Existenzerhaltungstheater.

9. März 2010

Durstig wache ich auf, weit und breit keine Wasserflasche in Sicht. Zu müde, um die Treppen herunterzulaufen; zu durstig, um einfach wieder einzuschlummern. Ich rede mit mir selbst, unhörbar. Im Nachhinein kann ich mich nicht mehr an den Inhalt meines Selbstgesprächs erinnern, doch ich weiß, dass ich ein Selbstgespräch geführt habe. Es war eher so “Frage-und-Antwort”-mäßig. Nach ein paar Minuten bin ich wieder eingeschlafen.

Traumbeschreibung:
Ich befinde mich in einer Stadt, sie kommt mir bekannt vor, doch ich kenne ihren Namen nicht. Mit einer Person, ich glaube, jemand aus der näheren Verwandtschaft, laufe ich eine Straße entlang. Es ist dunkel, die Straßenlaternen leuchten gelblich-orangeartig. Die Straße ist eher ein Gasse, oder sogar ein Pfad. Ich erinnere mich an Erde und wie diese unter meinen Schuhen knirschte.

Zusammen mit dieser Person betrete ich ein Haus. Meine Erinnerung sagt mir, dass das Haus aus Lehm oder so etwas ähnlichem gebaut war und die Form einer Halbkugel hatte. In diesem Haus befand sich ein dicker Herr. Es war unglaublich heiß, ich glaube mich an einen Bachofen zu erinnern. Brot?

Filmriss.

Ich erinnere mich an vier Jugendliche, die einen Jungen verfolgen. Ich schätze, dass diese Jugendlichen um die 20 Jahre alt waren, genau wie dieser Junge. Ich und dieser Junge rannten so schnell wir konnten und versteckten uns in einer Seitengasse. Ich glaube, dass wir eine Treppe hochgerannt sind. Ich befinde mich in einem Badezimmer und kann von der Tür aus den Jungen die Treppen hoch rennen sehen. Ich rufe ihn herbei, und als er das Badezimmer betritt, schließe ich die Türe und drehe den Schlüssel um.

Was dann genau passiert, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich zusammen mit diesem Jungen onaniert habe. Ich sehe das Sperma auf dem Boden, dann sehe ich das Gesicht und die Augen des Jungen. Sein Blick ist traurig.

Und in diesem Moment wache ich auf. Meine Boxershort ist gefüllt und entsprechend verklebt. Die letzten Tropfen verlassen meinen Körper.

Es ist 4.50 Uhr. Ich liege da und frage mich, welche Bedeutung dieser Traum hat. Je mehr ich versuche, mich an die Details zu erinnern, desto trüber werden meine Erinnerungen. Ein eigenartiger Traum.

Feuchte Träume im Zusammenhang mit Jungs habe ich selten, fast nie. Ich verstehe nicht, was mir das alles sagen soll.

Den Inhalt des Traumes kenne ich nicht. Doch ich weiß, dass er spannend war. Ich erinnere mich an Gefühle und matte Gesichter / Gesichtsausdrücke. Es ist, als hätte ich ein Buch gelesen, dessen Geschichte ich vergessen habe, von der ich aber weiß, das sie aufregend war.

Die letzten Wochen waren langatmig und monoton. Vielleicht versucht mein Geist, mich “am Leben” zu beteiligen, in dem er mir packende Abenteuer vorspielt. Eine Art Existenzerhaltungstheater.

Mein Leben ist langweilig und meine Phantasie ist bunt. Manchmal treffen sich diese beiden Welten und veranstalten eine farbenprächtige Orgie. An solchen Tagen stehe ich unter Strom.

Ich brauche keine Drogen, ich habe meine Phantasie.


Donnerstag, nachmittags.

9. März 2010

Seit zwei Wochen versuche ich, diesen einen Donnerstag in einen Text zu bannen, doch es gelingt mir nicht. Das deprimiert mich.

Es war ein Gespräch, wie kein anderes; besonders in der jeglicher Hinsicht. Ich konnte und kann es nicht festhalten.

Vielleicht gibt es Dinge, die man nicht verewigen sollte. Und vielleicht gehört diese Konversation zu diesen Dingen.


Donnerstag, mittags.

2. März 2010

12.00 Uhr. Mein Regional Express fährt ein. Ich habe mich bewusst gegen die S-Bahn entschieden, denn die Schneedecke über Stuttgart ist geschmolzen und endlich kann ich wieder etwas anderes als schwarz, grau und weiß sehen.

Während meiner Fahrt schmökerte ich in meinem RSS-Reader; als ich diesen Blogpost las, musste ich irgendwie an Paul denken. Die Frage “Wie oft masturbieren Sie am Tag?” konnte ich schnell beantworten: Keinmal. In letzter Zeit einmal in drei Wochen.

Ich fühlte mich ein bisschen dreckig, da ich nicht geduscht hatte. Ein schlechtes Gewissen hatte ich nicht.

Es deprimiert mich, dass ich kaum Zeit für mich selbst habe. Ich wusste an diesem Tag nicht einmal, warum ich überhaupt noch in diese Schule fuhr. Ich hätte mich auch in ein Café setzen können. Hat es sich zu einem Zwang entwickelt?

Was würde Paul jetzt dazu sagen? Was würde er mir raten? Und wie geht es ihm überhaupt?

Seit Monaten habe ich nichts mehr von ihm gehört. Ich habe etliche Male versucht, ihn zu erreichen, doch entweder war er (angeblich) nie da, oder er hat meine Anrufe und Nachrichten in Form von SMS/eMail/Mailboxaufnahmen ignoriert. Sollte ich einfach mal bei ihm vorbeischauen? Was würde ich mit ihm reden? Könnte ich das überhaupt?

12.30 Uhr. Hauptbahnhof Stuttgart. Ein hässlicher Bahnhof. Ich lasse mir Zeit beim Aussteigen, denn ich habe sie ausnahmsweise zur Verfügung. Ich laufe so langsam wie möglich über die abgenutzten Steinplatten. Dabei erkenne ich Dinge, die ich morgens nie sehe. Bin ich blind?

Die S-Bahn in den Stadtteil, in dem meine Schule liegt, fährt in zehn Minuten. Acht davon verbringe ich auf einer Sitzbank, indem ich Menschen beobachte. Hektisch bis gelassen, jede Sorte ist vertreten. Interessanterweise sind die Leute an diesem Tag bunter als sonst angezogen.

Zwei Minuten dauerte mein Weg von der Sitzbank zur S-Bahn. Die stickige Luft im Waggon war nicht zu ertragen, doch mein Ziel war bald erreicht.

13.00 Uhr. Der Bus fährt um 13.07 Uhr. Und wieder schlage ich meine Zeit mit Beobachten tot. Das gefällt mir, ich mag es, dem Lauf von Dingen zuzuschauen. Es beruhigt und macht mich irgendwie glücklich.

Ich sehe, wie eine Mutter ihrem Kleinkind eine Brezel kauft, wie Tauben die herunterfallenden Krümel aufsammeln und wie andere Passanten den Tauben noch mehr Brotartiges auf den Boden werfen. Ich sehe, dass die Wilhelma die Papageien freigelassen hat und ich höre, wie diese kreischen. Ich sehe, wie das Wasser vom Brunnen gegenüber herabplätschert; vielleicht tut es das zum ersten Mal. Der Stein, aus dem das Wasser quellt, wirkt trocken und spröde. Bald wird sich eine feine Schleimschicht auf ihm absetzen. Eine Art Schutz vor der Außenwelt.

Ich erblicke viele, sehr viele Menschen auf den Straßen. Die meisten tragen eine Tüte oder ein Kind an der Hand. Besonders die älteren Damen und Herren stechen heraus. Sonst sieht man sie selten, weil sie grau und unscheinbar gekleidet sind. Doch heute sehe ich viele prächtige Farben an ihnen haften: Blutrot und sonnengelb, grasgrün und königsblau. Ein buntes Meer bestehend aus Menschen und ihren Fassaden.

13.08 Uhr. Der Bus hat Verspätung, doch er ist da. Im Inneren sitzen nur eine Hand voll Menschen. Die Gesichter sind mir unbekannt. Woher sollte ich diese auch kennen?

13.15 Uhr. Eine Kindergarten-Gruppe steigt in den Bus ein. Nein, eigentlich waren es Krabbelgruppenkinder. Ein kleiner Junge mit blauen Augen und blonden Haaren wird neben mich gesetzt. Er ist eigentlich ganz niedlich, doch das chinesische Mädchen gegenüber ist viel süßer. (Wird man gleich zum Pädophilen, wenn man so etwas schreibt?)

Der Junge fragte in den Raum: “Wo fahma hin?” Seine Betreuerin antwortete: “In den Kindi!” Der Junge: “Des holport aba! Des holport!” Dann guckte er verdutzt um sich. Sein Blick blieb an mir haften. Er setzte eine ernste Miene auf und spitzte seine Lippen. “Un wo fahrs du hin?” Seine kleinen Augen hatten mich fest fixiert, die Betreuerin grinste und wartete gespannt auf meine Reaktion. Ich sagte: “Ich fahre in die Schule!” Und plötzlich wurden seine Augen groß. Die ernste Miene war verschwunden; ein strahlendes Kind saß nun neben mir. “Wenni groß bin, dann gehi au in Schul.” Das chinesische Mädchen klatschte und bemerkte, so ganz nebenbei: “Ick au! Aba alleine! Un mi Tasche!” Beide Kinder musterten sich und kicherten ein bisschen.

In diesem Moment wusste ich, dass ich etwas Gutes getan hatte.

(Diese Kinder träumen davon, groß und stark zu werden, um dann in die Schule zu gehen. Im Gegensatz dazu träume ich davon, groß und stark zu werden, um nicht mehr in die Schule gehen zu müssen.)

13.20 Uhr. Ich stehe auf und verabschiede mich von den Kindern. “Tschühüss!” “Du geh jez in Schul!” Eine ältere Dame starrt mich an, als sei ich ein Kinderficker. Ich glaube Zähneknirschen zu hören.

Warum wird man gleich blöd angemacht, wenn man Kinder zum Lachen bringt, ihnen etwas mitgibt? In der ZEIT lese ich etwas von Kindesmissbrauch. Hmm.

13.30 Uhr. Zehn Minuten dauert mein Weg von der Bushaltestelle den Berg hoch ins Schulgebäude. Ich habe den Matheunterricht und den Deutschunterricht verpasst. Who cares? Der Content dieser Fächer langweilt mich eh. Dem Kultusministerium fällt nichts besseres ein, als den Schülern die Inhalte der vergangenen Jahre zuzumuten. Gleichgültiges Pack! Ich verstehe die Schulschwänzer. Teilweise. Zwar ist das mein erstes “freiwilliges Fehlen”, doch ich kann nachvollziehen, warum tausende Schüler und Studenten einfach nicht in den Lehranstalten erscheinen: Der Inhalt ist langweilig, die Lehrbeauftragten sind zum Kotzen und die Lernbedingungen unzumutbar.

Ich hole etwas weiter aus: Ich habe mich letztes Jahr für eine weiterführende Schule entschieden, die mir damals aufgrund ihrer fachlichen Ausrichtung sehr gefiel. Damals, als ich mit meinem Vater auf der Info-Veranstaltung war. Dort wurde die Schule als “Wunder des Schulsystems” angepriesen. Ich bin natürlich darauf reingefallen und habe mich dort registrieren lassen.

“Die Fächer entsprechen mehr oder minder meinen Interessen”, dachte ich. Nun, der erste Monat in dieser Schule war schon etwas besonderes. Ich fühlte mich wohl. Die Versprechen der Informationsveranstaltung wurden eingehalten. So weit, so gut. Doch dann ging es richtig los. Montag bis Freitag von acht bis siebzehn Uhr. Anfangs nahm ich an, dass ich das meistern könnte. “Ist ja genau mein Ding!” Eben nicht. Inzwischen hat sich der Unterrichtsstoff in einen Bereich verschoben, der dem Ursprünglichen kaum noch entspricht. Und das allerschlimmste: Der Stoff wird vom Ministerium vorgegeben.

Bitte, liebes Kultusministerium, versuche dich nicht in technischen Dingen. Ich glaube, und davon bin ich fest überzeugt, dass du keine Ahnung von der Welt da draußen hast. Wie kannst du uns SO ETWAS nur zumuten? Für mich bist du ein altbackenes Stück Scheiße. Wir sollen Dinge lernen, deren Entwicklung schon vor Jahren eingestellt wurde!? Hast du dich JEMALS in der Computer- und Internetwelt umgesehen?

Ich wünsche mir eine Revolution. Ich möchte ein neues Schulsystem.

Selbst meine Freunde, die sich für andere Schulen entschieden haben, sagen das selbe: es ist unzumutbar.

Doch wir haben es so gewollt, wir müssen das ertragen. Wer achtet schon auf die Meinung von Schülern und Studenten?

13.35 Uhr. Ich stehe vor der Tür ins Klassenzimmer, bin ein bisschen unsicher. Eine Ausrede habe ich schon: Ich musste mir beim Arzt Blut entnehmen lassen. Ein Attest kann ich nicht vorlegen, weil ein solches fünf Euro kostet und ich erstens kein Geld und zweitens keine Lust hatte, für dieses Stück Papier zu zahlen.

Ich betrete also das Klassenzimmer und werde von einem “Woah! Du kommst aber früh!” begrüßt. Ich glaube, dass ich selbstsicher gelächelt habe. An meinem Platz saß die einzige Person aus dieser Klasse, mit der ich mich anständig unterhalten kann. Der Platz daneben war frei, also setzte ich mich dort hin.

“Ich trage Sie dann ‘mal als anwesend ein.” höre ich den Herrn Lehrer sagen. Schön, dass ich “anwesend” bin. Und daraufhin verlässt er das Klassenzimmer. Jetzt ist also Pause.

13.45 Uhr. BWL ist ein Fach, das ich wirklich mag und in dem ich gut bin. Obendrein haben wir eine kluge Frau Ende 30 als Dozentin; Sie hat einen schwarzen Humor und das schätze ich sehr an ihr.

Jessica, das Mädchen, das auf meinem Platz saß, wirkte angeschlagen. Als ich sie darauf ansprach, reichte sie mir ihr Handy und blickte betrübt aus dem Fenster.

Ich kann mich zwar nicht an den ganzen Text erinnern, doch die letzten Zeilen der SMS waren folgende: “Such dir jemand anderen für ernste Gespräche.”

Ich reichte ihr das Handy zurück und sie sagte, dass wir nachher über etwas reden müssten.

15.20 Uhr. Der Unterricht ist beendet. Jes und ich sind die letzten, die das Klassenzimmer verlassen. Wortlos laufen wir den Gang entlang. Wir beide wissen, dass unausgesprochene Worte im Raum hängen. Doch hier können wir nicht reden. An der Bushaltestelle mussten wir fünf Minuten warten, ehe der Bus eintraf.

“Dass du jetzt noch gekommen bist, hat sich aber voll gelohnt!” höre einen Klassenkameraden grölen. Seine hässliche, hinterhältige Lache enerviert mich. “Ich mag BWL.” “Jaja, würde ich jetzt auch sagen!” Ohne ein weiteres Wort aus mir zu lassen, steige ich den Bus ein.

Ich habe keine Lust, mich mit hirnamputierten Jugendlichen herumzuschlagen. Ich schweige und gut ist.

15.40 Uhr. Die Busfahrt über habe ich Musik gehört, damit mich keiner anspricht. Jes ebenfalls. Am Bahnhof haben wir uns dann von den anderen verabschiedet und uns auf eine Bank im Freien gesetzt.

[Fortsetzung folgt…]


Donnerstag, morgens.

28. Februar 2010

5.40 Uhr. Weckerklingeln. Eigentlich müsste ich jetzt aufstehen, doch auf mir lastet ein Sack Zement. Der gestrige Tag war kräftezehrend. Mir fehlt die Kraft und die Lust, ein einhalb Stunden durch die Gegend zu fahren, nur, um mich in einen Betonklotz zu setzen. Ich stellte den Wecker 20 Minuten vor.

6.00 Uhr. Würde ich jetzt aufstehen, könnte ich den Bus noch erwischen. Aber ich habe meine Tasche noch nicht gepackt und die Hausaufgaben von Dienstag nicht erledigt. Nein, ich werde mit dem 6.48 Uhr Bus fahren, dann komme ich zwar zu spät, aber das ist egal. Mathematik war mir nie wichtig.

6.25 Uhr. Es reicht mir. Ich werde nicht in die Schule gehen.

7.30 Uhr. Meine Mutter betritt das Zimmer und ist verwundert darüber, dass ich noch im Hause und nicht schon längst unterwegs bin. Als sie mich fragt, ob ich den Bus verpasst habe, erzähle ich ihr, dass die ersten beiden Schulstunden ausfallen würden, da der Lehrer krank sei. Eine dicke, fette Lüge. Sie glaubt mir, eine andere Option hat sie nicht.

Von meinem Schulleben bekommt meine Familie so gut wie gar nichts mit. Ich erzähle nicht gerne davon, denn es läuft fast immer gleich ab. Zudem möchte ich nach 12 Stunden Unterricht, Hin- und Rückfahrt nicht mehr darüber nachdenken, geschweige denn, davon sprechen.

Meine Mum öffnete das Fenster und verließ daraufhin leise mein Schlafgemach. Ein paar Minuten später hörte ich ein “Tschüss!” und das Zuknallen der schweren Haustüre.

10.00 Uhr. Zum ersten Mal in diesem Jahr werde ich von Sonnenschein geweckt. Mit einem Lächeln im Gesicht bleibe ich noch ein bisschen liegen. Mein warmes, von der Sonne bestrahltes Lächeln wird größer, als ich die ersten Vögel zwitschern höre. Die hereinströmende Luft ist angenehm; nicht zu kühl, nicht zu warm. Ist nun endlich der Frühling da?

So entspannt, so gelassen, wie in diesem Moment war ich schon lange nicht mehr. Meine Trägheit war wie weggezaubert. Was so ein kleines bisschen Sonne auslösen kann, fasziniert mich immer wieder aufs neue.

10.10 Uhr. Das Hupen eines Autos reißt mich aus meinem Sekundenschlaf. Ich überlege kurz, was ich machen könnte und schaue dabei auf die Uhr. Ich spüre die Erektion, die sich unter der Bettdecke anbahnt. Nun ist mir klar, was ich machen werde.

Ich versuchte mich an meine letzte Masturbation zu erinnern, doch es gelang mir nicht. Ich konnte nur den Zeitpunkt eingrenzen: Mitte/Ende Januar.

Ist es nicht ein bisschen seltsam, dass sich ein Jugendlicher nicht an seine letzte Masturbation erinnern kann?

Wahrscheinlich fehlt mir die Zeit. Und die Lust. Wenn ich zu Hause ankomme, möchte ich nichts anderes als warmes Essen und mein kleines, feines Bett. Dieses ständige Erschöpftsein bedrückt mich. Ich möchte mich nicht bewegen und auch nicht mit irgendjemanden reden. Ich möchte einfach nur daliegen und Musik hören. Alleine sein.

10.15 Uhr. Ich schalte den Computer ein, setzte das “Privates Surfen”-Häkchen im Browser und grase die mir bekannten Porno-Seiten ab. Kaum neues, das mich anspricht. Also doch wieder die Favoriten.

11.00 Uhr. Ich bin fertig und ein bisschen außer Atem, doch ich fühle mich gut. Seit Wochen hatte ich dieses Verlangen nach Befriedigung; nie habe ich es erfüllt. Keine Zeit, keine Lust, keine Gelegenheit.

Als ich auf die Uhr schaute, wurde mir klar, dass meine Lüge auffliegen würde, wenn ich jetzt noch im Haus bliebe. Der nächste Bus in die Stadt würde um 11.18 Uhr fahren. Ich musste mich beeilen, fürs Duschen reichte mir die Zeit nicht. Ich packte meine Tasche, Inhalt: Mäppchen und BWL-Ordner, zog mich an und machte mich auf den Weg zur Bushaltestelle. Zuvor habe ich natürlich meine digitalen und analogen Spuren beseitigt und versucht, ein bisschen Hygiene zu schaffen.

11.20 Uhr. Zum allerersten Mal überhaupt scheint die Sonne, während ich mit dem Bus durch die Landschaft fahre. Dieses warme, fast herzliche Gefühl, das Sonnenstrahlen auslösen können, glaubte ich fast vergessen zu haben. Auch die Menschen um mich herum scheinen wohlauf zu sein. Sonst sind sie wie starre Puppen: sprachlos, ausdruckslos, gleichgültig. Doch an diesem Tag hatten sie ein Lächeln im Gesicht, so wie ich.

Aus meinem iPod tönte laut und intensiv der Song, den ich über den Winter hinweg sicher hunderte Male gehört habe: “Güneş olmalı, sıcak hep sıcak. Çiçek olmalı, solmayan onu bulmalı. Yağmur olmalı, sakince ince yağmalı. Durulmalı. Durulmalı. Durulmalı.” Endlich wurden diese Worte wahr.

[Fortsetzung folgt…]


Zement.

24. Februar 2010

Über den Tag hinweg fallen mir hunderte Gedanken in die Hände, die alle darauf warten, niedergeschrieben zu werden. Von Stunde zu Stunde steigt das Volumen dieser Gedanken, doch schon bald purzeln die ersten Bruchstücke zu Boden und zerschellen wie ein Glas in der Unruhe.

Unruhe. Davon wollte ich eigentlich schreiben. Jedoch lastet die Erschöpfung eines langen Tages auf mir, als wäre sie ein schwerer Sack Zement.

Vielleicht sollte ich mich einbetonieren lassen. Lebendig.


Wahrheit.

21. Februar 2010

Wahrheit soll die Grundlage dieses Webblogs werden. Reine, kristallklare Wahrheit.

Noch ist mir dies nicht möglich.

Ich möchte ein Phantom sein, dass sich nicht der Wahrheit wegen sorgen muss.

Doch bald, sehr bald werde ich das Puzzle meiner Geschichte aus mir herausschütteln und es langsam, aber wahrheitsgetreu zusammensetzen.

Wünscht mir Glück.


Backofen.

20. Februar 2010

Ich habe Pommes Frites beim Werden zugeschaut. Das mache ich normalerweise nie, jedoch erschien es mir heute, aus unerfindlichen Gründen, als sehr amüsant.

Während ich also durch das Glas schaute, kam mir der Gedanke, dass das Leben im Grunde nichts anderes ist, als ein überdimensionierter Backofen.

Wir sind die Pommes Frites, die einer unzumutbaren Hitze ausgesetzt werden. Unser “Auftrag” ist es, letzten Endes als goldbraune, knusprige und wohlschmeckende Kartoffelspeise den Ofen zu verlassen.

Irgendwie gefällt mir dieser Gedanke, denn er lässt sich sehr gut auf das “wahre Leben” übertragen.

Es gibt lange und kurze, dicke und dünne Pommes Frites Stückchen. Manche werden schneller, wie sie sein sollen, andere werden es nur sehr langsam oder gar nicht. Wie man letztendlich wird, hängt von der Beschaffenheit jedes einzelnen Kartoffelstäbchens und dem Milieu ab, in dem sich dieses befindet. Nur selten kommt es vor, das sich ein Stäbchen von seiner Umgebung lösen kann. Die Hitze ist eiskalt, kennt kein Erbarmen.

Ja, dieser Gedanke gefällt mir wirklich. Nur weiß ich nicht, zu welcher Art von Fritten ich gehöre. Das wird sich zeigen, in den nächsten Jahren und Jahrzehnten.

Fragen über Fragen: Was passiert mit uns, wenn wir angerichtet sind, der Backofen also seine Aufgabe erledigt hat? Was passiert mit dem Tablett, auf dem wir alle liegen? Wie ist “die Welt” außerhalb des Backofens? Was ist, wenn jemand den Stecker zieht?

Doch die wichtigste aller Fragen, in diesem Kontext, ist: Wer hat zu bestimmen, wann wir goldbraun, knusprig und wohlschmeckend sind?


Leere.

19. Februar 2010

Auf einer Straße stehe ich, mitten auf einer verlassenen, menschenleeren Straße. Ich laufe, blicke nicht zurück. An dem Punkt, an dem die Dunkelheit meinen Weg kreuzt, glaube ich eine Person zu erkennen. Ist das ein Traum?

Der Himmel schwarz wie Kohle, die Wolken grau wie Asche. Blitze unterbrechen die herrschende Finsternis. Straßenlaternen zittern, als seien sie Unterworfene des Gewitters. Ihr flimmerndes Licht verwischt im Regen, während der Asphalt zart zu schimmern beginnt.

Diese Nacht ist einsam. Diese Nacht ist dunkel.

Es gibt nur zwei Personen, die sich hier befinden: Mich und diese immer größer werdende Leere.

Tropfen für Tropfen sammelt sich eine Angst in mir. In meiner Hand halte ich Scherben. Die Scherben der Vergangenheit. Sie schneiden sich tief in mein Fleisch, sind das einzige, an das ich mich halten kann.

Doch der Schmerz kommt nicht an, ich spüre nichts. Die Leere hat mich eingenommen.

Leere ist die Mutter der Verzweifelten. Leere ist dieses Gefühl in mir. Leere ist das Geräusch, das die Stille unterbricht. Leere ist die Sprache, die mich um den Verstand quält.

Ich bin ein Kind dieser unerträglichen Leere. Der Morgen darf diese düsteren Gassen nicht erreichen. Meine Reise darf hier nicht enden.

Meine Reise darf hier nicht enden.


Weiße Tasten.

19. Februar 2010

Ich sitze vor diesem Bildschirm, weiß nicht, wohin ich starren soll. Meine Finger liegen auf weißen Tasten, wirken dabei trübselig und müde. Zu meinen Ohren führt ein Kabel, durch das Musik in mich hinein fließt.

Und ich, ich sitze hier und schreibe. Doch ich schreibe nicht das, was ich schreiben wollte. Mir fehlen die Worte, mir fehlt der Anfang des Fadens. Es muss kein roter, kein blauer Faden sein, es muss einfach der Faden sein. Das schreibt sich leichter, als es ist.

Ich möchte von dem erzählen, was in mir schlummert. Je länger es dort schläft, desto bedrückender ist es. Manchmal glaube ich, dass ich es vergessen, verdrängen kann. Doch genau das kann ich nicht. Ich sollte mir nichts vormachen.

Vielleicht gelingt es mir, diesen Klumpen zu lösen. Denn ich spüre, wie es sich in mir ausbreitet. Als wäre es ein Krebsgeschwür.


Paul.

19. Februar 2010

Ich hatte einmal einen Freund. Einen besten Freund. Er war der beste Freund, den ich je hatte. Sein Name ist Paul.


Apfelkuchen.

18. Februar 2010

Das Telefon klingelt. Mit halb zugekniffenen Augen sehe ich den Namen einer guten Freundin auf dem Display, warte ein paar Sekunden und drücke dann den grünen Knopf. Ihre Stimme kommt nur gedämpft bei mir an, ich bin noch tief verwurzelt in meinen Träumen. Sie sagt, dass wir heute doch nichts unternehmen können. Ich gebe ein unverständliches “Hmm, ja gut.” von mir und lege auf.

In letzter Zeit habe ich auf nichts Lust. Ich möchte nichts tun, möchte aber nicht Nichtstun. Ich liege wie ein Sack Mehl in der Gegend herum. Ungenutzt, ungeöffnet. Dabei möchte ich, dass mein Mehl verwendet wird. Ich möchte ein Apfelkuchen sein, ich möchte, dass man aus meinem Mehl leckere, fein duftende Brötchen backt.

Doch niemand bemerkt das.


16. Februar 2010

Was ich mag: Die Falten alter Menschen bestaunen. Warme Suppe nach einem langen Tag. Sommersprossen. Augen beim Blinzeln zusehen. Das Tropfen der Regenrinne. Weiße Tulpen. Blut im Schnee. Traurigkeit. Den ersten Sonnenschein des Frühlings. Liebe im Detail. Kleinigkeiten. Die Schönheit einer Feder. Meine Heimat. Die Mutter mit den drei Kindern, die ich immer in der Bahn treffe. Den alten Herren am Bahnhof. Das Ş in Buchstabensuppen suchen. Funda Arar. Melancholie. Fallendes Laub. Alte Bauten. Das Lächeln eines Kindes. Waschmittelgeruch. Das Klirren beim Öffnen der Haustüre. Unter heißem Wasser die Erschöpfung des Tages auswaschen. Das Schnurren einer Katze.


Durst.

16. Februar 2010

Ich weiß nicht, warum ich das getan habe. Vielleicht war es die Angst, das Verpasste nicht nachholen zu können, weil das Verpasste einfach verschwinden würde. Vielleicht war es auch die Vorahnung, dass ich all das einfach nicht nachholen würde, es einfach lassen würde. Aber werde ich es jetzt nachholen? Ich beginne viele Dinge und bringe sie nicht zu Ende.

Ist das, was ich “verpasst” nenne, wirklich versäumt worden? Es hat vor meiner Zeit stattgefunden. Ich konnte es nicht verpassen, ich wusste nichts davon und konnte auch nichts davon wissen.

Jetzt wird mir bewusst, was ich eigentlich schon immer wusste. Bewusst unterbewusst.

Es kribbelt in mir. Ich spüre da einen starken, sehr starken Durst in mir aufflammen, doch ich stille ihn nicht. Warum?

Manchmal werde ich sehr traurig, weil ich all diese großartigen, wundervollen  und  phantastischen Phänomene nicht miterlebt habe.

Doch ich konnte sie nicht miterleben. Dafür bin ich zu jung.

Zu jung.

Ich habe Angst, dass es in “meiner Zeit” solche Phänomene nicht geben wird. Ich sehe, was meine Generation ist und was sie erschaffen kann. Kaum etwas davon gefällt mir. Das meiste widert mich an. Ich möchte mich nicht an diesen Dingen verschwenden, dafür bin ich mir selbst zu wertvoll.

Und dann kommt die Angst. Was ist, wenn meine Befürchtungen wahr werden? Was ist, wenn wirklich alles so banal ist, wenn wirklich alles so kommt, wie sie es schon immer gesagt haben?

Ich möchte überrascht werden.

Meistens ziehe ich mich einfach zurück und beschäftige mich mit den Phänomenen. Mit den Dingen, die mich wirklich interessieren. Die mich fordern. Doch entweder sehe ich die Reste, die noch herumliegen oder ich sehe, wie die Phänomene zerfallen. Ich weiß nicht, wie sie herangewachsen sind. Ich sehe nur das baldige Ende, das, was kommen wird. Was kommen könnte.

Und das macht mich traurig. Ich kann es nicht verhindern. Ich gehöre nicht dazu, bin nur ein Zuschauer am Rande, den niemand kennt, von dem niemand etwas weiß. Ich möchte aktiv sein, mich beteiligen, doch kenne die Geschichten nicht. Ich kenne die Beziehungen untereinander nicht. Ich kenne und weiß kaum etwas.

Warum? Weil ich es nicht nachhole. Weil ich es nicht kann. Jahre kann man nicht einfach so nachholen. Und selbst wenn ich es tun würde, hätte ich für jedes einzelne Fragment die Gefühle, die Zeit, die es benötigt, um sich wie ein Schmetterling zu entfalten, sich von seiner Puppe zu befreien und elegant davon zu flattern?

Manche Dinge brauchen sehr viel Zeit, um verstanden, verarbeitet zu werden. Andere Dinge kann man nicht verstehen, verarbeiten.

Vor mir liegen sie wie schwere, dicke Bücher. Meine Neugier ist groß und ich bin zu schwach, um diese Neugier zu stillen.


Auf der Suche.

8. Januar 2010

“Wir alle suchen nach jemanden – nach diesem besonderen Menschen, der uns das gibt, was wir im Leben vermissen. Nach jemanden der uns Gesellschaft leistet, oder Hilfe verspricht, oder Sicherheit bietet und manchmal, wenn wir wirklich lange genug suchen, finden wir jemanden, der uns alles auf einmal gibt. Ja, wir alle suchen nach jemanden. Und wenn wir diesen jemand nicht finden, dann können wir nur beten, dass er uns findet.”

Mary Alice Young.


Zwischenräume.

7. Januar 2010

Ein intensiver Geruch. Ich drehe mich, suche nach dem Ursprung. Eine Steinwand, schwer und Jahrhunderte alt. Jeder Atemzug ist eine Qual, die Hitze ist erdrückend. Hoch am Himmel steht die Sonne. Ich atme ein.

Es ist das Pflänzchen, hier entspringt dieser wundervolle, sanfte Geruch. Ich atme nochmals ein. Ein befreiendes Gefühl verbreitet sich in mir, ich fühle mich wohl, trotz der tropischen Luft, trotz der brennenden Sonne.

Vorsichtig halte ich meine Hände über dieses Gewächs. Ich berühre die Blätter. Oben glatt, unten flauschig wie ein Pfirsich. Nochmals atme ich ein.

Aus dieser schweren Steinwand ist es entsprungen, fein duftend lebt es im engen Zwischenraum.

“Komm jetzt, wir müssen weiter!” Ich atme ein letztes Mal ein und denke mir: Ich bin genau wie dieses Pflänzchen.


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