werden und ein paar Freundschaften schließen und mich einleben kann. Ich betrete den Bürgersteig und mir laufen drei Mädchen im Grundschulalter entgegen. Die optisch größte der Dreien fragt mich mit einer äußerst mutigen Stimme: “Entschuldigen Sie bitte! Brauchen Sie den Karton noch?” Ich realisiere erst gar nicht, was vor sich geht und freue mich darüber, dass ich zum ersten Mal auf der Straße angesprochen werde, dass ich doch nicht nur ein Fremder in dieser Stadt bin, der allein durch die Straßen zieht. Ich freue mich so sehr, dass ich milde lächelnd antworte: “Nein, ich brauche den Karton nicht. Kannst du gerne haben!” Ich reiche dem kleinen Mädchen den großen Karton, das Mädchen bedankt sich strahlend und geht mit ihren Freundinnen weiter. Ich blicke den drei Kindern noch eine Weile hinterher, lächle über meine Reaktion und drehe mich dann um. Und als ich vor mich hin blicke, habe ich weder einen Karton in der Hand, noch Freunde, deren Hände ich halten kann.

Kurz nach Mitternacht schlägt Marcus vor, dass ich wieder zu ihm ziehen und bis zu meinem eigentlichen Umzug im Februar bei ihm wohnen kann. Er sagt, dass ich erst einmal einen Ort zum Wohlfühlen brauche, ein Zuhause, und dass das wichtiger ist als alles andere. Ich schlafe eine Nacht darüber und nehme am nächsten Tag den Vorschlag an. Aus Pflichtbewusstsein in der Übergangs-WG zu wohnen wäre mir selbst gegenüber falsch und unaufrichtig. Für mich ist das Zimmer in der WG einfach nur ein Zimmer, in dem meine Sachen stehen, und nicht mein Zuhause. Ich wohne dort nicht gerne und die Kündigung nach nur einer Woche ist den Mitbewohnern gegenüber scheiße, doch letztlich nur konsequent.

Stunden später.

27. Oktober 2010

Und noch Stunden später liege ich leblos unter meiner Bettdecke, mit dem feinen Unterschied, dass ich nun Musik höre, um mich nicht einsam zu fühlen. — “If You Wanna Make The World A Better Place / Take A Look At Yourself, And Then Make A Change” — Und ich sehe wieder mein Gesicht im Spiegel und weiß nicht, wo ich anfangen soll. Ich möchte etwas ändern, und wie ich das möchte! Doch was, was um Himmels Willen soll ich an mir ändern und wo soll ich anfangen, damit die Welt eine bessere wird? Ich drücke mir die Hände in’s Gesicht und spüre meine Verzweiflung. Als meine Reflextränen verdunstet sind, öffne ich meine Augen und nehme wahr, dass ich im Schein des Mondes liege. Blass und kaum sichtbar schimmert meine Haut. Soll ich nach draußen gehen? Was soll ich dort machen? Viel wichtiger: wohin soll ich gehen oder zu wem? Ich habe niemanden, der mich in den Arm nehmen könnte, auf dessen Schoß ich liegen und mich ausheulen könnte, nachts um 01:32 Uhr.

Ich umarme meinen Teddybären und drehe mich um.

Am Ende.

26. Oktober 2010

Morgens stehe ich vor dem Spiegel und sehe mich selbst, wie ich mich kenne. Abends stehe ich wieder vor dem Spiegel und sehe noch einmal in meine Augen. Nachts liege ich stundenlang im Bett und kann nicht schlafen, weil der Schmerz dafür sorgt, dass ich meine Augen nicht schließen kann. Mein Herz schlägt selten, ich fühle mich schwer beladen. Ich blicke leblos in die Dunkelheit und erkenne, dass mich niemand kennt. In meinem Kopf rauscht das Blut, um die Leere zu übermalen. Ich denke an nichts, an gar nichts. Ich lausche meinem Atem und meinem Herzschlag, fühle mich versunken und allein. Bleib’ endlich stehen und mir laufen die Tränen über’s Gesicht. Ich bin am Ende.

Tiefblauer Himmel.

25. März 2010

“Eine Übelkeit erregende Frische in der kalten Reglosigkeit eines lauen Meeres.”

Die Banalität meines Lebens zeichnet sich in den von der Sonne vergoldeten Wolken ab. Kleine Schäfchen in der Obhut des Himmeldaches.

Eines dieser Schäfchen ist klar und deutlich zu erkennen; es ist reiner in seinem Weiß als alle anderen.

Während die anderen zu einem aschgrauen Sumpf der Allgemeinheit verschmelzen, steht das weiße Schäfchen einsam am Rande des Teiches. Tief im Inneren ist es glücklich über seine weiße Einsamkeit im Blau des Himmels, welcher so blau ist, wie es ein Himmel nur sein kann.

Das Schäfchen hat gelernt, mit der weißen Einsamkeit zu leben; sie ist Freund und Begleiter und immer in der Gedankenlandschaft vorhanden. Insgeheim hofft das Schäfchen, dass die goldene Sonne der Klarheit die aschgraue Masse entzwei teilt und der Einsamkeit ein Ende setzt.

Er wird kommen, dieser himmelblaue Tag, an dem sich die Schmetterlinge der Verlockung auf den weißen Flieder der Zweisamkeit setzen werden.

Landschaften aus dem Bilderbuch der Träume ziehen an mir vorbei.

“Alles fesselt mich und nichts hält mich.”

Ich liebe diesen Satz.

Fragmente meiner Trauer.

16. März 2010

Ich bin mir selbst und meinen Freunden fremd geworden; einsam hänge ich zwischen Leere und Leben. Ich könnte schreien, heulen, zerstören und niederbrennen, doch all das würde mir nichts bringen.

Vorhin, als ich den Weg in Begleitung des Regens nach Hause lief, wurde mir klar, wie groß der Brocken ist, der meine Seele zermalmt.

Meine Augen stehen unter Tränen, doch ich bin nicht fähig, sie frei zu lassen. Ich bin gefangen in diesem Körper, gefangen in dieser Welt. Ich bin stumpf wie ein sprödes Messer, das nicht in der Lage ist, tief ins Fleisch zu schneiden. Ich möchte mich spüren, möchte endlich leben; nicht dieses elendige, sondern ein anderes Leben. Ich warte und warte, doch nichts geschieht, nichts ändert sich, alles wendet sich dem Schlechten hin. Ich möchte schreien, sodass mich jeder hören kann, doch ich bin heiser, habe keine Kraft für einen Hilfeschrei.

Niemand sieht MICH, niemand sieht, wie schlecht es mir geht, denn ich trage eine Maske, eine verdammte Maske. Ich kann sie weder abreißen, noch abschaben. Und so leide ich Tag für Tag.

Verdammt, jetzt kommen die Tränen.

Und während ich das schreibe, lenke ich mich ab. Ich höre Musik, lese Bücher und Blogs, lese von eurem Leben. Doch in Wirklichkeit belüge ich nur mich selbst. Ich bedecke meine Wunden, dabei weiß ich doch, wie stark ich blute. Diese Krusten, sie platzen immer wieder auf.

Es gibt niemanden, der mich in den Arm nimmt, der mir die Tränen von den Wangen wischt, der für mich da ist.

ICH BIN EINSAM.

In euren Augen bin ich der [Name], der “weise, türkische Junge”. Doch ich bin nicht weise. Mir fällt nicht einmal ein, was ich tun könnte, um mir das Leben zu erleichtern.

Ich bin eine Bombe, ich höre mich ticken. Ich weiß nur, dass ich bald explodieren werde.

Je mehr ihr mich drückt, in den Arm nimmt und mich tröstet, desto klarer wird, was allgemein bekannt ist: Das alles ist letztlich auch nur virtuell.

“Es ist real, aber woanders.” – Ja, das ist es. Woanders, und nicht bei mir.

Das einzige, an das ich mich festhalten kann, ist dieser Teddybär. Die einzige Konstante in meinem Leben, seit meiner Geburt und für immer.

Ich weiß nicht, “was besser wäre”. Morgen werde ich aufwachen und wie jeden Tag den selben Scheiß durchmachen und mich selbst dabei wieder vergessen.

Ich habe so sehr gehofft, dass sich auf dieser neuen Schule vieles ändert, das ich endlich Leute finde, die so ähnlich sind, wie ich es bin.

Es ist nicht der Leistungsdruck, der mich niedermacht. Es ist die Enttäuschung über mich und diese Entscheidung. Ich konnte nicht wissen, dass es so kommt, das ist mir klar. Doch das Schlimmste ist dieser Knebelvertrag. Die Schulgebühren müssen bezahlt werden, selbst dann, wenn ich die Schule verlassen würde. Ich habe 1 1/2 Jahre vor mir. Meine Noten sind gut und stabil, mein Zustand ist es nicht.

Sie hat mich betrogen, die Hoffnung, diese kleine Hure. Sie hat mein Leben zerstört, hat aus Ruinen Staub gemacht.

Ich habe einen Plan für morgen: Ich werde das Haus um 6.15 Uhr wie immer verlassen, doch nicht zur Schule gehen. Ich werde eine Psychologin aufsuchen, vielleicht kann sie mir helfen. Ich kenne viele Psychologen, da mein alter Klassenlehrer sehr interessiert darin war, und ich da so “reingerutscht” bin.

Und wieder muss ich auf die Hoffnung setzen, auf diese Hure, die mir immer und immer wieder die Kraft gibt, das alles durchleiden zu können.

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